WINA: Herr Professor Jursa, wie schwer hatte es ihr Vor-Vor-Vorgänger David Heinrich Müller als jüdischer Outsider, sich in der Wiener akademischen Welt zu etablieren? Er dürfte ja, schließt man von seinen kurzen Studienzeiten, sehr begabt gewesen sein.
Michael Jursa: Er war sicher außerordentlich sprachbegabt und zudem extrem fleißig, wichtige Bücher seiner Karriere hat er nachweislich in wenig mehr als sechs Monaten geschrieben. In Buczacz hielt man ihn zu seinen Lebzeiten und danach für einen „Ilui“, ein Genie; Müllers oft ungehaltene Reaktion auf akademische Kritik, auch faire Kritik, muss man sagen, lässt übrigens vermuten, dass auch er selbst eine gute Meinung von sich hatte. Begabung und Einsatz waren sicher entscheidende, aber allein nicht hinreichende Voraussetzungen für seinen Erfolg. Er konnte seine Lehrer auch menschlich für sich gewinnen, einer, Joseph von Karabacek, wurde sein Freund und hat ihn zeitlebens sowohl an der Universität als auch an der Akademie unterstützt.
Natürlich gab es antisemitische Widerstände – ein Kollege Müllers am Institut für Orientalistik (der dort aber nie Karriere gemacht hat) gilt als einer der Ideengeber Hitlers –, aber dieser Widerstand war damals punktuell und persönlich, nicht systemimmanent. So konnte jemand wie Müller durchaus Karriere machen. Zehn Prozent der ordentlichen Professoren an der Universität Wien waren knapp nach 1900 jüdischer Herkunft, allerdings keine Frauen. Müller ist freilich auch insofern Angehöriger einer Minderheit geblieben, als viele seiner Kollegen früher oder später konvertierten – er hat das nie getan.
Wo sehen Sie seine wichtigsten akademischen Leistungen, die überdauerten und spätere Generationen von Forschern und Lehrern beeinflussten?
I Im Bereich der Arabistik sind seine Editionen von einigen wissenschaftlichen Traktaten aus dem Mittelalter bis heute noch in Verwendung. In der Südarabienforschung ist er absoluter Pionier, einer der Gründerväter dieser Wissenschaft weltweit. In der Assyriologie, also der Keilschriftforschung, einem zu seiner Zeit noch sehr jungem Fach, hat er sich auch betätigt, freilich eher am Rande, und sein Beitrag ist heute weitgehend vergessen. Forschungsgeschichtlich ist aber interessant, dass er als Erster eine wirklich wichtige Erkenntnis über Parallelen von babylonischen, hebräischen und altlateinischen Gesetzessammlungen formuliert hat, an denen sich die Forschung heute noch abarbeitet – in einer kurzen Notiz in der Neuen Freien Presse übrigens, geschrieben aus seinem Urlaubsort.
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Aus dem Stetl in die Professur
Müller hat an der Universität sowie an der 1893 gegründeten Israelitisch-Theologischen Lehranstalt unterrichtet, nicht ganz ohne Kritik. Können Sie das in der damaligen Wiener jüdischen Vielfalt einordnen?
I Jüdisches intellektuelles Leben in Wien um 1900 bewegt sich in einem Feld, das von vier Polen aufgespannt wird: mehr oder weniger traditionelle Religiösität, Zionismus (Theodor Herzl), Sozialismus (z. B. Viktor Adler), und kulturelle Moderne (Sigmund Freud, Arthur Schnitzler, Gustav Mahler). Müller sitzt zwischen allen diesen Stühlen. Am deutlichsten sieht man das in seinen Arbeiten zur hebräischen Bibel: Für die Lehranstalt ist er zu historisch, zu vergleichend; gleichzeitig ignoriert Müller in seinen Schriften die innovativen Ansätze der Bibelwissenschaften seiner Zeit, die den Bibeltext in Quellschriften aus unterschiedlichen Zeiten zerlegen; da kann er nicht mit. Das heißt nicht, dass sein Unterricht an der Lehranstalt nicht Früchte getragen hätte: Einer seiner Schüler war der Galizier Harry Torczyner, später als Naftali Herz Tur-Sinai erster Präsident der hebräischen Sprachakademie.
David Heinrich Müller hat zwar in mehreren europäischen Städten studiert, aber während seiner Professur eine einzige aufregende Reise in den Orient unternommen. Wie international vernetzt ist dieses Fach heute? Wie viel reist ein Professor der Orientalistik heute – real und via Zoom-Konferenz?
I Wir sind ein globalisiertes Dorf, orientalistische Departments gibt es auf allen Kontinenten, aber mit Schwerpunkten in Europa, den USA, dem Mittleren Osten und zunehmend in Ostasien. Dementsprechend bewegt man sich viel. Vergleicht man die Gegenwart mit Müllers Zeit, fällt auf: Es wird ungleich mehr publiziert, mehr, als eine Person lesen kann, aber der wissenschaftliche Umgangston – jedenfalls im Druck – ist wesentlich milder. Persönliche Auseinandersetzungen trägt man nicht wie in Müllers Zeiten in Rezensionsspalten aus, sondern allenfalls in Konferenzpausengesprächen.
Noch eine letzte Frage zur modernen Technik: Ein guter Teil Ihrer Forschung beruht auf schriftlichen Quellen, bei Ihnen etwa Tontafeln mit Keilschrift. Wie hilfreich ist dabei heute die KI beim Sortieren und Zusammensetzen der oft fragmentierten Teile oder beim Kombinieren derartiger Fragmente, die in Sammlungen und Museen an unterschiedlichen Orten zu finden sind?
I Es wird mit großer Geschwindigkeit daran gearbeitet, auch im Bereich der unterschiedlichen Altphilologien das verfügbare Material zu digitalisieren und so auch KI-basierten Zugängen zu eröffnen, etwa im Bereich der Bildverarbeitung. Es gibt u. a. einschlägige Projekte an der Akademie der Wissenschaften in Wien. Das wird unsere Arbeit sicherlich revolutionieren. Gleichzeitig gilt wahrscheinlich, dass für die meisten alten Sprachen zwar sehr viel Material erhalten ist, aber nicht genug, um ein allgemeines „Large Language Model“ zu trainieren – einen Babylonisch sprechenden Chatbot werden wir daher nicht erleben.























