Der Hüter der Hutmacherei

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In Chapeau! widmet sich das Wien Museum ab Juni der vielschichtigen Kulturgeschichte der Kopfbedeckungen. WINA war bei dem traditionsreichen und international gefragten Hutmacher Shmuel Shapira zu Besuch.

Von Nikolaus Zeiner

Kaum ein anderes Kleidungsstück ist so prägnant wie jenes, das man am Kopf trägt. Unvorstellbar der König ohne Krone, der Zauberer ohne Spitzhut, Charlie Chaplin ohne Melone oder Indiana Jones ohne Fedora. Der Hut zeugt von der Identität seines Trägers oder seiner Trägerin, auch wenn die meisten Hüte in der westlichen Welt aus der Mode gekommen sind – woran selbst stilbildende Moderevivals wie jenes rund um die Fernsehserie Mad Man nicht viel ändern konnten.

„Wichtig ist, wie etwas zu seinem Charakter, zu seinem Wesen, passt – nicht das, was alle sagen, sondern, wie er ist als Person.“

Shmuel Shapira ist ein solches Auf und Ab von Trends und Moden ohnehin egal. Gänzlich unberührt vom Lauf der Zeit stellt er in seiner Werkstatt in Wien, ganz am Anfang der Mariahilfer Straße und gleich hinter dem Museumsquartier, seine Hüte her. Die Werkstatt des Hutmachers und seine Handwerksmethoden sind seit rund 150 Jahren so gut wie unverändert. „Ich mache nur hochwertige Handarbeit – Hüte, bei denen der Kunde meint, er sei damit schon geboren –, von Trends oder Moden merke ich gar nichts“, sagt Shmuel Shapira und fügt hinzu: „Es gibt immer solche, die sich teure Kleidung leisten, und solche, die das nicht tun. Bei mir gibt es keine Saisonen, keine Weltwirtschaftslage, es ist immer gleich.“

Ursprünglich kam Shmuel Shapira als Maschgiach, also als Kontrolleur für die korrekte Herstellung koscherer Lebensmittel, aus Israel nach Wien – doch er wollte immer schon einem Handwerk nachgehen. Während seines Studiums an einer Jeschiwa in Israel reparierte er alte Bücher und versah sie mit neuen Einbänden, und gleich beim ersten Besuch der Wiener Hutwerkstatt „Szaszi“ war er überzeugt, jetzt „sein“ Handwerk entdeckt zu haben. Er bat den damaligen Meister, Franz Caletka, ihn als Lehrling einzuschulen und übernahm nach dessen Pensionierung als Hutmachermeister die Werkstatt.

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Dort fertigt er ausschließlich klassische Herrenhüte – Homburgs, Travellers, Fedoras, Melonen, Panamas – an. Dabei sind die meisten Einzelstücke und werden nach Maß gefertigt. „Bespoke“ heißt das in England, dem Zentrum der gepflegten Herrenmode. Jeder Hutfertigung geht eine ausführliche Besprechung mit dem Kunden voraus. Die Herstellung eines einzigen Hutes kann mehrere Wochen dauern, erzählt Shapira, und entsprechend kostspielig ist die maßgefertigte Kopfbedeckung. Für jene, die es eiliger haben, gibt es auch einige wenige Prêt-à-porter-Stücke: „Das passt aber nicht für jeden, und es gibt wenig Auswahl. Sie werden nichts finden, was Ihnen passt, auf keinen Fall. Nur 30 Prozent der Europäer haben normale ovale Köpfe, sodass ihnen Hüte von der Stange ohne Probleme passen.“

Die Kundschaft ist international

Herren aus aller Welt lassen sich ihre Hüte bei „Szaszi“ machen, und viele beteuern dem Meister, dass sie den Hut, nach dem sie lange gesucht haben, erst bei ihm gefunden haben. Der Hut sei sein Traumhut und sähe aus wie auf alten Fotografien aus dem Fin de Siècle, wie aus Schnitzlers Zeiten, schwärmt etwa ein französischer Universitätsprofessor in einem Porträt, das der Fernsehsender Okto über Herrn Shapira machte. „Die Kunden erzählen oft, sie waren in allen teuren Geschäften, etwa bei Lock in London, man hat dort nicht das herstellen können, was sie wollten. Aber ob ich deshalb weltweit der einzige Hutmacher dieser Art bin, weiß ich nicht, ich hab ja nicht die ganze Welt kontrolliert“, sagt Shapira.

Ob er nun der einzige ist oder nicht, als einer der Letzten seiner Art genießt Herr Shapira jedenfalls schon eine gewisse Berühmtheit, wobei „genießen“ das falsche Wort ist: „Es bringt mir nicht besonders viel, dass ich so ‚populär‘ geworden bin – meine Kundschaft schaut auf so etwas nicht. Ich hab den Beruf nicht ergriffen, weil er so einzigartig ist, es interessiert mich nicht, dass man über mich redet.“

So exklusiv seine Kundschaft auch sein mag, dass es Menschen geben soll, denen kein Hut steht, bestreitet Herr Shapira vehement: „Gibt es jemanden, dem kein Mantel passt? Oder Schuhe? Wenn jemand meint, dass, weil ein bestimmter Schauspieler einen schmalen Hut trägt, ihm auch ein schmaler Hut passt, er aber ein Riesengesicht hat – das ist dann wie ein Topf am Kopf. Wichtig ist, wie etwas zu seinem Charakter, zu seinem Wesen passt – nicht das, was alle sagen, sondern wie er ist als Person.“

Neben den richtigen Proportionen und der richtigen Passform – die mit dem „Conformateur“ bestimmt wird, einem Gerät, das ebenfalls noch aus dem 19. Jahrhundert stammt und mit dem sich die exakten Umrisse der individuellen Kopfform auf Papier stanzen lassen – spielen also auch der Charakter und die Wesensart des jeweiligen Besuchers eine wichtige Rolle. Das Gespräch mit dem Meister kann also durchaus länger dauern und muss nicht unbedingt nur Hüte zum Thema haben.

„Es gibt dutzende Faktoren, warum ein Hut passt, nicht nur Höhe und Breite und Form, es muss passen zu der Art des Menschen zu seiner Darstellung. Der liebe Gott hilft, und es gelingt. Wenn jemand will und sich interessiert, ist das gut, dadurch lern’ ich mehr von seiner Art und seinem Gang kennen. Außerdem plaudert man gern. Besonders die Kunden, die immer wieder kommen, fühlen sich wohl in der Atmosphäre, wie sie auch vor hundert Jahren war. Sie schätzen, dass man zu nichts überredet wird und nicht vorgeschrieben bekommt, was man denken und tun oder wie man etwas finden soll.“

Natürlich hat Shapira auch jüdische Kundschaft, wenn auch eher selten und „nicht aus Israel. In Israel ist die Sonne so stark, dass das Material, egal wie gut, verbrennt.“ Für seine Freunde und Bekannten aus der Gemeinde sind seine Hüte oft zu teuer – er hilft aber gerne aus: „Letztens wollte jemand woanders einen Hut kaufen, ich hab zu ihm gesagt, bevor du da hin gehst, komm zu mir, ich gebe dir die genauen Maße von deinem Kopf. Wozu soll er bei mir kaufen? Nur damit ich was zu leben habe? – Es wird jemand anderer kommen, der das braucht, was ich bieten kann.“

Auch wenn seine Werkstatt eher einem Museum gleicht – mit den Maschinen und Geräten, die zum größten Teil noch aus der k. u. k. Zeit stammen, hatte er noch nie Probleme: „Das sind die besten Geräte, es gibt keine besseren. Das ist nichts, was so gebaut ist, dass es nach zwei Jahren kaputt gehen soll. Das gibt es nicht. Bei meinen Maschinen nicht, und auch nicht bei meinen Hüten. Wie schafft man das überhaupt: etwas so zu machen, dass es nach einem halben Jahr kaputt geht? Das hab ich nicht gelernt.“

Shmuel Shapira geboren in Israel, studierte in einer Jeschiwa in Israel, wo er neben den jüdischen Studien auch die Einbände für die alten Bücher anfertigte und so seine Freude am Handwerk entdeckte.
Nach Wien kam er als Maschgiach. Hier lernte er dann die Firma Szaszi kennen, wo damals Meister Caletka, einer der letzten Hutmacher Wiens, arbeitete. Shapira war von der  Werkstatt so fasziniert, dass er sich zunächst als Lehrjunge anbot, den Beruf erlernte und nach der schweren Erkrankung seines Meisters die Werkstätte übernahm.
Szaszi Hüte,
Mariahilferstraße 4, 1070 Wien
Tel. +43/(0)1/5225652
eine telefonische Terminvereinbarung
wird empfohlen | szaszi.com

Ausstellung
Von 9. Juni bis 30. Oktober 2016 ist im Wien Museum die Ausstellung „Chapeau! Eine Sozialgeschichte des bedeckten Kopfes“ zu sehen – mit zahlreichen Exponaten aus der Modesammlung des Wien Museums (die mit über 22.000 Objekten eine der umfangreichsten Europas ist). Kopfbedeckungen waren stets mehr als bloß modisches Statement – als sichtbarstes visuelles Zeichen von Identität erzählen sie von politischer oder religiöser Überzeugung, von kultureller und geschlechtlicher Zugehörigkeit, sind Ausdruck von Macht oder vom Aufbegehren gegen dieselbe. Die Ausstellung erzählt aber auch Wiener Modegeschichte: Wien war eine „Hutstadt“, nach 1870 boomte die lokale Produktion – die Hutwerkstatt „Szaszi“ war ein Teil davon.

Bild: © Ronnie Niedermeyer

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