Gibt es jüdische Kunst?

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Jüdische Kunst ist immer jüdisch-religiöse Kunst. Doch zählt auch eine Synagoge dazu, die ein nicht-jüdischer Architekten erbaut hat? Von Manja Altenburg  

In ihren Vorlesungen über jüdische Kunst warf Professorin Hannelore Künzl gerne mal verschmitzt die Frage in die Runde: „Was meinen Sie, was ist an einem Landschaftsgemälde des Berliner Malers Max Liebermann jüdisch?“ Rasch hatte man begriffen, dass nichts daran jüdisch ist – außer Max Liebermann selbst. Künzl, die den „Fachbereich Jüdische Kunst“ an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg 1980 ins Leben rief, lehrte dort über 20 Jahre.

Die Definition von jüdischer Kunst, wie sie bis heute in Fachkreisen Geltung hat, geht auf sie zurück. Sie stellte fest, dass im Vergleich zur christlichen oder muslimischen Kunst jüdische Kunst immer jüdisch-religiöse Kunst ist. Der Begriff ist weder an Länder noch an Epochen gebunden und umfasst die Kunstgattungen von der Architektur über die Sakralkunst bis hin zur Malerei und Grafik. Obwohl jüdische Kunst größtenteils Arbeiten jüdischer Künstler meint, sind nicht alle jüdisch-religiösen Werke von Juden gemacht. Auch sind Werke eines jüdischen Malers – wie ein Landschaftsbild von Camille Pissaro beziehungsweise von Max Liebermann – oder Architekten nicht zwangsläufig der jüdischen Kunst zuzurechnen. Eine Kirche, die ein jüdischer Architekt erbaut, bleibt immer noch eine Kirche. Auch avanciert ein Museum durch die jüdische Religionszugehörigkeit seines Erbauers nicht auf einmal zur jüdischen Kunst. So ist das Imperial War Museum North in Manchester (2002) ein Profanbau, selbst wenn der Architekt Daniel Libeskind Jude ist. Ebenso wenig sind der Einsteinturm in Potsdam (1919–1922) noch das umgebaute Mossehaus (1921–1923) in Berlin von Erich Mendelsohn jüdische Kunst.

Jüdische Kunst von Nichtjuden
ro: Zwei schwatzende Frauen am Meer,1856.
Camille Pissarro: Zwei schwatzende Frauen am Meer,1856.

Dasselbe gilt auch andersherum. Eine Synagoge, die von einem Christen erbaut wurde, ist eindeutig der jüdischen Kunst zuzurechnen. Die Synagogen des Mittelalters stammen fast alle aus nichtjüdischer Hand, da Juden keinen Zutritt zu den christlichen Bauhütten hatten. In vielen Teilen Europas durften Juden bis in das 18. Jahrhundert nicht den Beruf des Silber- oder Goldschmieds ausüben. Darum ist jüdische Kunst oftmals Auftragskunst. Der Auftraggeber bestimmt das Objekt. Es kommt auf den Zweck des Kunstwerkes an und nicht auf die Religionszugehörigkeit seines Produzenten. Darum ist jüdische Kunst im engeren Sinne eine religiöse Kunst, deren Hersteller Juden sein können – aber nicht müssen.

Missverstandenes Bilderverbot

Oft missverstanden wurde das so genannte „Bilderverbot“, das auf das Gebot „Du sollst dir kein Bildnis machen“ (Exodus 20, 4), zurückgeht. Fälschlicherweise bezog man dies nicht nur auf Darstellungen von G-tt, sondern auch auf solche von Mensch und Tier – als Teil der g-ttlichen Schöpfung. Bis in das 19. Jahrhundert wurde aus Fachkreisen behauptet, dass die jüdische Kunst keine figürlichen Darstellungen liefern durfte. Aufgrund dieses Denkfehlers schrieb man figürliche Illustrationen in der jüdischen Buchmalerei christlichen Künstlern zu. Schließlich nahm man an, dass Juden so das vermeintliche Bilderverbot umgingen, wenn ein nicht-jüdischer Künstler die Ausführung übernahm. Das wohl bekannteste Beispiel dieser falschen Annahme ist die Sarajevo-Haggada.

Jüdischer Stil?
Sarajevo Haggada, 1314. Das älteste überlieferte Zeugnis jüdischer Buchkunst in Spanien.
Sarajevo Haggada, 1314. Das älteste überlieferte Zeugnis jüdischer Buchkunst in Spanien.

Seit dem 19. Jahrhundert teilt die Kunstgeschichte Kunstwerke in Epochen ein und bewertet sie in ihrem geografischen Zusammenhang. So entstand die Einteilung in verschiedene epochale Stile wie beispielsweise in die französische Gotik oder die italienische Renaissance.

Versucht man dabei eine jüdischen Stil­epoche oder gar einen jüdischen Stil zu finden, so sucht man vergeblich. Beiden fehlen bestimmte Merkmale sowohl historisch als auch geografisch. Denn Juden lebten seit der Spätantike immer in der Minderzahl in verschiedenen Kulturkreisen. Abgesehen vom Staat Israel, dessen Kunstproduktion allerdings unter dem Aspekt eines nationalen Stils betrachtet wird. Die Juden passten sich den künstlerischen Konventionen an, sofern sie sich kulturell entfalten konnten. Das ging nur, wenn die äußeren Lebensumstände für sie günstig waren.

Niemals prägten sie die Kunst mit, sondern übernahmen die vorherrschenden Stile. So erklärt es sich auch, dass die Synagoge in Worms im 12. Jahrhundert im Stil der damaligen modischen rheinischen Romanik erbaut wurde. Unabhängig vom Stil gibt es jedoch Kunstbereiche, die nur in der jüdischen Kunst ihren Platz haben, wie z. B. der gesamte Toraschmuck und jüdische Ritualgegenstände. So resümierte Künzl, dass es zwar „keinen jüdischen Kunststil gibt, wohl aber jüdische Kunst“. ◗

Bild oben: Max Liebermann: Das Atelier des Künstlers, 1902.

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