Gepinselte Bäuche

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© The Lucian Freud Archive / The Bridgeman Art Library
© The Lucian Freud Archive / The Bridgeman Art Library

Das Kunsthistorische Museum zeigt die erste österreichische Retrospektive des
Malersuperstars Lucian Freud.
Von Thomas Edlinger

Vielleicht ist es sinnlos, nach der Wahrheit eines Menschen zu fragen. Was aber ist die Wirkung eines Menschen? Wenn man dem herausfordernden, malerischen Ausdruck von Lucian Freud glauben will, dann offenbart sich sogar im Blick auf ein nacktes Supermodel wie Kate Moss eine voluminöse, plastische Textur der Haut, die so gar nichts mit der professionellen, aseptischen Straffheit von Modelkörpern und den kosmetischen Nachbesserung von Falten und Poren in ihren medialen Abbildern zu tun hat. Zudem erscheinen, wie so oft bei Freud, die Proportionen verzerrt. Der durchaus entspannt blickende Kopf ist kleiner, das Becken breiter, der Bauch dicker, als man es von den Celebrity-Fotos kennt.  Wenn auch nicht so dick wie der schlaffe, massive Bauch von Sue Tilly, einer Mitarbeiterin eines Londoner Arbeitsamtes. Auch Tilly räkelt sich wie Moss auf einem Sofa. Doch ihre Augen sind geschlossen, ihr Gesicht an den Bildrand gedrängt. Der hingegossene, mittige Fleischberg dominiert über die Mimik und konfrontiert den Betrachter mit der trägen Hinfälligkeit des Körpers, seinem entblößten Verfall. Ihr Porträt ist, auch das typisch Freud, in kräftig aufgetragenen Brauntönen gehalten. Es heißt Benefits Supervisor Sleeping und wurde 2008 um über 33 Millionen Dollar an den Milliardär Roman Abramowitsch verkauft – bis heute der höchste Preis, der für ein Werk eines lebenden Künstlers bezahlt wurde.

Reflection (Self Portrait),  1985, Öl auf Leinwand © The Lucian Freud Archive / The Bridgeman Art Library
Reflection (Self Portrait),
1985, Öl auf Leinwand
© The Lucian Freud Archive /
The Bridgeman Art Library

Auch dieses Werk wird im Rahmen der ersten österreichischen Retrospektive des 2011 im Alter von 88 Jahren verstorbenen Malers im Kunsthistorischen Museum zu sehen sein. Lucian Freud emigrierte im Jahr der Machtübernahme der Nazis 1933 mit seiner Familie nach Großbritannien. 1939 erhielt er die britische Staatsbürgerschaft.

Heute gilt er als einer der gewichtigsten figurativen Maler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Diese Rolle kommt ihm wohl auch deshalb zu, weil Freud, wie sonst aus seiner Generation vielleicht noch Balthus, das mittlerweile vom Publikum verehrte Bild des modernen Künstlers erfüllt: einzelgängerisch, kompromisslos, leidenschaftlich und obsessiv. Seine intensive Freundschaft mit Francis Bacon zeigt sich nicht nur in diversen Porträts seines Kollegen, sondern auch in seiner Faszination für den ästhetischen Wert der Deformation, die wie in der Hochblüte der modernen Kunst ein labiles und fragiles Menschenbild zur Kenntlichkeit zu entstellen versucht.

Die anlässlich seiner aufwühlenden Bilder oft gehörte Frage, ob sich dabei so etwas wie der Wesenskern oder die Seele des porträtierten Gegenübers enthüllt, ist nicht nur unbeantwortbar, sondern führt auch auf die falsche Fährte. Denn es macht gerade die existenzielle Wucht der Malerei Freuds aus, sich nicht auf den Gestus einer entlarvenden und damit eine Bedeutung fixierenden Darstellung reduzieren zu lassen. Die rohe Ungeschminktheit ist nicht Ausdruck der wahren Seele, sondern mehrdeutiges Resultat eines entschiedenen Stilwillens.

Er sah sich nicht als ständiger konzeptueller Neuerfinder seiner selbst, sondern als beständiger Partner eines imaginären Dialogs mit Malern wie Dürer, Rembrandt oder Tizian.

Baby on a Green Sofa,  1961, Öl auf Leinwand © The Lucian Freud Archive / The Bridgeman Art Library
Baby on a Green Sofa,
1961, Öl auf Leinwand
© The Lucian Freud Archive /
The Bridgeman Art Library

Freud war ein großer Verehrer der alten Meister, nach deren Vorbildern er Skizzen und Entwürfe anfertigte. Er sah sich nicht als ständiger konzeptueller Neuerfinder seiner selbst, sondern als beständiger Partner eines imaginären Dialogs mit Malern wie Dürer, Rembrandt oder Tizian. Die Wiener Ausstellung zeigt einen kursorischen Überblick vom relativ zahmen Frühwerk bis zu den letzten Porträts betont schamlos herumliegender, wie aus der Zeit gefallener, fülliger Leiber. Kuratiert wurde sie vom in Wien lebenden Briten und Wegbegleiter des Künstlers, Jasper Sharp, in Zusammenarbeit mit Freuds Assistenten David Dawson. Sharp ist auch für die 2012 etablierte Schiene für zeitgenössische Kunst im Kunsthistorischen Museum verantwortlich. Warum ausgerechnet Freud der erste Solokünstler der Gegenwart ist, der hier eine Überblicksschau bekommt? Jasper antworte darauf im Katalog so: „Freuds größtes Paradox – und seine unzweifelhaft größte Leistung – war es, ein Werk zu schaffen, das ihn für ein historisches Museum zu zeitgenössisch und für ein zeitgenössisches Museum zu historisch erscheinen ließ.“

WINA INFO
Die mit 43 Werken bestückte Ausstellung Lucian Freud läuft vom 8. Oktober 2013 bis zum 6. Jänner 2014 im Kunsthistorischen Museum.
Sie zeigt eine Werkauswahl, die noch zu Lebzeiten des Künstlers mit Freud selbst abgestimmt wurde. Die Schau eröffnet zugleich die neue Reihe „Modern Masters“, die sich einmal im Jahr mit monografischen Ausstellungen den Werken zeitgenössischer Künstler widmen soll.
Ergänzend dazu zeigt das Sigmund-Freud-Museum unter dem Titel Lucian Freud: privat Fotografien von David Dawson, der jahrelang als Assistent Freuds gearbeitet hat.

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