Hoffen auf Normalbetrieb im Herbst

Dank guter Planungsarbeit und viel Flexibilität hat das Jüdische Berufliche Bildungszentrum (JBBZ) die Coronakrise bisher gut gemeistert. Nun hofft man, ab Herbst wieder weitgehend im Normalbetrieb unterrichten zu können.

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Das Leitungsteam des JBBZ unterstreicht, dass das Lernen selbstständiger war – davon will man auch etwas in den Normalbetrieb mitnehmen. ©Daniel Shaked

Leer war das Haus in der Adalbert-Stifter-Straße im April. Erst ab Mai kamen wieder nach und nach Lehrende und Lernende zurück. Stolz ist man im JBBZ allerdings, das vom ersten Tag des Shutdowns an der Unterricht weiterging: Über Telefon und Internet wurde weitergelehrt und -gelernt. Und für jene, die digital nicht erreicht werden konnten, etwa, weil der Familiencomputer besetzt war, wurden Abholstationen eingerichtet. Dort konnte man Lernunterlagen und Übungsaufgaben ganz analog auf Papier abholen und zur Korrektur wieder abgeben.
Aber auch in Sachen Erreichbarkeit und Unterrichtsabläufe hat man sich an die neuen Bedürfnisse angepasst. „Wir haben viele Frauen in unseren Ausbildungsgängen, die auch Mütter sind. Untertags, während der sonstigen Unterrichtszeiten, waren die digitalen Mittel besetzt, und die Frauen mussten sich um die Kinder kümmern. Wir haben daher Onlineunterricht abends angeboten und diese Onlinestunden auch aufgezeichnet“, erzählt Klaus Bruckner vom Leitungsteam.
Groß ist daher auch die Freude, dass trotz Shutdown und Onlineunterricht dennoch viele Auszubildende ihre Lehrabschlussprüfungen oder Berufsreifeprüfungen (also die Matura) positiv ablegen konnten. Allgemein schwer fiel heuer die Mathematik-Zentralmatura aus. Jene sieben Schüler, die sich am JBBZ auf die Berufsreifeprüfung vorbereiteten, haben sie aber alle bestanden, erzählt die pädagogische Leiterin des JBBZ, Rebecca Janker, sichtlich mit Stolz. Auch jene, die am Haus die Ausbildung zur Bürokauffrau oder zum Bürokaufmann absolviert haben, konnten diese erfolgreich beenden. Von jenen, die ihre IT-Technik-Lehre abschlossen, bestand nur ein Auszubildender bei der Lehrabschlussprüfung nicht.

»Es hat ihnen der Unterricht vor Ort gefehlt,
und sie haben gemerkt, dass es auch ein Teil des Lernprozesses ist, dass man miteinander lernt.«

Markus Meyer, JBBZ-Geschäftsführer

Im Sommersemester wurden am JBBZ von den 70 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen insgesamt 230 Kunden und Kundinnen betreut. Das Distance Learning erfolgte über die Lernplattform Moodle, Skype-Konferenzen, Mail und Telefon. Über die Gamer-Plattform Discord wurde sogar das JBBZ virtuell nachempfunden, mit Stiegenhaus und Terrasse. Dort konnten sich Lehrende, die gerade nicht online unterrichteten, einloggen und standen dann für individuelle Anfragen von Lehrlingen oder Kursteilnehmern zur Verfügung.
Viele Unterrichtseinheiten wurden aufgezeichnet, damit sie für Kunden und Kundinnen mit Betreuungspflichten auch noch zu späterer Stunde abrufbar waren. Das, was normalerweise an die Tafel geschrieben wird, wurde digital zur Verfügung gestellt – oder war eben in Papierform bei den Abholstationen verfügbar. Es wurde zudem jenen, die über keinen eigenen Computer verfügten, ein JBBZ-Gerät geliehen.

Strikte Hygienemaßnahmen. Bei den Deutschkursteilnehmern stellte sich wiederum recht bald heraus, dass der reine Onlineunterricht vor allem bei den niedrigeren Sprach-Leveln überfordernd war, so Janker. Da es hier auch viel ums Hören und Sprechen gehe, habe sich der Unterricht via Telefonkonferenzen als zielführender erwiesen. Auch diese Adaption des Unterrichts habe sich als erfolgreich herausgestellt, so Janker. Alle Teilnehmer des Sprach-Levels A2, bei dem Basiskompetenzen vermittelt werden, habe ihre Prüfungen im Rahmen des Österreichischen Sprachdiploms (ÖSD) am Ende des Semesters bestanden.
Es sei ab dem ersten Tag des Shutdowns online unterrichtet worden, betont JBBZ-Geschäftsführer Markus Meyer. Aber: „Man muss schon auch zugeben: Wir alle haben es zwar gut hinbekommen, Lehrende und Kunden und Kundinnen. Aber so effizient wie der Präsenzunterricht ist es nicht.“ Vor allem die Jugendlichen hätten nach der teilweisen Rückkehr zum Unterricht mit Mai auch das Feedback gegeben: „Es hat ihnen der Unterricht vor Ort gefehlt, und sie haben gemerkt, dass es auch ein Teil des Lernprozesses ist, dass man miteinander lernt.“
Die Rückkehr in die Kursräume erfolgte wie auch an den Schulen unter strikten Hygienemaßnahmen. Dazu war viel Planung nötig: Es wurden Räume vermessen, um ausrechnen zu können, wie viele Personen anwesend sein können, ohne die Abstandsregeln zu verletzen. Einige Gruppen wurden daher geteilt und gleichzeitig auf lehrgangsübergreifende Gruppenbildung, etwa für Wahlpflichtfächer oder Leistungsgruppen, verzichtet. Selbst die Rauchpausen waren durchgetaktet. „So wäre bei einer Infektion von unserer Seite jederzeit nachvollziehbar gewesen, wer mit wem Kontakt hatte“, betont Meyer. In den allgemeinen Räumen galt zudem Maskenpflicht, gleich beim Eingang stand Handdesinfektionsmittel zur Verfügung. So blieb man bisher auch von Infektionen mit dem Coronavirus verschont.
Was zunächst schwierig schien, nämlich die nötigen Praktikumsplätze, vor allem für jene in Lehrberufen, zu organisieren, klappte am Ende dank des Einsatzes der Lehrenden sowie der Abteilung Berufsorientierung gut, betont Bruckner. Fast alle Teilnehmer konnten im Sommer Praxisluft schnuppern.
In den Herbstbetrieb will man am JBBZ, so möglich, in normaler Gruppengröße, aber weiterhin unter Einhaltung der Hygieneregeln und mit genauer Planung, welche Gruppe sich wann in welchem Raum aufhält, starten. „Wir versuchen, für einen vollen Präsenzbetrieb gerüstet zu sein“, so Bruckner. „Gleichzeitig haben wir über den Sommer auch die Phase des Lockdowns analysiert und Konzepte für den Betrieb mit halber Gruppenstärke oder mit Distance Learning erarbeitet.“ Abhängig sei man hier auch von den Vorgaben des Arbeitsmarktservices (AMS), erläutert Meyer.
Das gesamte Leitungsteam des JBBZ unterstreicht zudem, dass, auch wenn online nicht ganz so effizient gelernt wird wie vor Ort, einiges an Positivem während des Shutdowns zu Tage kam. Das Lernen war einerseits selbstständiger – davon will man auch etwas in den Normalbetrieb mitnehmen. Andererseits wird nun überlegt, grundsätzlich kleine Videos zu produzieren und mehr Materialien als bisher auch online zur Verfügung zu stellen. Das helfe jenen, die sich das Präsentierte zu Hause noch einmal in Ruhe anschauen wollen, unterstütze aber auch Lehrlinge und Kursteilnehmer, die erkranken und daher nicht am Unterricht teilnehmen können.

Appell für Zusammenhalt
Rabbiner Yaacov Frenkel leitet den Standort JBBZ Gredlerstraße, der sich vor allem an orthodoxe Kunden und Kundinnen und Mütter wendet. Hier absolvieren viele Frauen eine Ausbildung, die die Coronakrise vor die große Herausforderung stellte, untertags nicht nur die Kinder betreuen, sondern ihnen auch beim Distance Learning helfen zu müssen. Dennoch wurde die eigene Fortbildung nicht an den Nagel gehängt. „Viele konnten erst abends lernen, ab 21 Uhr oder 22 Uhr. Aber sie haben trotzdem weitergelernt, und ich bewundere das sehr“, sagt Frenkel anerkennend.
Auch hier bemühte man sich, jenen, die keinen Computer haben, ein Gerät zu leihen, wobei darauf geachtet wurde, dass durch entsprechende Filter eine sichere Nutzung des Internets auch für Kinder möglich war, sollten diese etwa in einem unbeobachteten Moment auf das Arbeitsgerät zum Beispiel der Mutter zugreifen, wie Rabbiner Frenkel versicherte. Für ihn hat die Coronakrise zudem gezeigt, wie sinnvoll es ist, Menschen darin zu unterstützen, einer selbstständigen Tätigkeit im Bereich des E-Commerce nachgehen zu können.
Er hat zudem einen Wunsch, der sich vor allem an die Mitglieder der jüdischen Gemeinde richtet: Gerade während des Shutdowns habe man den großen Zusammenhalt gesehen und wie einander geholfen wurde. „Es ist ganz wichtig, Armen Brot zu geben. Ich glaube, es ist aber auch wichtig, Mitgliedern der Community Arbeit zu geben. Wer also nach Mitarbeitern sucht: Bitte in die Gredlerstraße kommen und schauen, ob da jemand ist, der für die Tätigkeit passt. Oder wenn es darum geht, in einem Bereich nachzuschulen: Bitte zu uns kommen. Hier ist ein Platz, an dem man sich fortbilden kann.“

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