Heldinnen gibt’s wirklich

Mit ihrer Hommage Annette, ein Heldinnen-Epos hat die deutsche Autorin Anne Weber der heute 97-jährigen Widerstandskämpferin Anne Beaumanoir, einer „Gerechten unter den Völkern“, ein faszinierendes literarisches Denkmal gesetzt.

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Paris im Winter 1943/1944. Anne Beaumanoir ist neunzehn Jahre alt und Mitglied der kommunistischen Résistance. Sie ist schwanger von ihrem Geliebten, dem deutsch-jüdischen Untergrundkämpfer Roland. Verboten ist eine solche Liebe von der Partei. Verboten war ebenso die eigenmächtige Rettung von Simone und Daniel, den beiden jüdischen Geschwistern, die sie spontan vor einer Razzia der SS versteckt, zuerst in Paris und schließlich bei ihren Eltern in der Bretagne. „Widerstand gegen den Widerstand“, wo sie ihn als ungerecht empfindet, ist für sie selbstverständlich. Und wird es ihr Leben lang bleiben. Mit Roland gemeinsam retten sie noch ein Baby und geben ihres gleichzeitig auf. „Denn jegliches hat wirklich seine Zeit. Das Kinderkriegen und das Widerstehen.“
Roland wird denunziert und erschossen. Annette wird mit ihren Eltern in Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt werden.

»Denn jegliches hat wirklich seine Zeit.
Das Kinderkriegen und das Widerstehen.«

Karriere und Flucht. Rückblickend ist diese Heldentat nur eine in einem langen Leben, in dem so viel mehr Platz findet. Annette wird Ärztin, Neurophysiologin, Ehefrau und dreifache Mutter und fast bürgerlich, da fordert der algerische Freiheitskampf ihren Widerstandsgeist wiederum heraus. Sie verlässt die Familie, kämpft in der Unabhängigkeitsbewegung FLN, wird verhaftet, zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, flieht, taucht unter und bekleidet später unter Ben Bella eine hohe Position im algerischen Gesundheitswesen. Ein Staatsstreich jagt sie erneut in die Flucht.
Ein jegliches hat seinen Preis. Auf der Strecke bleiben weitgehend ihre Kinder, ihre Männer.
Heute ist Annette Beaumanoir 97 Jahre alt und als Zeitzeugin nach wie vor unermüdlich engagiert im Kampf gegen religiösen Fanatismus und Nationalismus.

Anne Weber: Annette, ein Heldinnen-Epos. Verlag Matthes & Seitz 2020, 208 S., € 22

Ihre Geschichte bietet Stoff für mehrere Bücher, eines davon hat sie unter dem Titel Wir wollten das Leben ändern selbst erzählt. In dem kleinen französischen Dorf, in dem die alte Dame allein lebt, hört die deutsche Autorin Anne Weber sie bei einer Veranstaltung reden und ist auf der Stelle begeistert und verwundert: „Dich gibt es wirklich?“ Diesem „Liebesblitz“ verdanken wir ein Buch, das dieser außergewöhnlichen Frau in mehr als einer Hinsicht gerecht wird. Webers „Heldinnen-Epos“ spielt als langes Prosagedicht in freien Rhythmen mit diesem anachronistischen literarischen Genre. Poetisch, lakonisch und oft köstlich ironisch geht sie mit ihrer Saga um und spart dabei deren offensichtliche Brüche nicht aus. Blickt als Heutige aus der historischen Distanz auf die Ereignisse, die durchaus ambivalenten Entscheidungen in Annettes Vergangenheit zurück. Für längst vergessene Opfer und Helden der Geschichte, unter ihnen Annettes große Liebe Roland Juresthal, errichtet sie an einigen Stellen eine Art literarischen Grabstein, indem sie deren Namen und Daten festhält.

Psychogramm. Gleichzeitig, und das hebt die latent drohende Heiligsprechung auf, zeichnet Weber in Annette das vielschichtige Psychogramm einer Idealistin, die unerschrocken Opfer bringt, aber auch Opfer auf ihrem Weg zurücklässt. In ihrer steten Mission der Gerechtigkeit sucht sie nicht zuletzt den Kick der Gefahr, was sie mit einigen ihrer Generation, den jungen Kommunisten, Spanien-Kämpfern und Revolutionären an vielen Fronten gemeinsam hat. Die Revolution frisst ihre Kinder. Immer schon und immer wieder.
Für ihre exzeptionelle Erzählung eines exzeptionellen Frauenlebens hat Anne Weber ganz zu Recht den Deutschen Buchpreis 2020 erhalten. Eine Empfehlung!

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