„Großes Licht am Horizont“

Der Kinderarzt und Intensivmediziner Arnold Pollak gehört seit Beginn der Covid-19-Krise dem Krisenstab der IKG an. Im Gespräch mit WINA gibt er Antworten auf viele häufig gestellte Fragen rund um das Coronavirus.

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Arnold Pollak, geb. 1945 in Wien, Kinder- und Intensivmediziner. Über 20 Jahre lang bis 2014 Vorstand der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde der MedUni Wien und des AKH Wien. Derzeit Mitglied des IKG-Krisenstabs sowie Vorsitzender des Tempelvorstands. Ausgezeichnet mit dem Goldenen Ehrenzeichen der Stadt Wien, der Republik Österreich und der Ärztekammer. © Wolfgang Wolak/ Verlagsgruppe News/ picturedesk.com

WINA: Wie unterscheidet sich die zweite Covid-19-Welle von der ersten, und warum sind die Infektionszahlen so viel höher?
Arnold Pollak: Erstens scheint das Virus nun etwas aggressiver zu sein. Eine Untersuchung aus Houston hat gezeigt, dass das Genom des Virus sich verändert hat und leichter in die Zellen eindringt. Der zweite Faktor ist, dass sich die Menschen nicht genug an die vorgegebenen Verhaltensweisen – Maske tragen, Abstand halten, Handdesinfektion etc. – gehalten haben. Es geht hier aber nicht darum, Vorwürfe zu machen, sondern man hat im Sommer nicht anhand von Daten transparent genug vermittelt, dass es einen Sinn macht, die Maßnahmen einzuhalten, bis es eine Impfung und bessere Medikation gibt. Die dritte Komponente ist die kühlere Jahreszeit. Menschen halten sich nun mehr in geschlossenen Räumen auf, und es gibt insgesamt vermehrt Infekte.

Sind Menschen, welche die Erkrankung bereits durchgemacht haben, nun immun?
I Der Beobachtungszeitraum ist zu kurz – das Virus wurde im Jänner sequenziert, nun ist November. Aus einer Studie aus den USA weiß man, dass Antikörper zumindest nach fünf Monaten noch messbar waren – so lange ging die Studie. Es scheint zudem so zu sein, dass, je heftiger man erkrankt, desto länger und höher nach der Genesung der Antikörperspiegel bleibt. Was aber gerne übersehen wird: Die Immunität, also die Abwehr, hängt nicht nur von den IgG-Antikörpern ab, die man im Serum misst. Viel wichtiger sind die T-Zellen, die so genannten memory cells. Sie halten möglicherweise länger als die IgG-Antikörper. Wie lange genau, kann man derzeit nicht sagen.

Können bereits Erkrankte auf das Maskentragen und Abstand halten verzichten?
I Nein. Erstens sollte dieses Verhalten zu einer Selbstverständlichkeit werden, damit nicht andere auf die Idee kommen, diese Maßnahmen ebenfalls nicht einzuhalten. Außerdem gibt es einzelne Berichte von Reinfektionen. Diese Patienten hatten wahrscheinlich eine zuvor nicht erkannte Immunschwäche – die Möglichkeit einer neuerlichen Infektion darf man nicht außer Acht lassen.
Maskentragen schützt aber auch vor anderen viralen Infektionen, und gerade Menschen, die eine Covid-19-Erkrankung durchgemacht haben, sind in ihrer Immunität noch geschwächt und können dann an anderen Viren schwerer erkranken.

»Wenn die Impfstoffe zugelassen werden, sind sie auch sicher. Ich habe daher überhaupt keine Bedenken, mich impfen zu lassen.«
Arnold Pollak

Was weiß man über Langzeitsymptome nach einer Covid-19-Infektion?
I Es gibt das so genannte Post-Corona-Syndrom. Inzwischen wissen wir, dass sich bei etwa einem Drittel der Fälle Symptome entwickeln, die Wochen und sogar Monate andauern können. Dies sind in erster Linie chronische Lungenerkrankungen, aber auch Herzmuskelerkrankungen sowie Herzrhythmusstörungen, dann der sogenannte Coronanebel, dabei klagen Patienten über Schwäche, Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen und Gedächtnisprobleme. Weiters wird über Darmprobleme berichtet sowie über Sensivitätsstörungen und Schmerzen.

Was hat sich in der Behandlung von Covid-19 seit dem Frühjahr verändert?
I Im Zug der SARS1-Epidemie 2002 hat man begonnen, ein Medikament zu entwickeln: Remdesivir. Dieses wird nun standardmäßig bei schwer an Covid-19 Erkrankten eingesetzt, die im Spital oder auf der Intensivstation versorgt werden. Inzwischen weiß man, dass Remdesivir die Todesrate leider nicht verringert, aber die Erkrankungsdauer um etwa ein Drittel verkürzt. Deshalb wird es weiter eingesetzt.
Einen gesicherten Effekt hat der Einsatz von Dexamethason. Schwer Erkrankte sind von Entzündungen in vielen Organen betroffen. Dexamethason ist ein starker Blocker von Entzündungen. Wichtig ist, dieses Cortison zum richtigen Zeitpunkt einzusetzen. Wenn zu früh damit begonnen wird, kann es großen Schaden anrichten, weil es immunsuppressiv wirkt.
Abzulehnen ist übrigens die Gabe von Antibiotika im ambulanten Bereich – sie sind nicht nur nicht sinnvoll, sondern schädlich. Die Gabe von Plasma von Rekonvaleszenten hat sich leider nicht als so wirksam herausgestellt wie erhofft und berichtet.
Woran nun gearbeitet wird, ist eine Prophylaxe mit monoklonalen Antikörpern, die wir zum Beispiel jetzt schon bei Frühgeborenen einsetzen, die ein Risiko haben, sich mit RS-Viren (Auslöser von Atemwegsinfektionen) zu infizieren. Mit einem solchen Präparat könnte man die Zeit bis zum Vorhandensein der Impfung überbrücken und ältere Menschen und Risikopatienten damit sogar vorbeugend behandeln. Allerdings sind diese Antikörper in der Produktion sehr aufwändig, sehr teuer und begrenzt erhältlich.
Vielversprechend sind dagegen Nanobodies, das sind kleine Antikörper, die man inhaliert – ähnlich wie mit einem Asthmaspray. Sie werden in einem Bioengineering-Verfahren gewonnen, sind sehr klein und stabil und können billig und rasch in großen Mengen hergestellt werden.

Biontech und Pfizer gaben nun bereits bekannt, dass sie einen funktionierenden Impfstoff entwickelt haben. Andere Firmen stehen ebenfalls kurz vor dem Durchbruch. Wann ist damit zu rechnen, dass in Österreich Impfstoff zur Verfügung steht?
I Ich gehe davon aus, dass in Österreich im März oder April begonnen werden kann zu impfen.

Wer wird dann als Erstes geimpft werden?
I Nach internationalem Vorgehen sind zuerst die Risikopatienten zu impfen, also ältere Menschen und Vorerkrankte wie Diabetiker, herzerkrankte Menschen oder solche mit hohem Blutdruck. Aber auch starkes Übergewicht ist ein Faktor. Wenn man all diese Gruppen zusammenrechnet, wären wir allerdings schon bei 30 Prozent der Gesamtbevölkerung. Dann werden das Krankenhauspersonal sowie Menschen, die etwa bei Rettung oder Feuerwehr arbeiten, geimpft. Erst dann werden jüngere Menschen an die Reihe kommen, und in diesem Fall – aber nur in diesem Fall – werden Kinder die Letzten sein, die geimpft werden.
Eine kürzlich erschienene französische Studie zu Antikörpern hat als Zufallsbefund gezeigt, dass Kinder, die keine Covid-19-Infektion durchgemacht haben, dennoch zu etwa 60 Prozent Antikörper aufweisen. Man geht davon aus, dass es sich hier um eine Kreuzimmunität handelt, wenn sie kürzlich Infektionen mit anderen harmlosen Coronaviren durchgemacht haben.

Der von Biontech und Pfizer vorgestellte Impfstoff soll eine 90-prozentige Wirksamkeit haben. Was bedeutet das konkret?
I Das klingt sehr erfreulich, fast sensationell, aber Achtung, das ist eine erste Kurzanalyse an zirka 90 Patienten. Die ganzen Daten der Studie mit zirka 40.000 Probanden liegen noch nicht vor.
Die Wirksamkeit wird sicher nicht lebenslang sein wie bei der Masernimpfung, sondern vermutlich ein bis zwei Jahre. Ähnlich wird es beim Impfstoff von Moderna sein.

Inwiefern unterscheidet sich dieser Impfstoff von jenen, die wir bereits kennen?
I Die klassischen Methoden sind, Viren zu inaktivieren oder so abzuschwächen, dass sie nicht mehr krankheitserregend sind, aber Immunschutz bewirken. Das, was nun entwickelt wurde und vor allem in welcher Geschwindigkeit, wird sicher in die Wissenschaftsgeschichte eingehen. Man hat schon nach SARS1 und MERS-CoV begonnen, eine andere Methode einzusetzen. Man arbeitet dabei mit der Messenger-RNA. Man verabreicht den Botenstoff des Virus (m-RNA), und in den Zellen des Menschen bilden sich dann Antikörper. Der Riesenvorteil ist, dass man diesen Impfstoff schnell und in sehr großen Mengen herstellen kann.

Wie sicher wird dieser Impfstoff sein?
I Es wird mit Doppelblindstudien gearbeitet, und erst, nachdem die Daten von Experten der verschiedensten Fächer zerpflückt wurden, gibt es eine Zulassung sowohl von der FDA, der Zulassungsbehörde in den USA, wie auch von der Zulassungsbehörde in Europa. Für die Studie von Pfizer und Biontech wurden an die 40.000 Menschen geimpft. Die teilnehmenden Frauen und Männer gehören unterschiedlichen Altersgruppen und Ethnien an. Nun müssen wir erst auf die Ergebnisse der Gesamtanalyse warten, aber ich kann sagen, es ist ein großes Licht am Horizont.

Hätten Sie Bedenken, sich impfen zu lassen, oder raten Sie dazu?
I Wirksamkeit und Sicherheit sind die wichtigsten Faktoren, unter denen die Studien von Pfizer, aber auch Moderna stehen. Wenn die Impfstoffe zugelassen werden, sind sie auch sicher. Ich habe daher überhaupt keine Bedenken, mich impfen zu lassen.

Welche Nebenwirkungen können bei so einer Impfung auftreten?
I Es handelt sich um übliche Impfreaktionen wie etwas Fieber, Kopfschmerzen, eine Rötung bei der Einstichstelle, Muskel- und Gelenkschmerzen. Ob es langfristige Nebenwirkungen geben wird, weiß man jetzt noch nicht. Mit den Freigaben wird aber auch eine diesbezügliche Überwachung (Surveillance-Studien) veranlasst. Insgesamt sind bei Impfungen Impfreaktionen häufig und Nebenwirkungen sehr selten.

Wird mit der Impfung auch die Pandemie verschwinden?
I Das ist die zentrale Frage, und man kann sie noch nicht beantworten. Ich gehe aber davon aus, dass die Impfung einen Riesenfortschritt bringen wird, wir uns aber weiterhin noch das ganze Jahr 2021 an die Verhaltensregeln – Mund-Nasen-Schutz, Abstand halten, Handhygiene – halten werden müssen. Mit beidem zusammen werden wir die Pandemie besiegen.

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