Hinein ins Leben

Generationenwechsel im Generalsekretariat für jüdische Angelegenheiten der IKG Wien: Benjamin Nägele (35) übernahm mit September das Amt von Raimund Fastenbauer, der im Oktober in den Ruhestand trat. Nägele will sich dabei vor allem für ein vielfältiges jüdisches Leben einsetzen.

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© Daniel Shaked

Zuletzt war Benjamin Nägele in Brüssel tätig. Als Direktor für EU-Angelegenheiten der B’nai B’rith war er primär mit zwei Themen konfrontiert: mit Antisemitismus und dem Nahostkonflikt. Spannend und sehr politisch seien die mehr als fünf Jahre in der EU-Hauptstadt gewesen, resümiert er heute. Gefehlt habe ihm aber immer mehr die Arbeit direkt für Menschen, für eine jüdische Gemeinde. „Brüssel ist eine Politblase. Natürlich macht mir das politische Leben Spaß. Aber in Wien mit seiner lebendigen jüdischen Gemeinde habe ich die komplette Facette – in Brüssel hat so ein bisschen das Leben gefehlt.“
Ein ganz besonderes Foto wird Nägele in seinem Büro in der Seitenstettengasse aufhängen: ein Foto seiner Urgroßeltern, das in den 1930er-Jahren in der Praterstraße aufgenommen wurde. „Für mich ist das ein Bogen, der sich hier von der Vergangenheit in die Gegenwart schlägt.“ Das Anknüpfen an die Familienbiografie schlägt sich auch ein bisschen in seiner Ausbildungswahl und dem beruflichen Weg nieder. Er freut sich, nun an die Geschichte der Ahnen in Wien anknüpfen zu können. „Vielleicht werde ich hier auch einmal eine Familie gründen.“
Wien kennt Benjamin Nägele gut. Hier hat er an die sechs Jahre verbracht, hier hat er als Student viele Freundschaften geschlossen. Hier lernte er auch das Gefühl kennen, Teil einer Gruppe von jungen Juden und Jüdinnen zu sein. Aufgewachsen ist der neue Generalsekretär in Freiburg in Deutschland als Sohn einer israelischen Mutter und eines deutschen Vaters – mit einer kurzen Unterbrechung, ein Kindergartenjahr verbrachte er in Israel, daran hat er allerdings keine Erinnerungen mehr. Zu Hause in Freiburg wurde Hebräisch und Deutsch gesprochen. Schabbes wurde eingehalten, und Freitagabend besuchte die Familie die Synagoge.
Die Gemeinde sei aber eine – „leider bis heute“ – gespaltene gewesen. Von den rund 500 Mitgliedern stammten an die 450 aus der ehemaligen Sowjetunion. Deutschland holte hunderttausende russische Juden, um vor allem in kleineren Städten wieder jüdisches Leben zu ermöglichen. Das sei natürlich gut, betont Nägele, in Freiburg sei nur die Gemeinde aus russischen Zuwanderern und deutschen Rückkehrern (teils mit israelischen Partnern) nie richtig zusammengewachsen.

»Die FPÖ hat es geschafft, eigene, teils hochproblematische Parteimitglieder in wichtigen Positionen in Ministerien und Verbänden unterzubringen.«
Benjamin Nägele

Im externen Religionsunterricht gab es gerade einmal einen anderen jüdischen Jungen in seinem Alter. Im Gymnasium mit rund 600 Schülerinnen und Schülern sei er das einzige jüdische Kind gewesen. „Das hat es ein bisschen schwierig gemacht, das Jüdischsein als Normalität zu sehen und auch auszuleben.“ Als nicht optimal empfand er auch, dass das Judentum nur dann angesprochen wurde, wenn es entweder um die Schoah oder den Nahostkonflikt ging. „Das fand ich dann so erfrischend in Wien, dass es hier ein selbstbewusstes junges Judentum gibt.“
Nach dem Abitur studierte Nägele zunächst in Rostock Jus. Dienst bei der Bundeswehr stand nicht auf dem Programm. Als Jude und Nachfahre seiner Großmutter, die im Nationalsozialismus verfolgt wurde, wurde er von dieser Pflicht entbunden. Die Studienwahl, die er eher nach dem Kriterium der beruflichen Verwertbarkeit denn nach persönliche Interessen traf, empfand er nach Abschluss des Grundstudiums nicht optimal. Nun drehte er den Spieß um und überlegte, was ihn interessiert, unabhängig von den damit einhergehenden Chancen im Berufsleben. So begann er an der Universität Wien, Politikwissenschaften und Judaistik zu studieren. Letzteres spiegelt auch sein Bedürfnis wider, an seine Familiengeschichte anzuknüpfen.

Anstieg des Antisemitismus. Danach entschied er sich für ein Masterstudium an der Diplomatischen Akademie. Massenstudium und Anonymität an der Uni Wien – Kleingruppenfeeling an der Privatuniversität. Aus der Gesamtperspektive ergänzten einander die beiden Ausbildungsabschnitte gut, sagt Nägele. Viel hat er dabei zum Umgang mit dem Judentum heute reflektiert. Aber auch, wie der Holocaust in Deutschland abgehandelt wurde und wird. Vom „Erinnerungsweltmeister“ sei da oft die Rede. Ja wer, wenn nicht Deutschland, müsse diese Arbeit leisten, fragt Nägele. Was ihn stört: In der Schule sei der Holocaust oft Thema gewesen – mit 1945 habe die Auseinandersetzung mit Antisemitismus aber geendet. Und nun tue man so, als ob die Judenfeindlichkeit plötzlich wieder aufgepoppt sei. „Aber ich kann mich daran erinnern, dass auch in meiner Kindheit schon ein Polizeiwagen vor der Synagoge stand.“
Österreich sei lascher mit dem Thema Vergangenheitsbewältigung umgegangen. Stichwort: erstes Opfer. Dennoch sei die Situation in Bezug auf Antisemitismus heute in Deutschland wesentlich dramatischer als in Österreich. „Das ist für mich sehr schmerzhaft.“ In Deutschland gebe es eine Eskalation der Gewaltspirale. In manchen Vierteln könne man nicht mehr offen mit Kippa gehen. Ein praktizierender Jude könne sich aber nicht aussuchen, ob er die Kippa aufsetze oder nicht. „Das ist für mich eine Hiobsbotschaft. Kippatragen, Beschneidung, Kaschrut: Wenn man das angreift, ist jüdisches Leben nicht mehr möglich. Und dann ist es mir egal, welche pathetischen Phrasen am Holocaust-Gedenktag geklopft werden und wenn Leute sagen, dass es toll ist, dass es jüdisches Leben gibt.“
Jüdische Gemeinden in Deutschland beklagen einen Anstieg des Antisemitismus von islamischer Seite. Die offiziellen Statistiken sprechen eine andere Sprache. Wie ist das zu erklären? „Es gab Polizeistatistiken, wonach über 90 Prozent der antisemitischen Übergriffe von Rechten kamen. Sie sind aber irreführend. Über 80 Prozent der Taten kann man nicht zuordnen – sie wurden aber automatisch der Rechten zugeordnet.“
Mehr Aufschluss habe nun die von der EU-Grundrechteagentur durchgeführte und im Dezember 2018 publizierte Umfrage unter europäischen Jüdinnen und Juden gegeben. „In dieser Umfrage geht es um die Befindlichkeiten in den Gemeinden, und da ist es tatsächlich so, dass der islamische Antisemitismus als am bedrohlichsten empfunden wird.“ Sorge macht Nägele auch der institutionalisierte Antisemitismus. Der wiederum sei durch Regierungsbeteiligungen der FPÖ höher als in Deutschland. „Es ist ja zum Beispiel nicht nur damit getan, dass ein Innenminister Herbert Kickl abtritt. Die FPÖ hat es über die Regierungszeit hinaus geschafft, eigene, teils hochproblematische Parteimitglieder in wichtigen Positionen in Ministerien und Verbänden unterzubringen.“ Anders als in Österreich habe es noch keine Kraft wie die FPÖ in Deutschland in eine Regierung geschafft, auch nicht auf Landesebene. Doch der Vormarsch der AfD sei Grund zur Sorge. Inzwischen sei sie im Bundestag die größte Oppositionspartei.
An seiner Aufgabe in Wien reizt ihn, hier nicht nur für Lobbying, sondern direkt für und mit Menschen tätig zu sein. Dabei möchte er ausloten, was gewünscht und gebraucht wird und wofür es dann auch Mehrheiten gibt. Seine Funktion als Generalsekretär sieht er dabei wie die eines Kabinettschefs: Er möchte ermöglichen, was politisch – also vom Präsidium, dem Kultusvorstand, den Gemeindemitgliedern – gewünscht wird. Vielleicht wird er dabei auch in Wien etwas andere Wege als üblich gehen. In Brüssel organisierte er zum Beispiel einmal eine Konferenz zum Thema Antisemitismus im Fußball und lud den FC Chelsea und Borussia Dortmund ein. „Sie sprachen ein Zielpublikum an, das ich niemals ansprechen könnte. Und dann ist es mir egal, ob jemand nur kommt, um sich ein Autogramm eines Spielers zu holen: Er sitzt im Saal und hört sich das an. Und wenn er da ist, können wir reden.“
In seiner Freizeit ist Nägele übrigens selbst sehr sportlich unterwegs. In den vergangenen Jahren ging er vor allem viel Kite-Surfen, was sich an den Wochenenden leicht bewerkstelligen ließ, da das Meer von Brüssel aus in einer Stunde erreichbar ist. Hier gibt es zwar den Neusiedler See, doch der Wassersport wird wohl etwas in den Hintergrund treten. Dafür möchte Nägele ein Hobby aus Jugendtagen wieder stärker ausüben: das Skifahren.

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