
Ganz hinten, im letzten Raum der Ausstellung, in einem dunklen Saal mit niedrigem Gewölbe, bringen die Scheinwerfer-Spots goldene, magische Stoffbahnen zum Leuchten. Es sind sechs Tafeln, die einst einen Thoraschrein in einer amerikanischen Synagoge bedeckten: Die vier inneren Paneele befanden sich auf verschiebbaren Türen, die beiden äußeren waren fix angebracht. Davor gab es noch einen halb durchsichtigen Vorhang.
Diese Arbeit aus dem Jahr 1962 für die Kongregation B’nai Israel in Woonsocket, Rhode Island, war nicht die erste, die Anni Albers für eine Synagoge entworfen und ausgeführt hatte. Schon 1957 hatte sie einen Thoravorhang für den Tempel EmanuEl in Dallas, Texas, geliefert, ein Jahr später Vorhänge für den Westchester Reform Tempel in Scarsdale, New York.

Im Jahr 1967 würde sie eines ihrer bekanntesten und berührendsten Werke schaffen: Six Prayers, ein Auftrag des Jüdischen Museums in New York. Die von ihr in sieben Monaten von Hand gewebten sechs Stoffbahnen sollten an die sechs Millionen in der Shoah ermordeten Jüdinnen und Juden gedenken. Albers selbst schrieb dazu später: „Six Prayers ist keine großformatige Arbeit, sondern vom Entwurf und von den Details her eher intim. Ich hoffe jedoch, dass der Gesamteindruck der Würde des Themas angemessen ist.“
Das Untere Belvedere in Wien präsentiert in der Ausstellung Anni Albers. Constructing Textiles mehr als 180 Werke der deutschamerikanischen Textilkünstlerin. Ein Gutteil der Werke kommt von den Kooperationspartnern, dem Zentrum Paul Klee in Bern sowie der Josef und Anna Albers Foundation in Bethany, Connecticut. Darüber hinaus stammen Objekte und Zeichnungen aus Museen und Privatsammlungen, manche von ihnen werden überhaupt zum ersten Mal öffentlich präsentiert.
Anni Albers kooperierte mit Architekten, gestaltete Aufträge
für unterschiedliche Synagogen und arbeitete zunehmend auf Papier.
Wer war Anni Albers? Sie wurde 1889 in Berlin-Charlottenburg als Annelise Else Frieda Fleischmann in eine assimilierte jüdische Familie hineingeboren und protestantisch getauft. Ihr Vater, Siegfried Fleischmann, war Möbelfabrikant, ihre Mutter, Toni Fleischmann-Ullstein, eine Tochter des jüdischen Verlegers Leopold Ullstein.
Annelise begann schon mit 17 Jahren ihre künstlerische Ausbildung, zunächst im Studienatelier für Malerei und Plastik in Berlin. Nach drei Jahren und ihrem Abschluss bewarb sie sich an der Dresdner Akademie für Malerei, wurde dort aber abgelehnt. Plan B war eine Kunstgewerbeschule in Hamburg.

1922 inskribierte sie am Bauhaus in Weimar – erneut mit dem Ziel Malerei. Doch kurzerhand steckte man sie – als Frau – in das Weberei-Departement. „Das waren die damaligen Stereotype“, so die Chefkuratorin des Belvedere, Luisa Ziaja. „Frauen sollten eher zu den Textilien gehen, die höherwertigen Disziplinen den Männern vorbehalten bleiben.“ Zuerst verärgert, begann Annelise bald, diese Arbeit und ihre Freiheiten zu schätzen und weiter auszutesten. Ziaja: „Es gab eigentlich noch keinen geregelten Unterricht. Aber etwas war klar: Man wollte nicht nur florale und figurative Darstellungen auf Textil übertragen.“
Lebendiges Interesse an außereuropäischer Kunst. Anni Albers, wie sie sich nach ihrer Heirat mit dem Maler und Glaskünstler Josef Albers nannte, der ebenfalls am Bauhaus arbeitete, später sogar stellvertretender Leiter wurde, befasste sich vor allem mit geometrischen Formen. Sie studierte außereuropäische Kulturen und deren Kunsthandwerk, vor allem aus dem alten Peru. Später sollte noch Mexiko dazukommen und noch später ein intensiver Blick auf asiatische Kunstformen ihren Blick erweitern. Und sie probierte neue Materialien aus, Kunststoffe, die sie mit ihrem neuartigen Glanz der Wolle, Baumwolle und Jute hinzufügte.
1930 schloss Albers als erste Weberin ihre Ausbildung am Bauhaus ab, doch schon drei Jahre später sperrten die Nazis die mittlerweile nach Berlin übersiedelte Schule. Das Ehepaar Albers erhielt gerade noch rechtzeitig eine Einladung an eine neu gegründete Kunsthochschule in North Carolina, das Black Mountain College. Sie sagten zu und emigrierten, einige Jahre später holte Anni auch ihre Eltern ins sichere Amerika nach.
Hier bauten beide neue Studienprogramme auf, nicht unähnlich den ersten Jahren in Weimar. Anni Albers begann, erste kommerzielle Aufträge anzunehmen, über die Jahre intensivierte sich ihre Zusammenarbeit mit verschiedenen Architekten. Es ging darum, die Textilien nicht als Behübschung zu sehen, sondern als integralen Teil der Innenarchitektur. Darauf bezieht sich auch der Titel der Wiener Ausstellung: Constructing Textiles. Er ist einem Aufsatz von Albers entnommen. Diese Art der Zusammenarbeit wird auch im Belvedere anschaulich dargestellt: Hinter den Originalteppichen wird auf großformatigen Fotos gezeigt, in welchen Räumen sie sich einst befunden haben.
1949 verließen die Albers North Carolina und lebten kurz in New York. Dort hatte Anni ihre erste Einzelausstellung am Museum of Modern Art: Anni Albers Textiles. Dann erhielt Josef eine Berufung nach Harvard, wo er Leiter des Fachbereichs Design wurde. Nun übersiedelte das Paar nach Connecticut. Anni Albers kooperierte weiter mit Architekten, gestaltete Aufträge für unterschiedliche Synagogen und arbeitete zunehmend auf Papier; sie zeichnete und malte abstrakte, komplexe Formen, ohne kommerzielle Intentionen. Dazu kamen immer wieder kunsttheoretische Aufsätze. Josef Albers starb 1976, Anni sollte ihn lange überleben, bis 1994. Sie wurde 94 Jahre alt.





















