„Hochfürstlich Esterházy Schutzjuden“

Die Adelsfamilien Esterházy und Batthyány gewährten in den Jahren 1612 bis 1848 der jüdischen Bevölkerung im heuten Burgenland Privilegien für ein prosperierendes Leben.

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Die bedeutenden jüdischen Friedhöfe sind oft das einzige, das blieb. © IKG Wien

Historisch betrachtet gab es für Juden keinen geografischen Ort in Europa, von dem sie nicht vertrieben, verfolgt oder ihrer Rechte beraubt wurden. In Wiederholungen ging es an den Wohnorten einige Jahrzehnte oder Jahrhunderte irgendwie gut, bis sich alles zum sehr viel Schlechteren änderte. So ist auch die Geschichte der Juden im Burgenland nicht anders.

Die ersten Nachweise jüdischen Lebens im Burgenland finden sich bereits im 13. Jahrhundert, nachdem Juden aus der Steiermark, Kärnten und ungarischen Städten vertrieben worden waren. Aber erst ab der Mitte des 17. Jahrhunderts wurde das Burgenland kontinuierlich von Juden besiedelt. Auch dieser Zuzug jüdischer Menschen war durch Ausweisung aus Wien, Niederösterreich und Oberösterreich begründet.

Das Denkmal für die Juden von Zelem, das 2012 auf Initiative von Michael Feyer errichtet wurde. © Christian Michelides

Zu dieser Zeit gewährte die ungarische Adelsfamilie Esterházy den jüdischen Bewohnern Schutz, und es begann ein prosperierendes Gemeindeleben in den „Sieben Gemeinden“ (hebr.: Schewa Kehilot) Eisenstadt, Mattersburg, Kittsee, Frauenkirchen, Kobersdorf, Lackenbach und Deutschkreutz. Zu den „Sieben Gemeinden“ gehörte ursprünglich auch Neufeld als achte Gemeinde, allerdings wurde sie 1739 aufgelöst und scheint nicht als „achte“ Gemeinde auf. Die Bewohnerinnen und Bewohner der südburgenländischen Gemeinden Rechnitz, Stadtschlaining und Güssing sowie die heute ungarischen Gemeinden Körmend und Nagykanizsa hatten ebenfalls Schutzstatus, allerdings hier durch den Grafen Batthyány. Diese fünf Ortschaften werden aber nicht zu den „Sieben Gemeinden“ gezählt.

Die 1690 verfassten Schutzbriefe der Esterházys regelten in Form eines Vertrags auf sehr detaillierte Weise die Rechte und Pflichten der jüdischen Bevölkerung. Um die Vorteile der im Vertrag festgelegten Schutzbestimmungen zu erhalten, wurde eine Schutzgebühr eingehoben, die die religiöse Freiheit garantierte. Der Schutzbrief enthielt unter anderem Regelungen zu Steuerpflicht, Gemeindeverwaltung und Handelsfreiheit. Außerdem gab es Vorschriften für Alltägliches. So wurden Juden zur Sauberkeit in Haus und Viertel verpflichtet.

Die 1690 verfassten Schutzbriefe der Esterházys regelten
in Form eines Vertrags auf sehr detaillierte Weise die Rechte
und Pflichten der jüdischen Bevölkerung.

 

Noch bis 2. Oktober 2022 ist im Schloss Esterházy in Eisenstadt die Jahresausstellung Schewa Kehilot – Die Jüdischen Sieben Gemeinden unter den Fürsten Esterházy (1618– 1848) zu sehen auf https://www.wina-magazin.at/die-fuersten-und-ihre-juden, die bislang kaum bekannte und wenig erforschte Aspekte der jüdischen Geschichte auf dem einstigen westungarischen Gebiet thematisiert. Es sind unbekannte historische Dokumente und Publikationen, Pläne, Karten und Objekte zu sehen, die die Lebensumstände und Lebensbedingen der jüdischen Menschen zeigen und das rege wirtschaftliche und geistig kulturelle Leben näherbringen.

Die erhaltenen historischen Reste des ehemaligen jüdischen Viertels in Eisenstadt befinden sich ganz in der Nähe des Schlosses. Vor allem interessant ist die original erhaltene private Synagoge von Samson Wertheimer. Heute ist das Österreichische Jüdische Museum darin untergebracht. Die beiden jüdischen Friedhöfe konnten nach 1945 trotz starker Verwüstung wieder instandgesetzt werden.

Das auf eine mittelalterliche Burg zurückgehende, in mehreren Bauetappen entstandene Schloss wurde im 17. Jahrhundert unter dem ersten in Eisenstadt geborenen Esterházy’schen Fürsten Paul I. (1635–1713) erbaut. Paul I. ist auch für die Geschichte der jüdischen Gemeinde Eisenstadt bedeutsam, denn in seine Regierungszeit fällt die Ausstellung des „Schutzbriefes“ (1690), der die Grundlagen des jüdischen Gemeinwesens in Eisenstadt vertraglich regelte.

Knapp 40 Kilometer südlich von Eisenstadt liegt die Gemeinde Deutschkreutz, die im 15. Jahrhundert von seinen jüdischen Bewohnern Zelem genannt wurde. Zelem – Hebräisch für Kreuz – hat Juden aus religiösen Gründen erspart, das Wort „Kreuz“ des Ortsnamens auszusprechen. Die Geschichte der Juden von Deutschkreutz ist Bespiel für alle anderen „Sieben Gemeinden“ im Burgenland. Alle ereilte nach 1938 dasselbe Schicksal.

Die zurückgestellten Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof in Deutschkreutz. © IKG Wien

Im 15. Jahrhundert lebten nur wenige Juden in Deutschkreutz, was sich aber ab dem 17. Jahrhundert änderte. Paul Esterházy erlaubte per Vertrag 1701, dass Juden Häuser von Christen erwerben durften. Durch einen Schutzbrief wurde zusätzlich ihr Leben und ihr Besitz vor jeglichen Übergriffen geschützt. Auch wurden ihnen Privilegien auf dem wirtschaftlichen Sektor zugestanden, wie z. B. Fleischereien oder eine Brauerei zu eröffnen. Der Zuzug nach Deutschkreutz unterlag nun keiner Behinderung mehr, und auch Eheschließungen waren ohne Einschränkung möglich. In religiösen Belangen besaß die Gemeinde vollkommene Autonomie. Rabbiner und Vorbeter konnten frei gewählt werden, eine Synagoge gebaut (1747) und ein Friedhof angelegt werden (1759), der von einer Chevra Kadischa verwaltet wurde. Auch politische Autonomie wurde Juden zugestanden, und so konn ten sie einen Gemeindevorsteher wählen und sogar eine jüdische Polizei aufstellen. Durch diese weitreichenden Freiheiten gewann Deutschkreutz als Handelszentrum große Bedeutung, das mit Wien, Wr. Neustadt, Pressburg und Ödenburg (heutiges Sopron) in regelmäßigen Geschäftsbeziehungen stand. Ein Großbrand 1777 vernichtete fast sämtliche Dokumente und Gebäude, sodass heute sehr wenig historisches Material aus dieser Zeit vorhanden ist. 1857 hatte die Gemeinde 1.240 Mitglieder und war die größte unter den „Sieben Gemeinden“.

Nach dem Ende der Schutzherrschaft der Familie Esterházy 1848 änderte sich die Situation für Juden im Burgenland. Es war auch die Abschaffung des Feudalsystems nach der Revolution von 1848, die schließlich die Sonderstellung der „Sieben Gemeinden“ überflüssig machte. Ab diesem Zeitpunkt wurden die jüdischen Aktivitäten im Burgenland als Bestandteil aller Juden des Landes betrachtet. Die „Hochfürstlich Esterházy Schutzjuden“ wurden ungarische Staatsbürger:innen in der Österreichischungarische Monarchie und durften sich ab 1860 in den Städten niederlassen. Zur Zeit der Doppelmonarchie erklärte die Verfassung von 1867 das jüdische Individuum zum gleichberechtigten Bürger, verlangte aber auch von ihm die völlige Eingliederung in Gesellschaft und Staat. In diesem Jahr wurde auch allen Juden der Erwerb von Immobilien erlaubt. Der jüdische Glaube wurde den christlichen Konfessionen gleichgestellt, so dass es für Juden möglich war, staatliche Subventionen für ihre Religions- und Erziehungseinrichtungen zu bekommen.

Gerade die burgenländischen Juden
waren 1938 die ersten in Österreich,
die von den Ausweisungsbefehlen der
Nazis betroffen waren.

 

Zerstörungswut der Nationalsozialisten. Der Erste Weltkrieg brachte auch den burgenländischen jüdischen Gemeinden viel Leid und wirtschaftliche Rückschläge. Zahlreiche jüdische Männer waren unter den Gefallenen. Als Folge wanderten viele jüdische Burgenländer nach Wien ab. 1921 wurde das heutige Burgenland in die Republik Österreich eingegliedert und der Autonomiestatus der burgenländischjüdischen Gemeinden anerkannt.

Im Mai 1922 wurde der Verband der autonomen orthodoxen israelitischen Kultusgemeinden des Burgenlandes gegründet. Diese Vereinigung konnte erreichen, dass sich die österreichische Regierung am Erziehungs- und Rabbinatsbudget beteiligte. In der schwierigen Zwischenkriegszeit veränderte sich die Zahl der Juden im Burgenland nur wenig; Laut Volkszählung des Jahres 1923 bildete Zelem die größte burgenländische jüdische Gemeinde mit 435 Mitgliedern. Die Synagoge und die über die Landesgrenzen bekannte Talmudschule galten als Zentrum des jüdischen Lebens von Zelem/Deutschkreutz.

Die jüdische und nicht-jüdische Deutschkreutzer Gesellschaft kam fast drei Jahrhunderte gut miteinander aus – bis 1938, als für Juden die dunkelste Zeit begann. Gerade die burgenländischen Juden waren 1938 die ersten in Österreich, die von den Ausweisungsbefehlen der Nazis betroffen waren. Fast alle Zeichen ihres Lebens wurden vernichtet, womit die mehrere Jahrhunderte dauernde jüdische Geschichte der „Sieben Gemeinden“ ihr abruptes Ende fand. 1941 wurde die Synagoge von Deutschkreutz von den Nationalsozialisten gesprengt und der Friedhof verwüstet. Nur ein besonders wertvolles Erinnerungsstück, der Thoravorhang, wurde aus der Synagoge gerettet und von den damaligen Stiftern viele Jahre später nach Jerusalem gebracht.

Nach 1945 kehrten nur mehr sehr wenige jüdische Familien ins Burgenland zurück, und heute gibt es kaum ein Dutzend Jüdinnen und Juden, die im Burgenland wohnen. Von den etwa 3.900 im Jahr 1938 im Burgenland ansässigen jüdischen Personen wurde rund ein Drittel in der Shoah ermordet.

Heute erinnert ein Denkmal an die jüdische Gemeinde von Zelem, das durch die Initiative von Michael Feyer aus Wien im Jahr 2012 errichtet wurde. Eine Gedenktafel am Friedhof von Deutschkreutz und ein virtuelles Friedhofsprojekt mit Namen von fast 300 verstorbenen oder durch die Nationalsozialisten getöteten Zwangsarbeitern wurde auf Betreiben von Nechemja Gang, dem Präsidenten der Misrachi Wien, 2014 errichtet.

Von der Zerstörungswut der Nationalsozialisten blieben im Burgenland nur zwei Synagogen verschont: die Synagoge Kobersdorf und die ehemalige Privatsynagoge in Eisenstadt.

Die private Synagoge von Samson Wertheimer, heute Heimat des Österreichischen Jüdischen Museums. © CC BY-SA 4.0; Dguendel, CC-BY-3.0

Seit über zehn Jahren haben sich die Bemühungen der burgenländischen Forschungsgesellschaft und des Landes Burgenland um eine historische Aufarbeitung und Dokumentation der jüdischen Gemeinden verstärkt. Die Synagoge Kobersdorf wurde vor Kurzem vollständig renoviert und wird zukünftig unter anderem für Veranstaltungen, die der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Geschichte der Burgenland-Juden und ihres Umfeldes in Zusammenhang mit der Geschichte des europäischen Judentums gewidmet. Zuletzt fand Anfang Juni 2022 ein Symposium unter dem Titel Wissenschaft in der Synagoge der burgenländischen Forschungsgesellschaft statt. Aber die ehemalige Synagoge soll nicht nur Ort der Lehre und des Wissens sein, sondern auch ein Raum der Begegnung unterschiedlicher Meinungen – mit dem Ziel, eine solidarische Gesellschaft zu stärken und Ressentiments abzubauen. Geboten wird ein ambitioniertes Programm, um eine Vernetzung mit anderen Forschungseinrichtungen herbeizuführen. Es ist aber auch ein Anliegen, über den engeren Fachbereich hinauszugehen und Jugendliche wie Erwachsene zum Diskurs mit Wissenschaft und Forschung anzuregen.

In der Eisenstädter Synagoge ist heute das Österreichische Jüdische Museum untergebracht, das bereits 1972 als erstes jüdisches Museum in Österreich nach 1945 gegründet wurde.

Grabsteinfragmente in Zelem: Sie wurden bei einem Stadlabriss geborgen und später in die Friedhofsmauer eingemauert. © Österreichisches Jüdisches Museum

Mit einer neuen, für das Smartphone kompatiblen Website werden von der burgenländischen Forschungsgesellschaft 12 Rundgänge angeboten, die die reiche jüdische Geschichte des Burgenlandes wieder sichtbar und begehbar macht. Der burgenländische Kulturwanderweg ist eingegliedert in die European Routes of Jewish Heritage, die seit 2004 von der European Association for the Preservation and Promotion of Jewish Culture and Heritage (AEPJ) verwaltet und unterstützt werden. Mit den Rundgängen durch die „Sieben Gemeinden“, die Schewa Kehilot im Norden und die fünf Gemeinden im Südburgenland, ist Österreich nun auch Teil der European Routes of Jewish Heritage. Der burgenländische jüdische Kulturweg ist der erste dieser Art, den es in Österreich gibt.

Als weiterreichende Information ist der lesenswerte Reiseführer Jüdische Kulturwege im Burgenland veröffentlicht worden, der in den Tourismusbüros aufliegt. Die Broschüre ist eine Gemeinschaftsproduktion der burgenländischen Volkshochschulen, der burgenländischen Forschungsgesellschaft, des Landesmuseums und des jüdischen Museums in Eisenstadt.

Große Unterstützung bei der Forschungsarbeit liefern die 459 Kartons, die den „Judenkataster des Burgenlandes“ darstellen und derzeit noch von Mitarbeiter:innen des Archivs der IKG Wien aufgearbeitet werden. Dieser Katas-ter wurde bereits in den 1930er-Jahren im Landesarchiv des Burgenlandes in Eisenstadt den jüdischen Gemeinden abgenommen. Nach einem langen und schwierigen Prozess, der vom Grazer IKG Präsidenten Elie Rosen und der Exekutivdirektorin des Präsidiums der IKG, Erika Jakubovits, geführt wurde, ist der Kataster 2021 dem Archiv der IKG Wien übergeben worden. Die Dokumente stellen ein einzigartiges kulturelles Erbe dar und spielen eine wesentliche Rolle für das individuelle und kollektive Gedächtnis des Burgenlands, dessen jüdisches Leben ab 1938 ausgelöscht wurde.

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