Gerüche der Kindheit, die nie vergehen

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Als ungarisches Flüchtlingskind zwischen einer selbstlosen Baronin und einem verkappten Nazi-Nachbarn gab es auch viel Opernmusik und jüdisches Bewusstsein. Von Marta S. Halpert

Der Geruch ist jederzeit abrufbar. Auch das Bild haftet noch über Jahrzehnte im Kopf. Eine kleine, zarte Frau mit großer Schürze beugt sich über einen hellgrauen, runden Aluminiumbottich, auf dem ein raues, rechteckiges Holzgitter liegt. Flink streut sie grobkörniges Salz auf die rohen Fleischstücke und wendet diese mehrmals hin und her. Nach mehr als einer halben Stunde ist jeder Blutstropfen dem Fleisch entwichen, es schimmert silbrig-rosa bis weiß. Sämtliches Zubehör zum wöchentlichen Ritual des Fleisch-koscher-Machens, also des Kascherns, stand am Eingang zur winzigen Küche und die Witterung des blutentleerten salzigen Fleisches lag über der ganzen Wohnung.

Ilona, die feinfühlige adelige Vermieterin, hatte an der klugen Ilonka aus dem siebenbürgischen Schtetl einen Narren gefressen.

Die fromme Frau, die sich auch unter widrigsten Umständen von ihren religiösen Vorschriften und deren genauer Durchführung nicht abbringen ließ, war meine Mutter. Wir waren Ungarnflüchtlinge, die mit viel Glück eine Untermiete gefunden hatten. Diese Unterkunft gewährte uns auch ein Flüchtling – aber ein Flüchtling aus Liebe. Die mollig-schöne Baronin Ilona Rasching von Raschingfels war mit dem feschen Diener ihrer adeligen Eltern durchgebrannt. Sie gab Klavierstunden, um zu überleben. Darüber hinaus vermietete sie ein Zimmer und ein Kabinett an unsere dreiköpfige Familie. Janusch, der polnischstämmige Liebhaber, goutierte die traditionell lebende jüdische Familie nicht sehr. Aber die Baronin hatte das Sagen, und sie überließ uns sogar ihre Küche, damit meine Mutter diese für das koschere Kochen gründlich reinigen und so benützen konnte.

Ilona und Janusch zogen sich in ein Kammerl hinter der Küche mit tristem Hofblick zurück. Von dort strömte mir ein anderes, sehr fremdes Aroma in die Nase: Süßlich und nach schwerem Fett roch es da. Erst viel später sollte ich erfahren, dass dort ziemlich das Gegenteil von koscher gekocht wurde. Die Baronin gab mir Klavierunterricht und wollte kein Geld dafür nehmen.

Schulkolleginnen wurden kurzerhand eingeladen, am Freitagabend die frischen selbst gebackenen Challot mit uns zu teilen.

Ilona, die feinfühlige adelige Vermieterin, hatte an der klugen Ilonka aus dem siebenbürgischen Schtetl einen Narren gefressen, und in meinen charmant-witzigen Vater war sie ein bisschen verknallt. Sie liebte Opernmusik genauso wie der Zahnarzt, der in seiner geräumigen Budapester Innenstadtwohnung eine umfangreiche Bibliothek inklusive vieler deutscher Klassiker zurücklassen musste. Mit Rücksicht auf den Beruf meines Vaters, der andere ungarische Flüchtlinge großteils kostenlos behandelte, verzichtete die Hausherrin am Nachmittag auf ihren Unterricht – und damit auf einen Teil ihres Einkommens. Schließlich musste auf dem schwarzen Flügel Existenzielleres passieren als kindliches Geklimper: Ab 14 Uhr breitete Henry auf einem weißen Leintuch seine zahnärztlichen Instrumente aus, stellte einen harten Fauteuil sowie eine Stehlampe neben das geschlossene Klavier – und fertig war die Ordination. Mit wenigen geretteten Instrumenten sowie der Unterstützung einer großherzigen Frau begann eine neue Existenz.

Kiddusch und Käsebrot

Gar nicht verschämt ging man bei uns zu Hause mit dem „Jüdischsein“ um. Da Schule wichtig war, musste ich auch am Samstag (Schabbat) hingehen, aber schön gekleidet, ohne Schultasche und ohne mitzuschreiben. Nur zuhören brächte auch etwas, befand mein Vater. Er war es auch, der alle Fragen meiner nicht-jüdischen Freunde zur jüdischen Religion klar beantwortete und damit jede falsche Interpretation oder Mystifizierung unterband. Schulkolleginnen wurden kurzerhand eingeladen, am Freitagabend die frischen selbst gebackenen Challot mit uns zu teilen und sich den Kiddusch mit deutschsprachiger Erklärung anzuhören. Die bekennende und aufrechte Haltung zum Judentum hat er mir eingeimpft. Dass bei diversen Kinderjausen ein extra Teller mit Käsebrot für mich bereitstand – während alle anderen Schinkenbrot aufgetischt bekamen – erfüllte ihn mit Genugtuung. Wusste er doch, dass ich nicht selten antisemitische Untertöne und Bemerkungen im Gymnasium hinunterschlucken musste. Außerdem galt es für das Flüchtlingskind noch anderes zu überspielen: Bürgerlich und wohlhabend waren meine Mitschülerinnen, doch ich konnte weder bei modischer Kleidung noch bei kostspieliger Sportausrüstung mithalten. Als sich die anderen untereinander schon Markennamen an den Kopf warfen, ging ich noch verschämt im selbst gestrickten roten Pulli-Set zum Wiener Eislaufplatz.

Das vielschichtige „Küss’ die Hand“

Mein sehr höflicher und zuvorkommender Vater hatte das „Küß’ die Hand“ glatt verinnerlicht. Er verwendete die Formel ständig: Von der Baronin bis zur Hausbesorgerin, von der Lehrerin bis zur Trafikantin. Er war überzeugt, dass dieser Gruß und das Hutziehen zu seiner Akzeptanz in der Mehrheitsgesellschaft wesentlich beitragen würde. Musste man einen netten „Zuagrasten“ nicht lieber haben als einen grobschlächtigen? Er sollte schwer enttäuscht werden. In der ersten Hauptmietwohnung haben wir ein Panoptikum an Vor- und Nachkriegscharakteren in all ihren erfreulichen und miesen Facetten vorgefunden. Der versoffene Oboist der Wiener Philharmoniker wohnte Tür an Tür mit uns. Er weigerte sich, den Gruß des jüdischen Nachbarn zu erwidern – bis zu seinem Tod. Mein Vater versuchte es immer wieder, grüßte bei der gemeinsamen Liftfahrt, zog sogar den Hut vor der Ehefrau. Das sich bedrohlich anbahnende „Küss’ die Hand“ konnte ich nur mit einem hysterischen Schrei und einem heftigen Ruck an seinem Ärmel im letzten Moment verhindern. Erst als die Hausmeisterin unter größter Verschwiegenheit das Geheimnis lüftete, war mein Vater geheilt und gab das voreilige, seiner unwürdige Grüßen auf. Der Musiker hatte 1938 den Architekten vom dritten Stock bei der Gestapo denunziert. Dieser war zwar getauft und mit einer Christin verheiratet, doch da gab es noch irgendwo jüdische Vorfahren. Und das musste gemeldet werden. Der vom Nachbarn Ausgelieferte musste untertauchen. Was ich damals nicht verstehen konnte und mir bis heute unerklärlich ist: Beide Männer wohnten nach 1945 unter einem Dach und grüßten einander freundlich im Stiegenhaus.

Das Wohnhaus ist heute gut durchmischt, die Kriegsgeneration ist abgetreten: Das Geschwisterpaar, fleißige Bezieher der FPÖ-Postille Neue Freie Zeitung (NFZ), ist verstorben. Nur der Haider-treue-Politiker hat in der ehemaligen Wohnung des Oboisten sein Büro eingerichtet. Das zählt nicht, er ist eindeutig in der Minderheit: Die freundlichen Kinder und fröhlichen Enkelkinder eines Rabbinerehepaares bevölkern mitunter lautstark das Stiegenhaus. Nach salzigem Fleisch riecht es nicht mehr, heute wird alles bereits gekaschert geliefert. Aber der warme süße Duft von frischen Challot durchdringt das gesäuberte Haus immer noch.

1 KOMMENTAR

  1. Eine berührende Geschichte, die Asylanten-Ablehner lesen sollten. Ich hatte das Glück, Ilonka, die Mutter von Marta kennenzulernen. Ihre gütigen Augen strahlten vor Herzenswärme. Danke Marta.

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