„Das Heimweh der Alt-Österreicher“

2
2012

Judith Weinmann-Stern begründete 2013 die Österreichischen Kulturtage in Tel Aviv. Den in der Nazizeit geflüchteten Jüdinnen und Juden wird damit die Musik ihrer Jugend wieder nahegebracht. Anfang November finden sie wieder statt.

Redaktion und Fotografie: Ronnie Niedermeyer


WINA: Wie präsent war österreichisch-jüdische Kultur in Israel zum Zeitpunkt deiner Initiative?

Judith Weinmann-Stern: Einzelne Werke österreichisch-jüdischer Autoren und Komponisten wurden immer schon aufgeführt – nicht aber in der geballten Form, in der wir sie jetzt nach Israel bringen. Damals dachte ich, wir machen das nur ein Mal. Es ist aber auf so ein Echo gestoßen, dass wir jedes zweite Jahr ein neues Programm machen – und ich verstehe kaum, dass in all der Zeit davor sonst niemand auf die Idee gekommen ist.

„Wien ist eine lebenswerte Stadt, Israel ein liebenswertes Land.“

Da drängt sich ja förmlich die Frage auf, wie du auf die Idee gekommen bist.

❙ Mein Vater Desider Stern war der Erste, der das Leben und Werk jüdischer Autoren deutscher Sprache in Form einer Biobibliografie zusammenfasste. Nach der Schoah waren diese Menschen und deren Nachkommen in der ganzen Welt verstreut, und als Kind bekam ich mit, wie von allen Kontinenten die Korrespondenz zu uns hineinflatterte. Auf meinen eigenen Reisen suchte ich immer nach Altösterreichern, und ihr Heimweh machte mich irrsinnig betroffen. Der Wunsch, den Vertriebenen ein Stück der verlorenen Heimat zurückzugeben, hat viele Jahre in mir geschlummert. Nachdem dann der tägliche Kampf um Arbeit und Kindererziehung vorbei war, kam plötzlich Ruhe in mein Leben – und dieser versteckte Wunsch wieder heraus.

Hat die Vorarbeit deines Vaters bei der Programmwahl geholfen?

❙ Mein Vater konzentrierte sich mehr auf Schriftsteller, unser Schwerpunkt ist eher die Musik. Ich wollte den Exilanten das bringen, womit sie aufgewachsen sind – im Gegensatz zu Literatur und Theater, die dem Bildungsbürgertum vorbehalten waren, haben die Schlager von Hermann Leopoldi alle erreicht. Musik ist klassenübergreifend. Außerdem berührt sie Menschen auch auf einer unbewussten Ebene. Wenn ich zum Beispiel die Lieder meiner Kindheit höre, fühle ich mich sofort behütet und geborgen. Melodien bleiben immer in einem drinnen und bringen schöne Erinnerungen zurück.

Kann das nur mit Musik passieren?

❙ Nein, aber bei Musik ist dieser Effekt besonders stark, weil sie eben nicht nur den Intellekt anspricht, sondern direkt ins Unbewusste geht. Sogar bei einem Langzeitkoma kann die Lieblingsmusik eine messbare Reaktion hervorrufen.

Inwieweit haben die Kulturtage zu einer Versöhnung der Vertriebenen mit Österreich beigetragen?

❙ Diejenige, die zu den Kulturtagen gekommen sind, waren in ihrem Inneren wahrscheinlich schon versöhnt. Je älter, desto weniger nachtragend sind wir. Viele waren ja schon im Rahmen des Jewish Welcome Service nach Wien eingeladen worden. Trotz alldem, was sie hier an schrecklichen Dingen erlebt hatten, war die Sehnsucht nach ihrer Kindheit sehr stark. Die Leute kommen im Rollstuhl, auf Krücken, mit dem Rollator zu unseren Vorstellungen und singen alle Lieder mit. Ich habe sie mit tränenden und mit strahlenden Augen erlebt – es berührt mich immer wieder.

Wie könnte es weitergehen, wenn diese Menschen nicht mehr leben? Wird das Interesse bestehen bleiben, wird es an die nächste Generation weitergegeben?

❙ Die Generation, die sich jetzt verabschiedet, hat ihren Kindern zwar alles verschwiegen, sich aber ihren Enkelkindern gegenüber geöffnet. Oft bringen die Leute ihre Enkelinnen und Enkel zu den Vorstellungen mit. Auf dem Programm stehen nicht nur deutschsprachige Nummern, sondern auch welche auf Jiddisch und Hebräisch. Die Jugend will wissen, wo sie herkommt – auch das Goethe-Institut ist voll mit jungen Leuten. Es sieht also danach aus, dass die Österreichischen Kulturtage langfristig bestehen werden.

Du wohnst sowohl in Wien als auch in Netanya. Ist es möglich, an mehreren Orten Wurzeln zu schlagen? Was bedeutet Heimat für dich?

❙ Ich glaube schon, dass man zwei Heimaten haben kann – als Jude auf jeden Fall. Ein Gefühl der Zugehörigkeit kann man durch Geborgenheit, durch Kultur, durch Sprache erwerben. Im Heimatkundeunterricht im Wiener Lycée hatten wir mit neun Jahren ein Examen, und eine der Fragen lautete: „Wie heißt der höchste Berg in deiner Heimat?“ Der erste Buchstabe war bereits angegeben: „G“. Da hat die ganze Klasse „Großglockner“ geantwortet und ich: „Gilboa“. Damals war ich neun Jahre alt und noch nie in Israel gewesen! Unser Oberrabbiner Eisenberg sagte: „Die Liebe zu Israel hat Judith mit der Vatermilch bekommen.“ Ich habe für mich jedenfalls zwei gute Plätze gefunden: Wien ist eine lebenswerte Stadt, Israel ein liebenswertes Land.

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