Gemeinsam, aber individuell

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Das sozialistische Wirtschaftsmodell Kibbutz hat in seinen mehr als 100 Jahren drastische Veränderungen erfahren. Aus kargen landwirtschaftlichen Kommunen sind moderne, vielfältige Formen des Arbeitens und Lebens geworden. Von Reinhard Engel

Die Anfänge waren brutal. „Der Körper ist zerschlagen, der Kopf schmerzt, die Sonne brennt und schwächt uns.“ So schrieb einer der Pioniere des ersten Kibbutz, Degania Alef, über die Plackerei der ersten Jahre. Es waren zehn Männer und zwei Frauen, die im Jahr 1910 im Süden des Sees Genezareth unweit des arabischen Dorfs Umm Juni eine kleine landwirtschaftliche Gemeinde gründeten. Sie stammten aus Osteuropa, aber sie wollten ihre Arbeit und ihr Zusammenleben anders organisieren, als sie das von den Dörfern zuhause kannten: Alles sollte allen gemeinsam gehören, jeder dasselbe bekommen, welche Arbeit er oder sie auch verrichtete. Wirtschaftliche Entscheidungen sollten stets in einer Versammlung aller Mitglieder fallen, nach ausführlichen Diskussionen.

Degania Alef ist der älteste der israelischen Kibbutzim. Er wurde 1909 von einer Gruppe zionistischer Einwanderer aus Weißrussland gegründet. Links: die ersten Häuser des Kibbutzim aus dem Jahr 1912.
Degania Alef ist der älteste der
israelischen Kibbutzim. Er wurde
1909 von einer Gruppe zionistischer
Einwanderer aus Weißrussland
gegründet. Links: die ersten Häuser
des Kibbutzim aus dem Jahr 1912.

Nicht alle Gründer hielten in Degania die Anfangsjahre durch, immer wieder gab es Krankheiten, manche gaben auf und zogen weiter. Dennoch zählte der Kibbutz im Jahr 1914 fünfzig Mitglieder. Und er existiert noch heute, freilich in grundlegend gewandelter Form.

Es gab zahlreiche Gründe für die Neueinwanderer aus Europa, sich in Israel in derartigen Gemeinschaften zusammenzuschließen. Einer davon war die Ideologie: In der zweiten und dritten Alija ab 1904 bis etwa 1923 kamen mittel- und osteuropäische Juden nach Palästina, die eine sozialistische Gesinnung hatten und diese auch verwirklichen wollten. Zwar verfügten die meisten von ihnen über keine Kenntnisse der Landwirtschaft, aber sie wollten auf dem Land leben und davon, was es hergab. Zu ihrer Ideologie gehörte nicht nur der Gedanke der Gleichheit untereinander, man wollte auch niemand von außen beschäftigen und ausbeuten, sondern die notwendigen Arbeiten alle selbst erledigen, die angenehmen wie die unangenehmen. Die Ablehnung eines bourgeoisen Lebensstils betraf aber nicht nur die Produktionsmittel, die allen gehören sollten. Man wollte auch gemeinsam leben, essen, die Kinder erziehen. Freilich war dies nicht ausschließlich der Theorie geschuldet, es kam in Zeiten extremer Knappheit an Mitteln natürlich billiger, eine gemeinsame Küche zu betreiben, ein gemeinsames Kinderhaus ebenso wie eine Bade- oder Duschhütte. Die Wohnmöglichkeiten waren äußerst bescheiden, nur wenige Quadratmeter pro Person oder Paar.

Die Kibbutzim der Jahre vor der Staatsgründung erfüllten aber noch andere Funktionen. Eine davon war die Sicherheit. Zwar hatte der jüdische Nationalfonds die Grundstücke, auf denen die landwirtschaftlichen Gemeinschaften errichtet wurden, korrekt von arabischen Eigentümern gekauft, dennoch kam es immer wieder zu Überfällen aus den benachbarten Dörfern. Und im Unabhängigkeitskrieg sollten die Kibbutzim dann auch eine wichtige Rolle spielen. Weiters lieferten sie einen entscheidenden Beitrag zur Ernährung der Bevölkerung, und schließlich ermöglichten sie es, viele Neueinwanderer außerhalb der Städte relativ schnell einzugliedern.

„Der Körper ist zerschlagen, der Kopf schmerzt, die Sonne brennt und schwächt uns.“

Die Siedlungsform wurde ein Erfolg. 1948, bei der Staatsgründung, lebten beinahe acht Prozent der Bevölkerung in den landwirtschaftlichen demokratischen Gemeinschaften. Aber das war dann auch schon der Höhepunkt, der später nie mehr erreicht werden sollte.

Schon 1923 hatte sich – übrigens als Abspaltung von Degania – der erste Moschaw gegründet, ebenfalls eine bäuerliche Siedlungsform, allerdings vom Start weg weniger sozialistisch, mit Familien, die in ihren jeweils eigenen Häusern lebten. Spätere Einwandererwellen, etwa aus Nordafrika, konnten mit der Gemeinschaftsideologie weniger anfangen. Und ab der Gründung des Staates verlor dann der Kibbutz entscheidende Aufgaben, so übernahm die neu gegründete Armee jene der Sicherheit. Ministerpräsident David Ben Gurion, der zwar der Kibbutz-Bewegung nahestand und auch seinen Lebensabend in einem Kibbutz in der Negev-Wüste verbringen sollte, brauchte jetzt Offiziere und Beamte – und rekrutierte entsprechend auch unter den fähigen Landwirten.

Industriealisierung und Krise

Große Veränderungen brachten aber auch  neue Branchen mit sich, in die sich die Kibbutzim vorwagten. Es war logisch, dass sie neben der Landwirtschaft begannen, deren Produkte auch vor Ort weiterzuverarbeiten. So entstanden Konservenfabriken und Fruchtsaftabfüllanlagen, bald bauten die Kibbutz-Mitglieder auch Möbel, Bewässerungssysteme oder Landmaschinen. Diese Verbreiterung hatte ihre Folgen in der Organisation. Jetzt brauchte man Spezialisten: Techniker, Buchhalter, Manager. Die Aufgaben waren zu kompliziert geworden, um diese allen Mitglieder durch Rotation zuzumuten. Und gewerbliche oder industrielle Betriebe verlangten auch mehr Arbeitskraft, als sie überall zur Verfügung stand – man begann Menschen von außen anzustellen, sowohl als Betriebsleiter wie auch als einfache Arbeiter. Die reine sozialistische Lehre kam bereits ins Wanken.

Die Ablehnung eines bourgeoisen Lebensstils betraf nicht nur die Produktionsmittel, die allen gehören sollten. Man wollte auch gemeinsam leben, essen und die Kinder erziehen.
Die Ablehnung eines bourgeoisen Lebensstils betraf nicht nur die Produktionsmittel, die allen gehören sollten. Man wollte auch gemeinsam leben, essen und die Kinder erziehen.

Doch auf der politischen Ebene ging es noch gut. Die Kibbutz-Bewegung war in beiden sozialistischen Parteien – Mapam und Mapai – gut verankert und auch mit dem Gewerkschaftsbund Histadrut auf Du und Du. In der Knesset saßen mehr Kibbutz-Parlamentarier, als der Bewegung rein von der Demografie her zugestanden hätten. Zahlreiche Politiker der Linken gingen aus ihren Kadern hervor: etwa der heutige Staatspräsident Shimon Perez oder die Premierminister Golda Meir, Ehud Barack und – indirekt – auch Yitzhak Rabin. Aus dem Ausland kamen ab dem Sechstagekrieg zahlreiche sozialdemokratische wie christliche Jugendliche, um im Ernteeinsatz zu helfen und am sozialistischen demokratischen Modell zu schnuppern. Zu ihnen gehörte etwa auch Heinz Fischer, der österreichische Bundespräsident.

Doch die guten Zeiten sollten nicht andauern. Die Kibbutz-Bewegung hatte – ähnlich der staatlichen Industrie in manchen europäischen Ländern – nicht wirklich genau auf die Rentabilität ihrer Unternehmen geachtet. Wenn man Geld für Investitionen brauchte, gab es billige Kredite, auch zum Abdecken von Verlusten. Als 1977 die konservative Likud-Regierung an die Macht kam, kam es zu einem radikalen Kurswechsel. Diese plädierte à la Ronald Reagan und Margaret Thatcher für harte Marktwirtschaft. Plötzlich hatten die Kibbutz-Funktionäre ihre politischen Schutzherren verloren. Jetzt trafen eine Wirtschaftsschwäche von außen und lange verschleppte Probleme innerhalb der Gemeinschaften aufeinander – und in den 80er-Jahren fand sich die Kibbutz-Bewegung in einer ernsten Krise. Es gab einzelne Konkurse und Schließungen, da die Kibbutzim füreinander hafteten, so kam die gesamte Bewegung ins Trudeln. Die Regierung verlangte harte Reformmaßnahmen.

Individualismus statt Sozialismus

Aber das war noch nicht alles. Denn nicht nur die politischen Rahmenbedingungen hatten sich verändert, sondern die israelische Gesellschaft insgesamt. Sie war reicher geworden, internationaler, offener. Zahlreiche Kibbutzim veränderten sich nicht nur auf der Produktionsseite mit neuen Industrieunternehmen – jetzt auch Plastik, Maschinenbau und Hightech –, sie wurden auch individualistischer, manche meinten bürgerlicher. Die Kinder lebten wieder bei den Eltern, die Gemeinschaftsküchen boten weniger an, weil die Familien zuhause kochten, es wurden Stromzähler angeschafft, damit jene, die die Klimaanlagen am längsten laufen ließen, dafür auch entsprechend bezahlten. Nach den brutalen Erfahrungen mit Konkursen begannen die Kibbutz-Verwaltungen individuelle Kranken- und Pensionsversicherungen für ihre Mitglieder abzuschließen.

Die Grenzen zwischen Kibbutz-Mitgliedern und der übrigen Gesellschaft verschwammen weiter. Junge Mitglieder besuchten die Universitäten, und nicht alle kamen zurück. Wegen des Rückgangs der Bewohner vermietete man an Menschen von außen oder verkaufte gar Wohnungen und Häuser. Ein Wissenschaftler, der sich mit der Wandlung innerhalb der Kibbutz-Bewegung befasst, nannte diese Reformsiedlungen „nicht viel mehr als gated communities“, wie man sie aus den USA kennt.

Nicht nur die politischen Rahmenbedingungen hatten sich verändert, sondern die israelische Gesellschaft insgesamt.

Dennoch scheint es den Kibbutzim gelungen zu sein, ihre Grundidee – wenn auch in weniger ideologischer Form – als eine Art Kibbutz light zu stabilisieren. 2011 gab es immerhin 248 nichtreligiöse Kibbutzim – dazu noch 16 religiöse. Allerdings bezeichnen sich davon 188 als „reformierte“ Kibbutzim, die vom einstigen sozialistischen Ideal weit abgewichen sind, indem sie etwa unterschiedliche Löhne zahlen. Nur mehr 53 Kibbutzim halten das alte Gleichheitsideal hoch, vor allem Gemeinschaften, die etwas weiter von den Städten entfernt liegen. Daneben gibt es eine neue Entwicklung, die „grünen“ Bio-Kibbutzim. Noch sind es nicht viele, aber die Tendenz zeigt nach oben.

Felder, Maschinen, Hotel-Pools

Heute leben in israelischen Kibbutzim etwa 120.000 Menschen, das entspricht etwas mehr als zwei Prozent der jüdischen Bevölkerung des Landes. Sie produzieren 40 Prozent der landwirtschaftlichen Erzeugnisse, sieben Prozent der Industriegüter und tragen zum nationalen Tourismusumsatz etwa zehn Prozent bei. Entsprechend vielfältig sind auch ihre wirtschaftlichen Aktivitäten.

Kibbutz Degania Alef erzeugt etwa neben landwirtschaftlichen Produkten auch Werkzeuge für Diamantenschleifer. Kiryat Anavim, in den Weingärten westlich von Jerusalem gelegen, bietet seinen Besuchern ein elegantes, modernes Spa mit speziellen Behandlungen mit Wein. Die drei Negev-Kibbutzim Hatzerim, Yiftach und Magal hatten ihr Tröpfchenbewässerungssystem unter der Marke Netafim bis zum Weltmarktführer entwickelt. Vor drei Jahren verkauften sie die Mehrheit an einen europäischen Investmentfonds, Permira, und sind jetzt nur mehr Minderheitseigentümer. Nahsholim südlich von Haifa baut Bananen und Baumwolle an und betreibt daneben eine Plastikfabrik und ein Resort am Meer. Ma’agan Michael ganz in der Nähe beschäftigt sich neben der Fischzucht mit der Herstellung von Plastikteilen und Baugruppen für die Elektro­nikindustrie. Sasa in Galiläa besitzt eine Spezialfirma für Kugel- und Splitterwesten sowie für die Armierung von Fahrzeugen: Plasan. Tzora bei Jerusalem erzeugt neben Wein noch Rollstühle und stellt heiratswilligen Paaren ein „wedding venue“ zur Verfügung. Lavi im Norden betreibt ein Hotel für orthodoxe Gäste und erzeugt Synagogenmöbel.

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