Gibt es eine jüdische Literatur?

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Und wenn ja, was macht sie dann jüdisch? Eine amerikanische Annäherung von Alan Cheuse

Fangen wir mit der folgenden Frage an: Gibt es ein Wesen namens jüdischer Autor? Saul Bellow und Bernard Malamud hatten jüdische Mütter, und trotzdem haben diese eigensinnigen Literatur-Giganten des amerikanischen 20. Jahrhunderts konsequent behauptet, sie wären keine jüdischen Autoren, sondern Juden, die über das amerikanische Leben in seinen vielen Inkarnationen schrieben, manchmal jüdische Figuren und Themen aufgriffen, manchmal auch nicht. Ist Bellows herrlicher Suchender in Der Regenkönig (Henderson the Rain King, 1964) ein Jude, weil sein Erzeuger jüdisch geboren wurde? Oder ist er ein nichtjüdischer Protagonist, erfunden von einem jüdischen Autor, der ihn ihm eine universelle Qualität für kosmische Fragen gefunden hat?

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Wir müssen nicht auf die matrilineare Abstammung ihrer Protagonisten schauen, um sie faszinierend und wichtig zu halten, oder?

Und Malamud? Ist es er Brooklyner Autor? Und wenn er mit Ein neues Leben (A New Life, 1961) ein komisches Meisterwerk über Identität und den heutigen amerikanischen Westen schreibt, wird er dann ein westlicher Autor oder bleibt er ein jüdischer Autor aus Brookklyn, der über den Westen schreibt?

Die Beantwortung dieser Frage macht wohl soziologisch einen feinen Unterschied und ist es wert, genauer betrachtet zu werden. Aber bringt sie uns der schriftstellerischen Arbeit näher oder bleiben wir damit lediglich an der Oberfläche? Malamuds Meisterwerk legt nahe, dass alle seine Protagonisten Juden sind, auch die nicht jüdischen. Und wenn alle Nichtjuden Juden sind, macht das alle nichtjüdischen Autoren zu jüdischen Autoren? Gilt das dann auch für afroamerikanische Autoren? Sind James Baldwins weiße Charaktere in Giovannis Zimmer (Giovanni’s Room, 1963) und Eine andere Welt (Another Country, 1965) tatsächlich unter der Haut schwarze Charaktere?

Die Argumentation wird trübe

Vielleicht hat Malamud Recht. Alle Menschen sind Juden, und alle Nicht-Juden sind Juden, und so sind alle Schriftsteller jüdische Schriftsteller. Doch halte ich es da lieber mit Bellows außergewöhnlichem Charakter Augie March. Und um den Beginn dieses herrlichen Romans [The Adventures of Augie March, 1953] zu paraphrasieren: Ich bin Amerikaner, geboren in Perth Amboy.

Wenn man wiederum auf die Erfinderin der modern(istisch)en Ästhetik in unserer Sprache blickt, stellt sich heraus, dass sie geborene Jüdin war: Gertrude Stein. Ihre These, dass jede Sprache ein bewegliches Medium ist, vom Autor formbar in derselben Art, in der ein Bildhauer sein Material bearbeitet, in derselben Art, in der ein Maler Licht und Form gestaltet, beeinflusste Hemingway zutiefst, selbst einen Schriftsteller, dessen Einfluss auf die amerikanische Literatur nicht unterschätzt werden kann.

Hemingway also ein Jude?

Logik hat vielleicht keinen wichtigen Platz in einer Diskussion dieser Art. Dafür aber Geschichte – und geografische Beziehungen, Familienbeziehungen, Seele und Geschmack. Das belegen auch die folgenden Beiträge jüdischer Literaturschaffender:

Provokant. Für mich ist Sprache wichtiger als ethnische Zugehörigkeit. Und so ist es auch in Hinblick auf die jüdische Literatur. Jüdische Sprachen, so wie Hebräisch, Jiddisch oder Ladino, sind für mich am wichtigsten bei der Definition von jüdischer Literatur. Das mag provokant klingen, aber wenn ein Araber Hebräisch schreibt, wie etwa Sayeed Kashua*, nimmt er am jüdischen Schreiben durch die Verwendung dieser Sprache teil. Kashua ist ein Teil der jüdischen Literatur eben dadurch, dass er auf Hebräisch schreibt und sich so den Kontext der klassischen jüdischen Literatur zu Nutze macht.

A.B. Yehoshua, 1936 in Jerusalem geboren, israelischer Autor, Essayist und Dramatiker

Traditionell. Jüdische Literatur ist traditionell ein Kommentar auf die Tora, ein anhaltender Dialog mit der Vorstellung an eine Autorität, ein Kommentar zum Glauben an ein Erbe, das etwas ganz Spezifisches von uns (ab)verlangt. Es ist im Grunde eine Frage über die Präsenz oder Absenz G-ttes, sogar in nicht religiösen Texten, wo diese Frage nicht an erster Stelle steht. Literatur beschäftigt sich immer damit, wer beurteilt wird und warum. Für mich ist es interessant, welche Sprache der Autor, die Autorin verwendet und für welchen Zweck er oder sie diese nutzt. Schriftsteller greifen immer auf die Archäologie jener Sprache zurück, die sie verwenden, ob bewusst oder nicht.

Dara Horn, 1977 geboren, US-amerikanische Professorin für jüdische Literatur und Schriftstellerin 

Unabhängig. Ich glaube, dass Juden glauben, dass es so etwas wie jüdische Dichtung gibt. Und vielleicht sind manche Juden glücklich, jüdische Dichtung zu schreiben. Mir ist das egal und ich frage: „So, und was jetzt?“ Für mich ist Dichtung ein Weg durch all den Mist in Richtung Lachen und Verständnis, und das ist für mich wichtiger als die Religion der Protagonisten oder ob eine Geschichte in Monsey oder Afrika spielt.

Shalom Auslander, 1970 in Monsey, New York, geboren, Autor und Essayist

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Erfahren. Das Leben jedes Menschen wird von dessen Erfahrungen bestimmt, und ich denke, wir alle fragen uns, wie das Leben in der Welt unsere Kreativität entfacht. Aber wenn du jüdisch bist, endet es damit: „Du hast mehr Bagels gegessen als ich, hat dich das zu einem Schriftsteller gemacht?“ Die Wahrheit ist, du könntest „jüdisch“ mit „East Coast“ oder „New York“ auswechseln ‒ meine nichtjüdischen Freunde in New York sind viel mehr „jüdisch“ als eine Menge anderer Menschen, die sich als Juden bezeichnen und an anderen Ort gelebt haben als ich. Für mich ist die Frage nach der Verbindung von Leben und Kreativität zutiefst kulturell.

Nathan Englander, 1970 in New York City geboren, Schriftsteller

„Ich erinnere mich an jüdische Autoren, die verachtet wurden, weil sie nicht das schrieben, was jüdische LeserInnen als „jüdisch genug“ betrachteten ...“ Pearl Abraham

Individuell. Es ist nur von Bedeutung, wenn es für einen selbst von Bedeutung ist. Es ist eine sehr individuelle Frage, die man nur für sich selbst beantworten kann: Ist es für dich wichtig, dass eine Geschichte jüdisch ist oder dass der Autor, die Autorin jüdisch ist? Sie hat aber nichts mit der Qualität einer Arbeit zu tun, mit der Originalität der Stimme, mit der Lyrik der Prosa, ob ein Roman sich mit der Welt beschäftigt und etwas Neues in die literarische Form einbringt ‒ die Werte, mit denen Literatur gemessen wird.

Pearl Abraham, geboren 1960 in Jerusalem, amerikanischer Autor. 

 Übersetzung: Angela Heide aus Moment Magazine (Juni 2012), momentmag.com

*Sayeed Kashua, 1975 in Tira geboren, lebt in Jerusalem, Journalist, Drehbuchautor, Schriftsteller

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