Wie schreibt man über eine Ausstellung, die einen in gewisser Weise selbst betrifft? Mit sachlichem Abstand? Mit persönlicher Annäherung? Wie sehr pfuscht einem das eigene Wissen, vor allem aber auch die eigene Emotion beim Betrachten einer Schau in eine (vermeintlich) neutrale Perspektive, die das vermitteln möchte, was Besucher und Besucherinnen hier erwartet? Ich möchte hier beides versuchen. Ich nehme Sie also an die Hand und führe Sie durch diese kleine, große Schau, erzähle dabei aber auch ein bisschen etwas über die persönlichen Anknüpfungspunkte und Assoziationen.
Wer sich mit der NS-Geschichte der Stadt, mit der Schoa, mit der systematischen Entrechtung von Juden und Jüdinnen schon intensiv auseinandergesetzt hat, wird hier keine bislang nicht bekannten Fakten finden. Aber die vielen, die hier nicht Bescheid wissen und vor allem jüngere Menschen, erwartet hier auf kleinem Raum, gut verständlich auf das Wesentliche heruntergebrochen, was es bedeutete, als Jude, als Jüdin 1938 von einem Tag auf den anderen keine Rechte mehr zu besitzen, seiner Existenz beraubt, vertrieben, davor aber auch noch enteignet zu werden.

Im ersten Raum zeigt Gura, wie schwer es zunächst war, ausreisen zu können. Obwohl nicht mehr erwünscht, gestaltete sich das reine Fortkommen als Marsch durch Behörden und Instanzen. Steht man vor der „Schematischen Darstellung der für die Auswanderung anzulaufenden Ämter und Organisationen“ der Zentralstelle für jüdische Auswanderung, wird die Bürokratie, mit der hier gearbeitet wurde, klar ersichtlich. Man erkennt, wie viele Stellen hier eingebunden wurden – und damit auch, wie viele Menschen in dieser Entrechtungsmaschinerie tätig waren. Juden und Jüdinnen sollten zwar verschwinden, doch dazu mussten sie zunächst „viele Papiere sammeln“, wie es Gura bei der Presseführung formulierte. Es war eine Entrechtung, die zuvor legal festgelegt und danach perfekt organisiert wurde. „Durch dieses System, durch diesen Prozess hat man aufgehört, Mensch zu sein“, so die Kuratorin.
Sie greift aber auch weitere essenzielle Aspekte des Alltags heraus: Wie war es, plötzlich aus einer Gemeindebauwohnung geworfen zu werden? Seinen Betrieb zu verlieren? Seinen Beruf nicht mehr ausüben zu dürfen? Ein „J“ in den Pass eingetragen zu bekommen? Nicht mehr durch eine Ehe mit einem Nichtjuden oder einer Nichtjüdin geschützt zu sein?
War die Ausreise endlich geregelt – und auch ein Aufnahmeland gefunden –, ging es los in eine ungewisse Zukunft. Passend zu diesem Zustand des Durchgangs zeigt Gura im Foyer ein Foto der Familie Klagsbrunn auf ihrer Schiffspassage nach Brasilien. Zuvor hatten Kurt Klagsbrunn, seine Frau Fritzi sowie seine beiden zu diesem Zeitpunkt bereits erwachsenen Söhne Peter und Kurt mehrere Monate in Lissabon verbracht.
Was für die Klagsbrunns am Ende nur Transitstation bleiben sollte, wurde für meine Großeltern, ebenfalls aus Wien emigrierte Juden, ihr Exil. Der Bruder meines Großvaters hatte es in die USA geschafft. Einige Geflüchtete blieben aber bis 1945 – und manche von ihnen eben auch länger, teils ihr Leben lang – in Portugal.

Dem beschwerlichen Gang durch die Bürokratie, durch von Ämtern und Flughäfen bekannten Absperrbänder gestaltet, die den Weg vorgeben, stellt Gura im zweiten großen Raum der Schau das Ankommen entgegen. Hier präsentiert sie Objekte, viele von ihnen von Nachfahren zur Verfügung gestellt, die von der alten Heimat ins Exil mitgenommen wurden. Positioniert wurden sie auf Umzugskisten, Möbeln, Kästen, in der Mitte des Raumes zusammengeschoben.
Jede und jeder, der schon einmal von einer in die nächste Wohnung übersiedelt ist, kennt diese ungemütliche Anmutung. Man hat Hab und Gut von A nach B gebracht, aber nun müssen die einzelnen Objekte wieder ihren neuen Platz finden. Tun sie das aber? Victor Klarwill und seine Mutter Elsa Klarwill konnten sich nach Kenia retten. Mit im Gepäck: ein Dirndl und eine Lederhose. Beide Kleidungsstücke sind nun in der Schau zu sehen. „Sie haben diese sehr vertrauten Gegenstände mitgenommen“, sagt Gura, „aber sie fanden sich in einer ganz fremden Umgebung wieder. Man hatte also diese vertrauten Gegenstände, aber es war nicht zu Hause.“
Noch einen Bruch zeigt die Kuratorin auf: dem Abschiedsfoto des Komponisten Erich Zeisl aus Wien stellt sie eine Aufnahme aus der ersten Wohnung der Schriftstellerin und Hutmacherin Mimi Grossberg in New York gegenüber. In der Wiener Wohnung sitzt Zeisl auf einem Fauteuil rechts eines Tisches, seine Schwiegermutter Ilona Jellinek ihm gegenüber links des Tisches. Auf dem Fauteuil hinter dem Tisch und damit zwischen Jellinek und Zeisl haben die Ehefrau des Komponisten, Gertrud, und die langjährige Freundin der Familie, Hilde Hirschenhauser, Platz genommen. Ihre Gesichter: Sie strahlen Ernst aus, Ungewissheit, keine freudige Erwartung. Die Möblierung: ein komfortabler Wiener Salon. In Grossbergs erstem Apartment im Big Apple gibt es einen kleinen Tisch mit zwei Klappstühlen. Dahinter: zwei Mal das Star-Bangled Banner.
Nicht jeder identifizierte sich jedoch derart mit der neuen Heimat – oder konnte überhaupt Fuß fassen. Die Schau erzählt auch etwa am Beispiel der Brüder Waldemar und Reinhold Eckfeld von den so unterschiedlichen Schicksalen. Sie konnten nach Australien fliehen. Während Reinhold dort sein „goldenes Land“ fand und ein erfolgreicher Architekt wurde, konnte sein Bruder sein in Wien begonnenes Medizinstudium nicht wieder aufnehmen. Er litt an Depressionen und nahm sich schließlich 1959 das Leben. Nicht zuletzt hatten viele der Menschen und Familien, die entkommen konnten, auch damit zu kämpfen, dass Verwandte nicht flüchten konnten und schließlich von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Auch das belastete, wie Gura betonte.

Den Schlusspunkt der Ausstellung bilden Fotoarbeiten von Bethany Hobbs. Sie bildete in ihnen Objekte ihrer Urgroßmutter Elly Pollak ab, die diese von Wien ins Exil mitgenommen hatte, darunter ein Koffer voller Fotos, von denen die Urenkelin heute aber nichts mehr über die Abgebildeten weiß. „Dieses Fotoprojekt entstand aus einer Kindheit voller flüchtiger Momente eines vergangenen Lebens; aus einzelnen Sätzen, deren Bedeutung wir zu verstehen versuchten und die unendlich viele Fragen aufwarfen. Doch es gab keinen Raum für diese Fragen. Und als dieser Raum gefunden war, warteten die Antworten nicht mehr; sie verschwanden mit Elly Pollak (geb. Bock, 1913-2005).“
Ich gebe zu, dieser letzte Raum der Schau ging mir ans Herz. Warum? Man möchte meinen, 88 Jahre nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Österreich, sei in jüdischen Familien alles klar, alles aufgearbeitet, alles irgendwie überwunden. Es ist mitnichten so. Jede Familie tickt hier anders, jede ging und geht anders mit dieser Geschichte um. Manche sprachen vom Kriegsende an offen mit ihren Kindern und Enkeln über all das Erlebte. Andere schwiegen. Oder sie schwiegen partiell.
Meine Großeltern, die sich, wie eingangs erwähnt, nach Portugal retten konnten, waren also dort im Exil. „Im Exil“, das war die Formulierung, mit der ich groß wurde. Erst im Erwachsenenalter wurde mir klar, dass das Vertreibung und Flucht bedeutete und genau gar nichts mit Glamour zu tun hatte. Gleichzeitig war da dieses große Aufatmen: Sie hatten überlebt. Ihre jeweiligen Brüder hatten überlebt, der eine befand sich im Exil in den USA, der andere ebenfalls in Portugal. Ihre Mütter hatten überlebt, indem sie abenteuerlich in Südfrankreich bei Bauern versteckt den Krieg verbrachten. And that was that.
Erst kürzlich kam meine Mutter, als sie vor der Schoa-Namensmauer stand und dort Einträge mit bekannt klingenden Namen entdeckte, darauf, dass andere Familienmitglieder in den Vernichtungslagern der Nazis ermordet worden sein könnten. Weitere Recherchen bestätigten das. Doch ihre Eltern und Großmütter hatten diese Toten nie erwähnt. Es ist ein spätes Entdecken und niemand kann mehr die Frage beantworten: Warum habt ihr diese Menschen, die von den Nazi-Schergen ermordet wurden, ein zweites Mal umgebracht, indem ihr die Erinnerung an sie gelöscht habt? Es gibt einem das Gefühl, nie wirklich zur Ruhe kommen zu können. Die Geschichte findet kein Ende. Und genau das zeigt auch die Ausstellung am Judenplatz auf.
Für diese Schau hat die Kulturvermittlung des Museums (Leitung: Hannah Landsmann) auch mehrere Angebote für Schulklassen entwickelt. Bezug wird dabei einerseits auf die vielen in der Ausstellung vorgestellten Biografien genommen, sagt Gura. „Viele der Aspekte, etwa eine neue Sprache lernen zu müssen, in einem neuen Land zu sein, betreffen aber auch viele Kinder, die heute in Wien zur Schule gehen. Da kann man natürlich auch anknüpfen.“
Ein Katalog zur Schau ist im Czernin Verlag erschienen. Begleitet wird die Ausstellung zudem von einer eigens gestalteten Cuseum-App (ein Sponsoring-Beitrag von Cuseum-Gründer Brendan Ciecko), die sowohl eine Audio-Einführung von Gura als auch eine Audio-Führung, gesprochen von Studierenden der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien (MUK) bietet. Eine interaktive Wien-Karte verortet zudem die Geschichte und Objekte der Schau im heutigen Stadtbild. Über die World Map of Exile Memories lädt das Museum Angehörige und Nachkommen von Wiener Jüdinnen und Juden sein, sich hier zu beteiligen und ihre Erinnerungsobjekte, Familiengeschichten, Dokumente oder andere Zeugnisse digital zu teilen. https://www.jmw.at/app
























