
Im Wintersemester 1914/15 waren von 403 Tiermedizin-Studierenden in Wien 23 jüdisch. Im Sommersemester 1938 war es nur mehr einer von insgesamt 270, im Semester darauf gab es an der damaligen Tierärztlichen Hochschule keine jüdischen Studenten mehr. An dieser Uni ist die Zäsur aber schon Jahre vor dem „Anschluss“ an Deutschland erfolgt.
Bereits 1931 errang der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund an der Tierärztlichen Hochschule sieben der insgesamt zwölf Mandate in der Studierendenvertretung. Damit wurde die Situation für jüdische Studierende zunehmend unerträglich – und gipfelte in einem heute von Rettl als „Pogrom“ bezeichneten Gewaltakt am 29. Mai 1933.
An diesem Tag meldeten die NS-Studentenvertreter zunächst beim damaligen Rektor David Wirth eine „Protestversammlung“ an. Dieser Protest war dann so etwas wie eine Tarnung, um jüdische Studierende auf dem Weg zu einer Chemievorlesung zu schikanieren, in einen Hörsaal zu zwingen und einzusperren. Die jüdischen Studenten wurden dabei brutal zusammengeschlagen. Wirth verfasste darüber einen beschönigenden Bericht und spielte die Ereignisse herunter.

„Heilende Erinnerungen“. Zwei der insgesamt zwölf jüdischen Studierenden im Studienjahr 1932/33 waren Nachman Nagel und Otto Kohane. Beide wurden im Bericht des Rektors als Opfer des Pogroms genannt. Beide schlossen trotz aller Widrigkeiten ihr Studium in Wien ab. Und beide konnten sich schließlich nach Israel retten.
Lisa Rettl, die bereits für die Aufarbeitung der NS-Geschichte der Veterinärmedizinischen Universität verantwortlich zeichnete (nachzulesen auch in zwei Büchern, erschienen 2018 und 2019 im Wallstein Verlag), spürte nun im Rahmen des Projekts Healing Memories Nachkommen ehemaliger jüdischer Studierender nach und nahm während eines Forschungsaufenthalts in Israel 2025 auch Kontakt zu den Familien Nagels und Kohanes auf. Einige der Nachfahren der beiden Tierärzte reisten nun dieses Frühjahr nach Wien.
Es waren bewegende Momente, als diese in der Universitätsbibliothek Archivalien durchsehen konnten, die aus dem Uni-Leben von Nachman Nagel und Otto Kohane erzählten. Yael Kurtz-Binoun, die Enkelin von Nachman Nagel, hatte Tränen in den Augen, als sie mit ihrer Mutter Hana Kurtz vor den Dokumenten stand. Und später, als sie sich gemeinsam mit ihrem Bruder Nir Kurtz die Einträge von Rettl erklären ließ.
Yael Kurtz-Binoun war es auch, die an diesem Nachmittag – Rettl sprach vor Studierenden über die Lebensgeschichten Nagels und Kohanes, daran anschließend gab es die Möglichkeit zu Fragen und Wortmeldungen – eine gedankliche Brücke von den Geschehnissen damals zur Gegenwart schlug. Der Holocaust sei in ihrer Familie immer schon präsent, meinte sie. „Aber seit dem 7. Oktober begleitet mich das Thema auf andere Weise. Während wir im Schutzraum waren, habe ich darüber nachgedacht, wie es ist, um sein Leben zu fürchten, zu wissen, dass man vielleicht nicht überlebt. Nicht zu wissen, ob sie einem die Kinder wegnehmen. Während wir unter Beschuss standen, waren das meine Ängste. Und ich habe an die Ängste meiner Großeltern gedacht, die viel jünger waren als ich heute, als der Holocaust geschah.“
Hana Kurtz erklärte in einem Interview mit Rettl, dass ihr Vater nicht viel über seine Studentenzeit erzählt hatte. Aber über einen Vorfall berichtete er, so die Tochter: das Pogrom vom 29. Mai 1933 und wie er an diesem Tag immer und immer wieder geschlagen wurde.
„Seit dem 7. Oktober begleitet
mich das Thema auf andere Weise.
Während wir im Schutzraum
waren, habe ich darüber nachgedacht,
wie es ist, um sein Leben zu fürchten.“
Yael Kurtz-Binoun
Nachman Nagel kam 1911 in der Bukowina, damals Teil des Habsburgerreiches, zur Welt. Im Ersten Weltkrieg floh die Familie nach Wien. Nach Kriegsende gingen die Nagels nach Czernowitz, damals Teil Rumäniens, heute in der Ukraine, wo Nachman 1931 an der Deutschen Schule maturierte. Im selben Jahr begann er auch sein Studium an der Tierärztlichen Hochschule in Wien, das er 1937 abschloss. Zunächst öffnete er noch eine private Tierordination in Czernowitz, doch schon 1938 reiste er nach Palästina, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Im Mai 1938 kehrte er kurz nach Czernowitz zurück und reiste auch noch für ein paar Tage nach Wien.

und überlebte so die Schoah. © Veterinärmedizinische Universität Wien/Wallstein Verlag
Dann trat er seine endgültige Fahrt nach Palästina an – und kam am 18. August 1938 an Bord der „Har Zion“ in Haifa an. Noch im selben Jahr begann er für Hachaklait als Tierarzt zu arbeiten. Viele Jahre betreute er schließlich vor allem Nutztiere in Kibbuzim und Moshavim, er war aber auch bis in seine Pension hinein gerne Anlaufstelle für Nachbarn und Freunde, die mit ihren Haustieren zu ihm kamen. Er starb 2000.
Otto Kohane, der sich später in Israel Yosef nannte, kam ebenfalls 1911 im damals österreichischen Teil Schlesiens zur Welt. Er maturierte 1930 am Deutschen Gymnasium in Bielsko (heute Polen), begann dann zunächst an der Universität in Krakau zu studieren und schrieb sich – ebenso wie Nagel – 1931 an der Tierärztlichen Hochschule in Wien ein. Auch er schloss sein Studium 1937 mit dem Doktorat ab. Er ging zunächst zurück nach Polen, und zwar nach Skoczów, machte sich aber ebenfalls 1938 auf den Weg nach Palästina – dort kam er nach seiner fast einjährigen Flucht, die ihn über die Karpaten führte, am 12. Mai 1939 an.
Verlust der ganzen Familie. Amir Kohane erzählte in einem Interview mit Rettl: „Mein Vater ist zur richtigen Zeit weggegangen. Er hat verstanden, dass, wenn die Nazis noch stärker werden, etwas Schreckliches passieren wird.“ Sein Vater habe auch seine Eltern und seine Schwester zu überreden versucht, nach Palästina zu kommen. Sie seien wohlhabend gewesen und hätten gemeint, für sie sei das Leben in Polen gut und es werde ihnen schon nichts passieren. Am Ende wurden die Eltern Leon und Ema Kohane, seine Schwester Olga, ihr Mann Klemens Appermann sowie deren Tochter Irena ermordet.
„Mein Vater, meine drei Geschwister, ich und
alle unsere Kinder sind nun auch Österreicher –
insgesamt sind das 17 neue Staatsbürger.“
Sharon Kohane
Yosef Kohane arbeitete ebenfalls zunächst für die Hachaklait als Tierarzt, und zwar im Kibbuz Usha. Er wurde schließlich Israels führender Experte für die Newcastle-Krankheit, eine atypische Geflügelpest, starb aber bereits 1965. Seine Enkelin Sharon Kohane bedauert, den Großvater nicht kennen gelernt zu haben. „Mein Vater war 16, als er starb.“ Gemeinsam mit ihrer 13-jährigen Tochter Noga und ihren Eltern ist Sharon dieses Frühjahr nach Wien gereist. „Es ist gruselig zu hören, was meinem Urgroßvater hier an der Uni passiert ist“, sagte Noga. „Das hat sich schon merkwürdig angefühlt, hier zu sein.“

In Wien hat die Familie auch die beiden Wohnungen, in denen Otto einst gelebt hatte, besucht. In einer von ihnen lernten sie eine bucharische Familie kennen. Dafna, Sharons Mutter, ist ebenfalls bucharisch – ein Zufall, der die Familie gedanklich noch ein Stück näher an Wien brachte.
Für Sharon war es bereits der dritte Wien-Besuch, wie sie im Gespräch mit WINA erzählte. Vor drei Jahren habe sie die österreichische Staatsbürgerschaft erhalten – wie auch alle anderen Familienmitglieder. Eine Novellierung des Staatsbürgerschaftsrechts eröffnete Nachfahren von Verfolgten des NS-Regimes diese Möglichkeit.
„Mein Vater, meine drei Geschwister, ich und alle unsere Kinder sind nun auch Österreicher – insgesamt sind das 17 neue Staatsbürger“, meinte sie schmunzelnd. Ihr sei es dabei auch darum gegangen, den Kindern Möglichkeiten zu eröffnen. „Als ich gesehen habe, wo mein Großvater studiert hat, dachte ich mir, ich würde mich freuen, wenn meine Kinder eines Tages auch hier studieren.“ An ein solches mögliches Ende hat Lisa Rettl wohl nicht gedacht, als sie ihr aktuelles Projekt Heilsame Erinnerungen nannte.

























