Glänzend und trüb

Der Historiker Dieter Stiefel hat die Geschichte der Firma und Familie Swarovski vorgelegt. Darin beschreibt er Technologie und Gründergeist, Kriegsproduktion, jüdische Miteigentümer und Partner sowie die NSDAP-Mitgliedschaften der Chefs.

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Die Betriebsansiedlung war schon in der Kaiserzeit den Produktionsmitteln nachgezogen. 1895 gründeten drei Männer im Tiroler Wattens ein neues Unternehmen zur Herstellung von Glasschmucksteinen. Das waren die beiden Deutsch-Böhmen Daniel Swarovski und sein Schwager Franz Weis als technische Fachleute sowie der französische Jude Armand Kostmann als Hauptfinancier und Vertriebsmann. Sie hatten ihre gemeinsamen Aktivitäten schon vier Jahre zuvor in der Gablonzer Gegend begonnen. Der Umzug nach Tirol war wohl hauptsächlich der günstigen Elektrizität durch Wasserkraft geschuldet. Man bezog eine ehemalige Textilhalle der Firma Rhomberg.

Daniel Swarovski war ein technischer Innovator. Die Erzeugung der weißen und bunten Steine aus Glas für Schmuck und Bekleidung hatte in Böhmen eine lange Tradition. Sie erfolgte weitgehend dezentral in händischer Heimarbeit. Swarovski änderte das grundlegend, hob die Produktion auf industrielles Niveau, mit elektrischer Energie in Richtung Massenfertigung.

„Ich habe meine
Stellung als Mitglied
der NSDAP niemals
in irgendeiner Weise
missbraucht.“

Daniel Swarovski

Nach kurzen Anlaufschwierigkeiten zeigte sich die neue Tiroler Firma äußerst erfolgreich. 1901 wies sie bereits 800 Beschäftigte auf, in einem damals weitgehend ländlichen Umfeld. Und der Großteil der Erzeugnisse ging in den Export, vorrangig nach Paris. Doch wie fragil eine derartige Luxusproduktion ist, zeigte sich schon zwei Jahre später, 1912. Als unmittelbare Auswirkung der Balkankriege brachen die Ausfuhren beträchtlich ein. Bald folgte der Weltkrieg, und statt glitzerndem Glas stellte Wattens nun Munition her, der Maschinenpark ließ sich entsprechend adaptieren, der Beschäftigtenstand mit 600 relativ hochhalten.

Aufbau eines Generationenbetriebs. Nach Kriegsende gelang es, bald wieder in das angestammte Metier zurückzukehren, die Glassteinproduktion aufzunehmen, die alten Exportmärkte erneut zu bedienen. Mittlerweile waren auch Swarovskis drei Söhne nach einer Schweizer Ausbildung ins Unternehmen eingetreten: Wilhelm als Chemiker, Fritz als Maschinentechniker und Alfred als Kaufmann und Manager.

Firmenimperium: Daniel Swarovski (li.) mit seinen Söhnen Wilhelm, Friedrich und Alfred, um 1935. © Swarovski Corporate Archive

Jahr für Jahr ging es aufwärts, trotz Wirtschaftskrise. Der Patriarch Daniel Swarovski konnte noch eine weitere wichtige Innovation nachlegen: das Fixieren der Glassteine mittels Kunstharz auf Textilbändern. Dies wurde von der französischen Modeindustrie schnell aufgenommen, auch in den USA konnte man Erfolge einfahren. 1937 arbeiteten in Wattens 1.000 Beschäftigte. Der Wirtschaftshistoriker Dieter Stiefel schätzt, dass Swarovski damals rund 60 Prozent des Weltmarkts an dieser Produktkategorie bediente.

Doch dann änderte sich die politische Großwetterlage. Österreich verlor durch den „Anschluss“ seine Unabhängigkeit sowie den günstigen Schilling-Export-Wechselkurs, und die Swarovskis, zuvor Anhänger der Vaterländischen Front, wurden eingetragene Nationalsozialisten. (Einige Vertreter der übernächsten Generation hatten schon ab 1933 Parteibücher der Illegalen besessen.) Bei den Entnazifizierungsverhandlungen nach Kriegsende argumentierte Daniel Swarovski, diese Beitritte hätten nur der Absicherung des Unternehmens gedient und seien „unter den damaligen Umständen ein Akt der reinen Vernunft“ gewesen. „Schließlich war auch für mich keine Ursache vorhanden, der NSDAP nicht beizutreten, nachdem ca. 98 Prozent des österreichischen Volkes für den ,Anschluss‘ gestimmt hatten.“ Und weiter: „Ich habe meine Stellung als Mitglied der NSDAP niemals in irgendeiner Weise missbraucht.“

Die Swarovskis hatten vor allem ein Problem: mit Kostmann – und später seinem Neffen Jean Crailsheimer – jüdische Mitbesitzer. Es gelang ihnen allerdings mit intelligenten verschachtelten Firmenkonstruktionen, diese nicht offen aufscheinen zu lassen, sodass ihnen „Arisierung“ und Beschlagnahme erspart blieb. Diese – stillen – Beteiligungen blieben auch bis lange nach dem Krieg bestehen, erst nach dem Tod des Neffen Kostmanns 1954 zahlten sie dessen Erben aus. Ähnlich hielten auch die Beziehungen zu den jüdischen Firmenvertretern in den USA, die nach der Unterbrechung durch den Krieg schnell wieder aufgenommen wurden. Swarovski beendete erst 1965 den Generalvertretungsvertrag, als man mit der nächsten Generation dort nicht mehr zufrieden war.

Tiroler Arbeitgeber: eine historische Ansicht der Swarovski-Fabrik in Wattens. © Swarovski Corporate Archive

Was die Produktion betraf, so ähnelte der Zweite Weltkrieg dem Ersten in gewisser Weise: Auch jetzt waren Schmucksteine wieder obsolet, und um Beschäftigung und Maschinen zu erhalten, musste man auf andere Erzeugungen umstellen. Das waren einerseits Schleifmittel, die man schon – wenn noch klein – im Programm hatte und die von Bedeutung für die Rüstungsproduktion waren. Dann fertigte man Rückstrahler für Bojen der Kriegsmarine und schließlich Feldstecher, erst mithilfe von Zeiss Jena, dann weitgehend selbstständig.

Dafür setzte Swarovski auch wie die meisten anderen Industriebetriebe Zwangsarbeiter ein, laut Statistik von 1944 waren dies 165 Frauen und Männer aus Frankreich, Italien, Belgien, Polen und der Ukraine. Bei einem durchschnittlichen Beschäftigtenstand von 1.000 machte dies 13 bis 18 Prozent aus. Ob es Juden waren, geht aus der Statistik nicht hervor. Alle unterschiedlichen Produktlinien sollten übrigens nach dem Krieg – neben der wieder gestarteten zentralen Glassteinerzeugung – weiterbetrieben werden.

Doch zunächst brachte 1945 eine Zäsur. Wegen der NSDAP-Mitgliedschaft der Führung – Parteibücher hatten übrigens auch zahlreiche Arbeiter – wurde das Unternehmen unter Zwangsverwaltung gestellt und bekam einen Treuhänder vorgeschrieben, später eine öffentliche Aufsicht durch das Land Tirol. Doch hartnäckiges Lobbyieren in Wien, auch durch die Tiroler Wirtschaftskammer und durch den ÖVP-Wirtschaftsbund, setzte ein. Zu Daniel Swarovski hieß es in einem Schreiben: „Die Schaffenskraft, Begabung, das Verantwortungsbewusstsein und insbesondere die Erfahrung des Gesuchstellers [sind] derzeit die einzige Gewähr für eine gedeihliche Entwicklung der für die österreichische Wirtschaft so eminent wichtigen Unternehmung.“ Und in einem anderen Text liest man, es bestehe „kein Zweifel, dass die proösterreichische Gesinnung dieses Mannes feststeht“. 1948 wurde schließlich Swarovski vom Bundespräsidenten begnadigt, eine „Sühnezahlung“ seitens des Unternehmens war bereits ein Jahr zuvor erfolgt.

Das Buch Daniel Swarovski (1862–1956): „Es hätte können alles ganz anders kommen …“ von Dieter Stiefel erschien im Herbst. Den Auftrag zu einer umfassenden zeitgeschichtlichen Studie zum Unternehmen hatte der Historiker von diesem bereits im Jahr 2013 erhalten; Teile davon wurden auch bereits 2018 publiziert. Doch gegen eine Gesamtveröffentlichung wehrten sich einige Mitglieder des weitverzweigten Familien-Clans bis vor Kurzem. Stiefel schreibt in seinem Vorwort: „Die Initiative zu diesem Buch ging von Markus Langes-Swarovski aus. Er und die übrigen Gesellschafter:innen des Unternehmens haben das Projekt in jeder Hinsicht unterstützt. […] Swarovski hat daher keinen wie immer gearteten Einfluss auf die Publikation und den Text genommen.“

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