GLÜCKLICHE UMWEGE

Es gibt immer ein erstes Mal – aber auch ein letztes. In dieser Ausgabe erzählt die Tänzerin, Choreografin und Neo-Theater-Direktorin Jasmin Avissar über den Körper als Geschichten-Archiv und das Tanzen am Tisch.

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© Walter Pobaschnig_literatur.outdoors

Jasmin Avissar, geboren in Jerusalem, ist freiberufliche Choreografin, Tänzerin und Tanzvermittlerin. Nach ihrer Ausbildung an der Jerusalem Academy of Music and Dance war sie Mitbegründerin der Jerusalem Ballet Company and School. Von 2010 bis 2016 unterrichtete sie an der Ballettakademie der Wiener Staatsoper und der Jungen Kompanie. Seither arbeitet sie international für Tanz-, Schauspiel- und Performanceproduktionen, u. a. in Wien, New York und München. Gemeinsam mit Nadja Puttner leitet sie den neuen Spiel- und Begegnungsraum DAS Margareten, der Kunst, Training und Community-Arbeit verbindet, und am 28. Februar und 1. März mit der Performance METAMORPHOSIS eröffnet.
DAS Margareten – Raum für lebendiges Theater, Margaretenstraße 166, 1050 Wien
dasmargareten.at

Das letzte Mal, dass ich eine persönliche Metamorphose durchgemacht habe, war, …
als ich nach sechs Jahren als Ballettlehrerin und Probeleiterin an der Wiener Staatsoper Ballettakademie und Jugendkompanie beschlossen habe, ausschließlich den unsicheren, aber kreativen Weg als freischaffende Choreografin einzuschlagen.

Das letzte Mal, dass die Choreografie meines Lebens aus dem Takt gekommen ist, war …
– wie bei vielen anderen Künstlern – die Pandemie. Ich hatte das Gefühl, als würde mir der Boden unter den Füßen weggezogen. Ich war aber dadurch gefordert, andere Wege zu gehen, um kreativ sein zu können und meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Und auf diesen „Umwegen“ haben sich glücklicherweise meine und Nadja Puttners Wege gekreuzt. Und jetzt stehen wir kurz vor der Eröffnung eines neuen Spielortes für die freie Szene in Wien: „DAS Margareten – Raum für lebendiges Theater“. Ein lebendiger, pulsierender Ort der Kreativität und des künstlerischen Austauschs, an dem Communities, Künstler:innen und Publikum zusammenkommen und gemeinsam wachsen können.

Das letzte Mal, dass ich jemanden die „Sprache“ Tanz gelehrt habe, war …
nach einer Tanzperformance im öffentlichen Raum in Jena, an der das Publikum zur Interaktion und Teilnahme eingeladen war. Bei dem darauffolgenden Workshop erkannten die Teilnehmer:innen, wie vielfältig und reich die Sprache des Körpers ist und dass der Körper ein Archiv von Geschichten sein kann. Durch das gemeinsame Erkunden mit uns Künstler:innen erlebten sie ihre eigene Stadt und ihre Geschichte aus einer anderen Perspektive.

Das letzte Mal, dass ich durch Tanz etwas nicht zu Verbalisierendes ausgedrückt habe, war …
2018: Ich war gerade mitten in der Entwicklung eines Solo für die Co-Produktion Mind Crossing, als mein Vater starb. Trotzdem war ich gleich am nächsten Tag im Studio, tanzend, choreografierend, kreierend, denn das war der einzige Weg, der Sinn machte und ich das Gefühl von „Kontrolle“ wieder hatte. Erst ein Jahr später, bei einer Wiederaufnahme des Stückes, erkannte ich, dass ich in dieses Tanz-Solo meine ganze damalige Trauer „reingesteckt“ und damit verarbeitet habe.

Das letzte Mal auf den Tischen getanzt habe ich …
vor genau fünf Minuten – nur um diese Frage positiv beantworten zu können.

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