Heilig und hochexplosiv

In seinem neuen Buch Al-Aqsa oder Tempelberg erzählt der deutsch-jüdische Journalist und Historiker Joseph Croituro die 3.000-jährige Geschichte der heiß umkämpften heiligen Stätte.

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Das erste Blutvergießen konnte im letzten Moment verhindert werden: Ein Engel des Herrn hielt Abraham zurück, seinen Sohn Isaak zum Beweis seiner G-ttergebenheit als Opfer darzubringen. Der Ort des Geschehens, wie es im ersten Buch Moses geschildert wird, ein Felsen auf dem Berg Morija, ist aber in den Jahrtausenden danach blutgetränkt worden wie kaum ein anderer Platz der Erde.
Heilig ist der Tempelberg allen drei Weltreligionen, besonders aber dem Judentum und dem Islam. Wo heute die erst im achten nachchristlichen Jahrhundert errichtete Al-Aqsa-Moschee und der Felsendom stehen, stand zu Zeiten König Salomos der Erste Tempel, dessen Zerstörung durch Nebukadnezar als traumatisches Ereignis in das kollektive Gedächtnis des jüdischen Volkes eingegangen ist. Noch nachhaltiger ist das Trauma seit der Zerstörung des von Herodes erbauten Zweiten Tempels durch die Römer im Jahr 70 n. Chr. Dessen letzter erhaltener Rest, die einstige westliche Stützmauer, die heutige „Klagemauer“, der „Kotel“ wie er in Israel genannt wird, ist der heiligste Ort des Judentums. Seiner magischen Aura wird sich wohl kein Besucher entziehen können.
Im Islam gilt der Tempelberg, von dem aus Mohammed einst seine nächtliche Himmelfahrt angetreten haben soll, nach Mekka und Medina als drittheiligste Stätte.
Der ewige Kampf um Jerusalems heilige Stätten ist der Untertitel des Buches, in dem Joseph Croituro auf deren dramatische Geschichte zurückblickt. Von den biblischen Zeiten bis zum Corona-Lockdown. Er tut dies mit historischer Objektivität, Genauigkeit und der gebotenen Nüchternheit. Seine Doktorarbeit hat er über die Geschichte des Selbstmordattentats geschrieben und sich wohl da schon seine Expertise für Fanatiker und Fundamentalisten erarbeitet.

„Har ha-bait be-yadeinu. Der Tempelberg ist in unserer Hand!“
(Funkspruch am
7. Juni 1967)

Heilserwartungen. Angetrieben von Mythen, Ideologien, Weissagungen und Legenden, von religiösen Führern und falschen Propheten, benutzt von den verschiedensten politischen Interessen, haben Extremisten aller Art den Tempelberg zu einem hochexplosiven Brennpunkt im wahrsten Wortsinn gemacht. Sie haben dabei viele andere und oft auch sich selbst geopfert. Messianische Heilserwartungen ebenso wie unterschiedliche nationale Besitzansprüche sind mit dem symbolbeladenen Territorium verbunden. So wollten Chaim Weizmann und Edmond de Rothschild die Klagemauer kaufen, und Tempelfantasien kreisen schon seit dem Frühzionismus um die Wiedererrichtung eines Heiligtums. Sogar der mit Herzl befreundete Wiener Architekt Oskar Marmorek machte sich Gedanken über dessen Gestaltung.
Fragen, wer wann wo und wie auf diesem Plateau beten darf, führen bis heute zu blutigen Auseinandersetzungen. Und sogar innerhalb des Judentums stellt sich diese Frage. Weil man nicht wissen könne, wo sich einst das Allerheiligste mit der Bundeslade befunden habe, das nicht betreten werden dürfe, untersagen Ultraorthodoxe das Beten auf dem Tempelberg. Im Gegensatz dazu kämpfen zionistische Gruppen dafür, dort auch uneingeschränkt G-ttesdienste abzuhalten. Unter den verschiedenen Herrschaften über dieses konfliktbeladene Gebiet, von osmanischer, britischer, jordanischer und schließlich israelischer Dominanz, wurden sämtliche Ansprüche auf kultische Handlungen von allen Seiten wiederholt neu ausgelegt und ausgefochten, Pilger- und Besucherströme zugelassen oder Betretungsverbote ausgesprochen. Besonders die religiösen Feiertage, wie das jüdische Tischa be Av, ein Trauer- und Fasttag, der an die Zerstörung des Zweiten Tempels erinnert, aber auch der islamische Fastenmonat Ramadan, sind immer wieder hochgefährliche Zeiten.

Eroberung.
„Wozu brauchen wir diesen ganzen Vatikan?“, hat Verteidigungsminister Moshe Dayan vor der Erstürmung der Jerusalemer Altstadt im Juni 1967 gemeint. Bilder von israelischen Soldaten bei der Eroberung der Klagemauer, vom Schofarblasen durch den Militäroberrabbiner Schlomo Goren lösten in der gesamten jüdischen Welt eine Welle der Euphorie aus. „Har ha-bait be-yadeinu!“ („Der Tempelberg ist in unserer Hand!“), lautete der mittlerweile historische Funkspruch. Doch in den Jahrzehnten danach entwickelte sich gerade dieser heilige Felsen immer mehr auch zu einem Hindernis für einen Frieden, wie der Nahostexperte an vielen Beispielen aufzeigt. Er erklärt, warum Ministerpräsident Ariel Scharon im Sommer 2000 auf den Tempelberg stieg und wie die „Al-Aqsa-Intifada“ mit ihren Märtyrerbrigaden entstand, auf deren Emblem der Felsendom prangte.
Armee, Polizei und muslimische Wächter sollen den umstrittenen Bereich schützen und Zutritt für Betende aller Konfessionen gewähren, wie es das israelische Parlament nach der Vereinigung Jerusalems vorgeschrieben hat. Dennoch bedrängen militante islamistische Fanatiker gewaltsam jüdische Besucher, und in der Konfrontation mit nationalistischen „Tempel-Aktivisten“ eskalieren die Konflikte oft bis hin zu blutigen Ausschreitungen. Zudem wollen jüdische Extremisten mit dem Bau eines dritten Tempels nicht auf die Ankunft des Messias warten und geben damit Fundamentalisten neues Futter.
„Auf dem Tempelberg wird sich wohl auch künftig das Recht des Stärkeren immer weiter durchsetzen“, resümiert Joseph Croituro abschließend.
Wenn nicht Frieden, so doch Ruhe gab es nur kurz einmal. Als nämlich der Tempelberg wegen der Covid-19-Pandemie für alle gleichermaßen geschlossen wurde.

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