GRAUE WOLKEN

Der diesjährige Reisesommer gestaltete sich bisweilen ungemütlich. Berichte von antisemitischen Vorfällen bis hin zu Attacken auf israelische, aber auch als jüdisch erkennbare Touristen und Touristinnen quer durch Europa zeigten das Ausmaß des aktuellen Hasses auf Juden und Jüdinnen. Wir besuchten diesen Frühherbst die niederländische Stadt Rotterdam. Es war eine feine Woche voller Kultur – getrübt allerdings durch eine Hintergrundstimmung, die wenig froh machte.

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Foto: Alexia Weiss

Amsterdam mit seinen wunderbaren Museen hat uns in seinen Bann gezogen. Es sollten im heurigen Urlaub daher wieder die Niederlande werden, aber um doch auch Neues zu entdecken, fiel unsere Wahl auf eine andere Stadt: Rotterdam. Nur eine kurze Zugfahrt von Amsterdam entfernt, präsentiert sich diese Metropole denn auch ganz anders als die mit Overtourism konfrontierte Hauptstadt. Hier reiht sich nicht ein Souvenir-Shop an den anderen, hier geht es ruhiger und gemächlicher zu, hier hört man auf den Straßen auffällig deutlich mehrheitlich Niederländisch, hier hat man so manchen Ausstellungsraum in Museen bisweilen für sich alleine.

Kunst kann auch Rotterdam: Die Kunsthal im Museumspark bietet Zeitgenössisches und beeindruckt hinsichtlich Themenauswahl und Präsentation. Die Schau „Cute“ zum Beispiel war wie gemacht für Groß und Klein und zog so Familien mit kleinen Kindern ebenso wie Teenager und ältere Generationen in ihren Bann. Hier fand jeder und jede sein Identifikationsobjekt mit der eigenen Jugend, denn: Mit „Cuteness“ wird nicht erst seit Anbruch des KI-Zeitalters gearbeitet, und auch schon vor der Emoji-Invasion auf Social Media gab es das Spiel mit den „Oooooh-ist-das-süß“-Momenten – von Hello Kitty bis E.T.

Das ebenfalls in diesem Park gelegene Museum Boijmans Van Beuningen wird derzeit umgebaut – doch gleich nebenan wurde ein architektonisch auch von außen faszinierender Bau errichtet: das Depot Boijmans Van Beuningen. Auf seinem Dach, mit Bäumen begrünt, spiegelt es gleichzeitig in seiner Fassade das Grün des Parks wieder: Im Ergebnis fühlt sich das an wie „Science Fiction meets Nachhaltigkeit“. Im Inneren des Depots erwartet den Besucher ein Blick auf Gustostückerl aus der Sammlung, die den Bogen von Alten Meistern bis zu moderner Kunst quer durch die verschiedensten Kunstgattungen spannt. Gemälde finden sich hier ebenso wie Möbel, Mode, Glas, Skulpturen. Eine universelle Sammlung quasi.

Foto: Alexia Weiss

Einen Katzensprung entfernt befinden sich Het Nieuw Institut, ein Architekturund Designmuseum, aber auch das kleine Chabot Museum, untergebracht in einer im Baustil „Neues Bauen“ errichteten weißen Villa im selben Park, gewidmet dem niederländischen Expressionisten Hendrik „Henk“ Chabot.

Doch auch abseits des Museumsparks hat Rotterdam kunstmäßig einiges zu bieten: Da ist etwa das in einer ehemaligen Schule untergebrachte Melly Kunstinstituut. Dieses Zentrum für zeitgenössische Kunst hat sich auf Inklusion, auf die Auseinandersetzung mit der Kolonialgeschichte des Landes, auf soziale Fragen und kulturelle Identität spezialisiert. Hellhörige Leser und Leserinnen wissen an dieser Stelle bereits, was in einem solchen Haus möglicherweise zu erwarten ist. Wesentlich vordergründiger, ist die Kolonialzeit im Weltmuseum das Thema – vor allem abgehandelt über die Frage, wie die Objekte aus der eigenen Sammlung Teil dieser Sammlung wurden. Unser Fazit dazu: Diese Darstellung fällt ziemlich beschönigend aus.

Mit einem besonders einladenden Museum überrascht Schiedam. Vor 750 Jahren gegründet, ist diese Stadt inzwischen mit Rotterdam zusammengewachsen. Im Stedelijk Museum Schiedam hat man sich der zeitgenössischen Kunst verschrieben, es gibt aber auch Ausstellungen zu Sach- Themen. Aktuell wird die Stadtgeschichte da zum Beispiel über Frauenbiografien erzählt – ein interessanter Zugang.

Foto: Alexia Weiss

Jede Menge Kunst also in einer Stadt, die touristisch nicht überlaufen ist. Rotterdam sei diesbezüglich Interessierten damit gerne ans Herz gelegt. Was allerdings auffällt und gerade in den Museen auffällt: wieviele der vor allem jugendlichen oder jüngeren Besucher hier mit welchen politischen Statements, transportiert über ihre Kleidung, durch die Ausstellungen gehen.

In der Kunsthal begegnete uns eine junge Frau mit einem Shirt mit der Aufschrift „I ♥ Gaza“. Wir kannten solcherart gestaltete Kappen, Shirts, Taschen bisher nur aus Souvenirshops von New York bis Paris. Gaza als Urlaubsdestination? In diesem Fall ist der flotte Slogan wohl eher als politische Botschaft zu verstehen. Ein junger Mann trug eine Kappe mit der Aufschrift „I ♥ Palestine“. Omnipräsent sind Kufiyat. Die Keffiyeh wird dabei anders getragen als einst von jungen Linken in den 1980er Jahren: Zu einem Dreieck gefaltet, legen es sich die Träger und Trägerinnen einfach nur über den Rücken, die beiden Enden baumeln unverknotet über die Schultern nach vorne.

Foto: Alexia Weiss

Weltverschwörungstheorien im Antifa-Design. Die Keffiyeh ist aber nicht nur unter Museumsbesuchern und -besucherinnen beliebt. Sie ist auch auf den Straßen Rotterdams präsent. Eine junge Frau hat sie um ihren Kopf gewickelt, ansonsten dominiert auch hier die an ein Trachtentuch erinnernde Trageweise, die etwas steril und aufgesetzt wirkt. Das Tuch wärmt weder Hals noch Schultern, das Tuch ist einzig dazu da, eine Haltung zu transportieren.

Diese Haltung wird in der Stadt auch durch Sticker, Plakate, Botschaften im öffentlichen Raum an nahezu jeder Ecke deutlich. Da reiht sich ein „Free Palestine“-Aufruf an den anderen, da wird auf hungernde Kinder in Gaza aufmerksam gemacht, da wird „Stop the Genocide“ gefordert, aber auch „Globalize the Intifada“.

„Free Palestine“-Buttons mit der palästinensischen Flagge und diesen beiden Worten, sie begegnen uns ebenfalls mehr als einmal. Etwas unangenehm: Auch die grundsätzlich sehr freundliche Mitarbeiterin an der Kasse des Melly Kunstinstituut trug einen solchen Button. Als wir im obersten Stock aus dem Aufzug stiegen und als ersten Satz einer Videoinstallation in einem Raum in dieser Etage eine Formulierung hörten, die in etwa lautete „The only solution is to remove the jewish influence from power“ wussten wir, die junge Frau an der Kassa agiert hier wohl im Sinn des Hauses. Im Museumsshop fanden wir dann prominent das Buch „On Palestine“ von Noam Chomsky und Ilan Pappé präsentiert.

Foto: Alexia Weiss

Auch im Museum in Schiedam bezog man Position: Im Stiegenhaus ist dort eine Lichtinstallation mit dem Titel „We want to live“ der Künstlerin Susanne Khalil Yusef zu sehen. Sie kreierte die Arbeit 2021, der Satz zeigt sich in rotem Glas und in der Handschrift einer Freundin der Künstlerin aus Gaza. Auch sie selbst habe einen palästinensischen Background, ist im begleitenden Text zu lesen.

Angekauft wurde das Werk vom Museum 2023. Warum? „Now, two years after making this work, events in Gaza are reaching a horrific low, with hundreds of innocent civilians dying every day: men, women, children, the elderly and loved ones. Stedelijk Museum Schiedam bought this work for its collection in 2023 to remind us all that it is important not to look away from war, and to continue the call for a ceasefire. After all: every human being has the right to live.”

In der Mitmachabteilung des Het Nieuw Institut wiederum finden sich Beiträge von Museumsbesuchern mit jeder Menge „Free Palestine“-Aufrufen und palästinensischen Flaggen. Die rot-weißgrün- schwarze Flagge begegnet uns auch in Form von Aufnähern auf so manchem Kleidungsstück, Taschen oder Rucksäcken. Besonders skurril: In der U-Bahn bahnt sich ein älterer Herr mit gebücktem Oberkörper und Rollator seinen Weg zum Ausgang. Auf seiner Hemdtasche findet sich eine aufgebügelte oder aufgenähte Palästina-Fahne.

Foto: Alexia Weiss

Israel wird dämonisiert und die jüdische Perspektive
auf den Krieg in Gaza und der Grund, warum dieser überhaupt
begann, ausgeklammert und nicht thematisiert.

 

In einem Restaurant sitzen zwei junge Frauen neben uns. Eine von ihnen hat eine Tote Bag neben sich liegen. Bei genauem Hinsehen prangt auf dieser über dem Appell „Free Palestine“ eine Zeichnung der al-Aqsa-Moschee in Jerusalem. Hier wird besonders klar, was mit „Free Palestine“, aber auch mit „End the Occupation“ gemeint ist: Da geht es gar nicht mehr nur um Gaza. Da geht es um Israel. Ganz Israel wird hier als Besatzungsprojekt dargestellt, was im Umkehrschluss bedeutet: Israel muss verschwinden. Den jüdischen Staat darf es nicht geben.

Und genau diese Botschaft springt einem in dieser Stadt täglich permanent ins Auge. Einmal ist es ein Sticker, der auf die BDS-Bewegung verweist, einmal – besonders irritierend – ein Aufruf von „AFA Nederland“. AFA steht für „Anti-Fascistische Actie“ – sie rühmt sich „antifaschistisch“ und „antizionistisch“ zu sein. Die Sticker präsentieren sich im auch hier zu Lande bekannten Antifa-Design.

Foto: Alexia Weiss

Nun ist propalästinensisches Engagement an und für sich natürlich in Ordnung und demokratische Systeme ermöglichen jedem und jeder dafür einzustehen, was ihm oder ihr wichtig ist. Was uns in Rotterdam allerdings doch ein wenig – im übertragenen Sinn – erschlug, war die Omnipräsenz der diesbezüglichen Botschaften im öffentlichen Raum. Die Omnipräsenz im Kunstbetrieb. Und das gleichzeitige Fehlen jeglichen Hinweises auf Solidarität mit Israel, mit den entführten Geiseln, mit den Opfern des 7. Oktober 2023. Grundsätzlich kam uns kein einziger Verweis auf den 7. Oktober unter, kein einziger #bringthemhome-Hashtag, keine einzige gelbe Schleife. Nicht auf der Straße und in keinem Museum.

Wir haben dann im Mitmachbereich des Architektur- und Designmuseums eine kleine diesbezügliche Botschaft hinterlassen. Wie lange diese hängen blieb? Wir wissen es nicht. Als ich in dem Restaurant die Tote Bag mit der al-Aqsa-Moschee sah und begriff, welche Botschaft hier in Kombination mit der Aufschrift „Free Palestine“ vermittelt wurde, hatte ich plötzlich nur mehr Sorge, dass man mein kleines Tattoo in Form eines Iwrit- Schriftzuges erkennt. Und dachte mir: Wie wäre es, diese Stadt mit einem israelischen Pass zu besuchen? Wie wäre es, in dieser Stadt als orthodox erkennbar durch die Straßen zu gehen? Oder mit einem Davidstern um den Hals U-Bahn zu fahren?

Foto: Alexia Weiss

Dieser Sommer machte auf so vielen Ebenen klar: Israel wird dämonisiert und die jüdische Perspektive auf den Krieg in Gaza und der Grund, warum dieser überhaupt begann, ausgeklammert und nicht thematisiert. Im Ergebnis wird durch diese massive Einseitigkeit Antisemitismus befördert und Juden und Jüdinnen sind an vielen Orten nicht mehr willkommen. Graue Wolken über Europa. Mögen sie nicht noch dunkler werden.

Foto: Alexia Weiss

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