I love you, Terminal

Kaum war der Waffenstillstand mit dem Iran von Trump verkündert, so brüchig er uns auch erscheinen mochte, kündigte El Al an, wieder mit dem normalen Flugbetrieb zu beginnen. Für alle, die in den vorausgegangen Wochen unter Klaustrophobie gelitten hatten, ging damit ein Fenster zum Atmen auf.

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Auf dem Flughafen spielt sich das Leben auf vielfache Weise intensiver und surrealer ab. Zurzeit mehr, als man sich im „Normalzustand“ wünscht. © APA-Images / EPA / Jim Hollander

In Europa ist der Flughafen in der Regel nicht mehr als ein Verkehrsknotenpunkt unter anderen: ein Ort, an dem man startet und landet. Eine Option von vielen. Viele legen längere Strecken dabei durchaus lieber mit dem Zug zurück oder nehmen das Auto – aus Umweltgründen, wegen Flugangst oder aus ganz praktischen Erwägungen, weil es günstiger ist oder sich Camping- oder Skiausrüstung so leichter transportieren lässt.

In Israel gibt es nur den Flughafen. Er ist das Tor zur Welt und die Tür zurück. Er ist Nadelöhr, Lebensader und Sehnsuchtsschleuse.

Während der Raketenangriffe aus dem Iran gab es immer wieder diese surrealen Momente: Das Handy schrillte, die App kündigte Alarm in wenigen Minuten an – und fast gleichzeitig tauchte auf dem Himmel über Tel Aviv ein Flugzeug im Landeanflug auf. Man fühlte unwillkürlich mit der Besatzung und den Passagieren der Maschine, die in diesem Zeitfenster der Gefahr schwebten. Doch der Lärm der Triebwerke signalisierte ebenfalls: Die Verbindung zur Welt steht noch. Auch wenn die regulären Flugpläne längst Makulatur waren.

Wenn ausländische Airlines den Betrieb aussetzen und sich die Anzeigetafeln leeren, wie bis vor Kurzem noch, wird dieser Ort zum Barometer für den Ausnahmezustand. Man wird ständig darüber informiert, welche Fluggesellschaft sich bis wann verabschiedet hat und wer unter den ersten dann wieder zurückkehrt. Jede gelandete Maschine ist mehr als nur ein Transportmittel – sie ist ein Zeichen von Widerstandsfähigkeit.

Ist der Luftraum teilweise oder sogar ganz gesperrt, was seit Juni 2025 gleich zweimal vorkam, drehen sich die Gespräche um die ganz praktische Frage: Wie kommt man zurück? Dabei ist Israel vermutlich das einzige Land, in dem Menschen in sogenannten „Rettungsflügen“ nicht aus einem Kriegsgebiet herausgeholt, sondern direkt dorthin gebracht werden wollen.

In solchen Zeiten offenbart sich das Inseldasein hier.

Doch auch in halbwegs normalen Zeiten ist Ben Gurion ein besonderer Ort, an dem sich alles bündelt. So wie in den Krankenhäusern treffen hier alle Teile der Gesellschaft aufeinander. Ultraorthodoxe Männer jonglieren mit riesigen Hutschachteln, säkulare Reisende schleppen Surfbretter, junge Paare brechen mit Baby und Großeltern in die Ferien auf, Geschäftsleute leiten Job-Interviews, während sie neben Akademikern und Gastarbeitern in der Warteschlange stehen. Man hört ein Sprachgewirr aus Hebräisch, Russisch, Arabisch, Englisch und Französisch. Eine in so vieler Hinsicht gespaltene Gesellschaft ist geeint in dem Bedürfnis, irgendwohin zu fliegen. Das ist kein Luxus, sondern kommt vielmehr einer Wartung gleich. So wie man ein Auto zum Kundendienst bringt.

Die Liebe zum Flughafen zeigt sich auch
in einer skurrilen Tradition, die es meines Wissens
nur in Israel gibt: dem Duty-Free- Kauf auf Vorrat.

Denn manchmal braucht es den physischen Abstand zum hektischen Alltag, dem unerschöpflichen Nachrichtenfluss und den hiesigen Hotelpreisen. Um zumindest ein bisschen herunterzukommen, ist die geografische Distanz nötig.

Entfernungen werden hier nicht in Kilometern gemessen, sondern in Flugstunden. Als Zypern 2005 in die EU aufgenommen wurde, war Israel plötzlich „eine halbe Stunde“ von Europa entfernt. Doch auch ein vierstündiger Flug gilt immer noch als Kurzstrecke, die man ohne Weiteres für einen Kurzurlaub in Kauf nimmt.

Die Sehnsucht nach „Chul“, nach dem Draußen, ist tief verwurzelt. Für Israelis gibt es zwei grundlegende Kategorien, um die Welt zu ordnen – ob es um Reiseziele geht oder die Herkunft eines Produkts: drinnen oder draußen, Israel oder Ausland. Kleidung, die auch hier erhältlich ist, bekommt einen anderen Wert, wenn sie jenseits der Grenzen erworben wurde.

Ben-Gurion ist so eine Art Vorzimmer vom „Chul“. Nur so lässt sich für mich erklären, warum sich viele – auch unabhängig von den Sicherheitskontrollen – so gerne frühzeitig dort einfinden. Die Wartezeit wird zu einer Art Zwischendasein. Man ist noch nicht wirklich draußen, aber auch schon nicht mehr drinnen.

Die Liebe zum Flughafen zeigt sich auch in einer skurrilen Tradition, die es meines Wissens nur in Israel gibt: dem Duty-Free-Kauf auf Vorrat. Reisende finden sich oft viele Stunden vor Abflug ein, um Staubsauger, Kaffeemaschinen oder Fernseher zu kaufen, die sie im Depot lassen und erst bei der Rückkehr abholen. Es ist fast ein rituelles Pfand: Man hinterlässt etwas Materielles als sicheres Zeichen dafür, dass man zurückkommen wird.

 

In Israel gibt es nur den Flughafen.
Er ist das Tor zur
Welt und die Tür zurück.
Er ist
Nadelöhr, Lebensader und Sehnsuchtsschleuse.

 

Und dann ist da immer noch die Toblerone. Aus mir unerfindlichen Gründen ist die dreieckige Schokolade bis heute ein Standard-Mitbringsel geblieben. Sie ist ein Relikt aus der Zeit vor den Billigfliegern, als eine Auslandsreise noch ein seltenes Privileg war. „Für uns Kinder verstärkte diese dreieckige Schokolade, deren Nougatkrümel in den Zähnen haften blieben, die Erkenntnis, dass es dort draußen etwas anderes gibt, andere Aromen und andere Formen“, beschrieb es die Autorin Kinneret Rosenbloom treffend.

Mit den Abraham-Abkommen von 2020 hat sich der Luftradius durch Direktflüge nach Dubai und Abu Dhabi, oftmals mehrere pro Tag, erweitert. In vier Stunden ist man dort. Viele nutzen diese neuen Verbindungen, um schneller in den Fernen Osten zu gelangen. Die mögliche Durchquerung feindlicher Lufträume ist dabei immer ein Thema. Eine Notlandung im Iran ist das ultimative Horrorszenario – doch die Geschichte kennt auch die umgekehrte Richtung.

Im September 1995 landete plötzlich eine iranische Maschine mit 170 Passagieren auf dem israelischen Luftwaffenstützpunkt Ovda. Ein Flugbegleiter hatte sie entführt, weil er „des Lebens im Iran müde“ war. Es war eine bizarre Szene: Iranische Frauen in schwarzen Tschadors und betende Männer saßen auf israelischem Boden. Hiesige Fernsehreporter ließen sich die Sensation nicht entgehen, sie hielten den verängstigten Passagieren die Mikrofone hin und fragten allen Ernstes: „Und, wie gefällt Ihnen Israel?“

Von Direktflügen nach Teheran wurde in den ersten Tagen des Krieges gegen das iranische Regime fantasiert. Bisher ist man nach wie vor weit davon entfernt.

Mehr als zweieinhalb Jahre dauert der Ausnahmezustand inzwischen an. Dabei hat sich ein Schatten auf das Verhältnis mit dem „Draußen“ gelegt. Da ist die Sorge, sich im Ausland als Israeli erkennen zu geben, aber auch die Angst, plötzlich nicht mehr so einfach zurückkommen zu können. Bis sich das ändert, könnte man ja vielleicht einfach direkt Ferien auf dem Flughafen anbieten. Das wäre ganz im Sinne von Meir Ariel. In seinem Klassiker Terminal Luminat hat der Sänger den Flughafen als einen Ort der Heilung besungen. Er beschrieb, wie er zum Flughafen fährt, um auf ärztlichen Rat hin großen Flugzeugen beim Starten zuzusehen – einfach, „weil es den Druck auf den Augen lindert“. Im Refrain heißt es: „Terminal, je t’aime, I love you, Terminal.“

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