- Wina: Sie gastieren am 29. Jänner im Wiener MuTh mit Ihrem Jewish Chamber Orchester Munich und führen das Klezmer-Singspiel Mendele Lohengrin auf – nach der gleichnamigen Erzählung von Heinrich York-Steiner aus dem Jahr 1898*. Wie haben Sie diese Geschichte entdeckt?
Daniel Grossmann: Vor rund 15 Jahren habe ich mit einem Dramaturgen der Bayrischen Staatsoper überlegt, gemeinsam einen jüdischen Opernabend zu gestalten. Dabei hat er mir diese Geschichte gezeigt und meinte, das müsste man unbedingt auf die Bühne bringen. Damals haben wir etwas ganz anderes aufgeführt, aber jetzt bringen wir das Stück auf die Bühne.
Mit dem Jewish Chamber Orchestra Munich & Dirigent Daniel
Grossmann,Sängerin Ethel Merhaut und Schauspieler Stefan Merki
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Wie lange dauert das Stück, und wie kann man sich dieses Klezmer-Singspiel vorstellen?
I Das Stück dauert zirka 80 Minuten. Es liest Stefan Merki, Schauspieler an den Münchner Kammerspielen, und erzählt komprimiert die Geschichte von Mendel Lohengrin, dem armen jüdischen Musikanten, der sich einen Traum erfüllt: Mit seinem Ersparten besucht er das kaiserliche Hoftheater in Wien und hört zufällig Richard Wagners Lohengrin. Diese Oper verändert sein Leben – zurück im Stetl will er nur noch Wagner statt traditioneller Klezmermusik spielen, was klarerweise zu Konflikten führt.
Wie setzen Sie das mit der Wiener Sopranistin Ethel Merhaut und Ihrem Orchester um?
Ethel ist der musikalische Counterpart, das hört sich an wie ein musikalischer Kommentar. Das Orchester fungiert als Bindeglied: Das Jewish Chamber Orchester Munich (JCOM) mischt dazu jiddische Musik, die auf die Herkunft von Mendele zeigt, mit Musik von Richard Wagner. So entstehen aus Ethel Merhaut, Stefan Merki und dem Orchester drei Elemente, die gemeinsam die Geschichte erlebbar machen.
Sind die Lieder von Ethel alle neu?
I Nein, es gibt traditionelle Lieder wie Tumbala Laika, also teilweise sehr bekannte, aber auch weniger bekannte, wichtig ist es die Stimmung aus dem Stetl rüber zu bringen. Es gibt auch eine Stelle, an der Ethel Sentas Ballade aus dem Fliegenden Holländer so singt, dass sie dabei die Geschichte Mendeles erzählt – es ist alles sehr geschickt miteinander verwoben: Die Musik ist von Richard Wagner, aber sie wird teilweise „judaisiert“, weil Harmonien der osteuropäischen jiddischen Volksmusik hineinspielen.
Haben Sie dieses Projekt als Tournee konzipiert? Gastieren Sie außer in Wien noch in anderen Städten?
I Wir haben zu Beginn des nächsten Jahres sieben Aufführungen, darunter wieder in München, Wien, Prag, Ulm und weiteren deutschen Städten.
Ihre Diskografie umfasst Aufnahmen klassischer und zeitgenössischer jüdischer Komponisten wie Felix Mendelssohn und Fanny Hensel, Alexander Zemlinsky, Viktor Ullmann, Paul Ben-Haim sowie Werke von John Cage und Ludwig van Beethoven. Warum haben Sie 2005 Ihr eigenes Orchester gegründet? Sie hätten ja auch als Dirigent berühmte Orchester leiten, dirigieren können?
I Für mich ist es wichtiger, damals wie heute, nicht immer die gleichen Werke zu reproduzieren, berühmte Sinfonien hinauf- und hinunterzuspielen. Ich möchte künstlerisch an Themen arbeiten, in einzelnen Konzerten wie auch als Gesamtkonzept. Mich interessiert als jüdischer Mensch in Deutschland das Judentum. Ich möchte etwas über das Judentum erzählen, sowohl über den kulturellen als auch religiösen Aspekt. Diese Themen verfolge ich in meinem künstlerischen Schaffen generell: Was meine Arbeit verbindet, ist das Judentum.
Ich erlebe sehr viele Anfeindungen
auf Social Media; so etwas hatten wir nie.
Woher kommen ihre Orchesterkünstler?
I Das ist sehr unterschiedlich: Bei Mendele Lohengrin sind es fünfzehn Musiker, unsere maximal Besetzung geht bis 35. Es sind alles Profimusiker aus großen Orchestern oder auch Kammermusikensembles, ich nenne sie „fixe Freie“, und manche spielen schon 18 Jahre im Orchester. Wir sind international aufgestellt, aber nicht alle sind jüdisch. Für mich ist das keine Voraussetzung, wichtig ist nur, dass sie sich für jüdische Musik interessieren.
Sie machen Kooperationen mit der Bayerischen Staatsoper in München und sind ab der Saison 2025–2026 Orchestra in Residence an den Münchner Kammerspielen. Was kann man sich darunter vorstellen?
I Mit der Bayerischen Staatsoper haben wir bereits drei Opern aufgeführt, darunter Viktor Ullmanns Der König von Atlantis. Mit den Münchner Kammerspielen kooperieren wir seit 2018. Spielten wir dort bisher Konzerte im Schauspielhaus, so wird die Zusammenarbeit jetzt noch enger: Ab 2026 spielen wir nur mehr dort, sind jedoch kein Teil des Repertoires, sondern machen einzelne Programme – da sind oft Schauspieler des Hauses dabei.
Hatten Sie nach dem 7. Oktober 2023 Absagen oder andere negative Erlebnisse?I Ich erlebe sehr viele Anfeindungen auf Social Media; so etwas hatten wir nie. Hauptsächlich richten sich diese gegen das Orchester; da heißt es u. a. „geht nach Hause, wo ihr herkommt“, oder „geht nicht zu Juden ins Konzert“; es sind also explizit antisemitische Anfeindungen. Was dabei erstaunlich ist: dass es sich erst in den letzten Monaten massiv verstärkte, gar nicht so nach dem 7. Oktober. Was zusätzlich schlimm ist: dass wir zunehmend von Veranstaltern die Meldung bekommen, dass man uns nicht einladen könne, weil die Stimmung so ist, dass man es nicht verantworten kann, ein jüdisches Orchester einzuladen!
Wie haben Sie darauf reagiert?
I Ich möchte betonen, dass die Veranstalter keine Antisemiten sind; sie haben Bedenken, und ich finde, dass die Öffentlichkeit das wissen muss. Denn ich sehe eine ganz starke Welle des Antisemitismus, die in unsere Gesellschaft schwappt. Die antijüdischen Vorurteile waren schon vorher da, aber jetzt bricht das in voller Härte aus. Positives ist dazu aber auch zu melden: Die deutsche Politik ist aufgewacht und investiert mehr Geld in den Kampf gegen Antisemitismus. Dementsprechend registrieren auch wir mehr Zuwendungen, und haben die Möglichkeit, außerhalb von Bayern aufzutreten. Und unsere Auslastung bei den Konzerten ist stark gestiegen.
Kürzlich entstand gemeinsam mit 250 Münchner Schülern und Schülerinnen eine neue Hymne für die Initiative „Rot gegen Rassismus“ des FC Bayern München. War das ein Auftragswerk des Fußballklubs?
I Nein, das geht auf eine Initiative meiner Mutter, Julia Grossmann, und der israelischen Generalkonsulin Talya Lador zurück. Die beiden hatten sich kennengelernt und wollten etwas zusammen für die Initiative „Rot gegen Rassismus“ machen. Ich hatte die Idee für einen Workshop: Jugendliche sollten einen Text für eine Hymne schreiben, ein junger Komponisten lieferte die Musik. Mit einer Gruppe von 300 Jugendlichen wurde die Hymne bei einem FC-Bayern-Basketballspiel in deren Arena vor 6.000 Menschen aufgeführt.
* Heinrich York-Steiner wurde 1859 in Ungarn geboren, lebte in Wien und war ein Publizist und Zionist der ersten Stunde. Er war Mitstreiter Theodor Herzls sowie Herausgeber der 1897 in Wien erschienenen Zeitschrift Die Welt. 1933 übersiedelte er nach Tel Aviv und starb dort 1934.

Ethel Merhaut: Reisen mit Mendele, Richard Wagner und Kurt Weill
„Ethel Merhaut singt. Wundervoll schöne jiddische Lieder, sie verkörpert Mendeles Innenleben, ist aber auch sein Gegenüber, immer toll, immer exakt im Moment, ihre Stimme kann tanzen und träumen lassen.“ So beschreibt Egbert Tholl von der Süddeutschen Zeitung den Auftritt der Wiener Sopranistin im Klezmer-Singspiel Mendele Lohengrin. „Das Publikum in München war begeistert von dem Werk, weil es so einzigartig ist, das Jiddische mit Richard Wagner zu kombinieren, das gibt es sonst nicht – und die Geschichte ist sehr berührend“, erzählt Ethel Merhaut.
Wie ging die Künstlerin, deren sonstiges Repertoire von Werken von Robert Stolz und Friedrich Hollaenders bis zu den pointierten Liedern Georg Kreislers reicht, mit dieser neuen, etwas bizarren Mischung um? „Gemeinsam mit einem Dramaturgen haben wir der Erzählung von York-Steiner einen musikalisch-harmonischen Aufbau gegeben. Ich habe passend zum dramaturgischen Rahmen die jiddischen Lieder dafür zusammengestellt“, so Merhaut. Ein Beispiel? „Mendele singt traurig davon, dass er nur auf Hochzeiten spielt – und dazu habe ich ein Hochzeitslied aus dem Stetl gewählt.“
Wo kommt dann Richard Wagner ins Spiel? „Evgenie Orkin hat eine geniale Musik komponiert, weil die Wagner-Motive fließend ineinander übergehen und nur wirkliche Kenner draufkommen, was von wem ist“, lacht sie und bringt gleich ein Beispiel: „Ich singe die Melodie aus Sentas Ballade aus Wagners Oper Der fliegende Holländer, aber nicht mit seinem Text. Wir legen über diese wunderschöne Melodie den antisemitischen Text von Wagner ‚über die Juden‘. Das macht das ganz speziell.“
Mit Daniel Grossmann und seinem Orchester schmiedet die Wienerin, die sich vor allem für das Repertoire der 20er- und 30er-Jahre von Komponisten wie Paul Abraham, Oscar Strauß, Robert Stolz und Ralph Benatzky begeistert, schon weitere Pläne. Was singt sie am liebsten? „Das ist schwer zu sagen, aber wenn ich Liedern jüdischer Komponisten aus den 1930er-Jahren ein frisches Flair geben kann, dann fühle ich mich richtig zu Hause.“ Merhauts stilistische Vielfalt unterstreicht auch ihre Diskografie: Süß & Bitter – Lieder der 30er Jahre erschien bei Sony Masterworks, Out of Sight – Vergessene Wienerlieder und jiddische Tangos mit u. a. Andreas Ottensamer, Julian Rachlin und Béla Korényi bei Gramola Wien. Ihr jüngstes Album Here & There erschienen im Februar 2025 und widmet sich dem musikalischen Dialog zwischen Europa und dem amerikanischen Exil.
In das Jahr 2026 startet sie mit Waltzing in the Clouds – Eine kleine Liebeserklärung an Wien, begleitet von Aliosha Biz auf der Geige und Belush Korenyi am Klavier im Theater Ramassuri. Premiere ist am 5. März 2026 in der Walfischgasse 4. Weil dieses Programm bereits fertig ist, denkt die vielbeschäftigte Künstlerin schon an ihr nächstes Projekt: „Das wird ein Abend, der ganz dem Komponisten Kurt Weill gewidmet ist.“























