„Ich bin eine Gefühlserbin, was Traumata angeht“

Die Schauspielerin Sandra Pioro lebt in Graz und legt mit ihrem Buch Nie mehr still ein beredtes und berührendes Zeugnis über den Verlust ihres Vaters vor.

534
Sandra Pioros Leben könnte bewegter nicht sein. Ihre Lebensgeschichte gibt Mut und macht wachsam. © Julia Dragosits

WINA: Sie haben vor Kurzem Ihr Buch Nie mehr still – Die Reise zu mir selbst. Eine jüdische Geschichte vorgestellt. Es ist Ihre erste Publikation und gleichzeitig Ihre Autobiografie, denn vor dem Schreiben hatten Sie eine Karriere als Schauspielerin und Modemacherin. Was war der Auslöser, dass Sie sich plötzlich Fragen über Ihre Herkunft gestellt haben? Dass Sie wissen wollten, warum der geliebte Vater Sie als vierjähriges Mädchen nach der Scheidung Ihrer Eltern verlassen hat, sie zwar immer wieder besuchte, aber ab 1991 verschwunden ist?

I Sandra Pioro: Das war eine sehr schwierige Zeit. Ich wusste nur, dass er das Vernichtungslager Auschwitz als einziger seiner Familie überlebt hatte. Als er für immer aus meinem Leben verschwand, war ich 19 Jahre alt. Erst seit wenigen Jahren weiß ich, dass ich sehr viel von seinen Traumata abbekommen habe. Ich bin eine Gefühlserbin in dem Fall und habe auch in meinem Bühnenberuf unter diesen Traumata gelitten, die immer wieder hochgeschwappt sind: Wenn ich Koffer gepackt habe, musste ich immer Proviant mitnehmen, hatte Platzangst, Lufthunger und vieles mehr. Lange wusste ich nicht, woher das kommt, denn ich hatte eine erfolgreiche Bühnenkarriere und seit 2019 einen tollen Leitungsjob.

 

„Ich war früher die Suchende und habe
jetzt diese Lücke in meiner Geschichte geschlossen,
nun habe ich mehr Ruhe, eine Art innere
Stärke und Selbstbewusstsein.“

 

Was geschah dann?

I Alles war getan, dachte ich, was kommt noch in meinem Leben? Aber gerade da hatte meine Seele Platz für Erinnerungen, die ständig hochkamen und verstärkt wurden durch antisemitische Vorfälle, denen ich persönlich ausgesetzt war. Deshalb wollte ich endlich hinschauen und habe mit einer Therapeutin zusammen meine Lebensgeschichte aufgearbeitet. Jetzt musste ich endlich zurückschauen, sonst würde nichts mehr in die Zukunft weisen.

Damals wussten Sie noch sehr wenig über das dramatische Überleben Ihres Vaters, dieses Wissen erlangten Sie erst im Zuge der Recherchen für Ihr Buch?

I Stimmt, erst über eine Ausstellung in München, wo Listen von Auschwitz-Überlebenden gezeigt wurden, habe ich seinen Namen entdeckt: Samuel Pioro wurde 1926 in der polnischen Stadt Sosnowiec geboren und noch kurz vor der Befreiung durch die Sowjetarmee auf den berüchtigten Todesmarsch von Auschwitz in das KZ Buchenwald geschickt.

Wie lange haben Sie recherchiert?

I Ich habe gleich alles niedergeschrieben, ich nehme den Leser auf die Spurensuche mit, von dem Zeitpunkt an, wo ich auch nichts wusste. Ich habe aus den Dokumenten erfahren, dass ich noch Onkel und Cousinen hatte, und eine Großmutter, die auch ermordet wurde. Ich habe geschrieben, ohne zu wissen, wie es zu Ende geht oder ob es überhaupt ein Buch wird. Ich fühlte, dass es mir gut tut, aber nach 40 Seiten dachte ich, das wird ein Roman.

Aber es ist doch Ihre Lebensgeschichte?

I Ja, aber man nennt es einen biografischen Roman wegen der Sprache, die ich gewählt habe, die beschriebenen Träume und seelischen Tauchgänge – und all dem was ich imaginiert habe. Daher ist es für den Handel kein Sachbuch, obwohl nichts Fiktives darin ist.

Sandra Pioro: Nie mehr still. Die Reise zu mir selbst. Eine jüdische Geschichte. Keiper 2025, 320 S., € 24,–

War Ihr jüdisches Bewusstsein damals schon so stark wie heute?

I Ich bin in Stuttgart total jüdisch aufgewachsen, bin dort in den jüdischen Kindergarten und Religionsunterricht gegangen. Meine Tante, die ursprünglich Opernsängerin war, hat das Restaurant der jüdischen Gemeinde geführt. Sie war die Seele des Hauses, und ich habe dort jeden Tag koscher gegessen – eigentlich bin ich mit den männlichen ShoahÜberlebenden im Gemeindehaus aufgewachsen.

Erschütternd ist auch Ihre Schilderung, wie die Auslagenscheiben ihres Ateliers in einem durchwegs vornehmen Grazer Stadtviertel mit Hakenkreuzen beschmiert wurden. Wie wusste man, dass Sie Jüdin sind, der Name klingt eher italienisch?

I Woher man das wusste, fragte ich mich auch. Unter der Tafel Atelier Pioro waren alle vier Schaufenster mit Hakenkreuzen in brauner Farbe beschmiert, das entdeckte ich, als ich in der Früh zum Geschäft kam. Ich war schockiert, denn in Sekundenschnelle kam mir das Bild der besudelten jüdischen Geschäfte 1938 hoch. Die Polizei meinte nur, das sei ein „dummer Jungenstreich“, und machte nichts – das war heftig. Ich habe angefangen, diese dicke braune Farbe runterzukratzen, ich erinnere mich, wie schlecht mir dabei war. Da kam ein Ehepaar auf Fahrrädern vorbei, die beiden stellten diese ab und fragten, was denn bei mir los sei. Ich habe es erzählt und auch gesagt, dass ich Jüdin bin. Darauf sagte die Frau: „Geben Sie mir den Schwamm, Sie müssen das nicht machen!“ Sie hat zu putzen begonnen, der Mann ist mit mir ins Geschäft gegangen und hat versucht, mich zu beruhigen.

 

„Ich hoffe auf viele Lesungen,
möchte aber auch etwas für die Erinnerungskultur tun.“

Sandra Pioro

 

Dieser Vorfall war vor einigen Jahren, haben Sie auch nach dem barbarischen Hamas-Angriff am 7. Oktober 2023 Veränderungen in Ihrem Umfeld bemerkt?

I Ja, leider, und das schmerzt mich sehr: Das Schlimmste widerfuhr mir bei meinen Künstlerkollegen und -kolleginnen, denn die kommen aus aller Welt, ich habe ihre propalästinensischen Postings auf Facebook gesehen. Bis dahin habe ich mich bei Juden und Künstlern immer sicher gefühlt. Doch jetzt kam ich in die Grazer Oper, und sie haben sich einfach weggedreht. Das hat mich schwer getroffen, aber ich denke, ich habe einen breiten Rücken, manche sind mit mir, und andere habe ich verloren. Jetzt freue ich mich über die vielen positiven Rückmeldungen zu meinem Buch: Ich bekomme zahlreiche Zuschriften, wobei mir Menschen für meinen Mut danken, dass ich das alles niedergeschrieben habe, jetzt sind sie auch motiviert nachzuforschen.

Das Label „künstlerisch vielseitig begabt“ ist bei Ihnen eine glatte Untertreibung: Sie wurden 1968 in Stuttgart geboren, haben Ihr Diplom für musikalisches Unterhaltungstheater am Konservatorium der Stadt Wien gemacht. Hat Sie nur das Studium nach Wien gebracht, oder gab es da noch andere Gründe?

I Das Studium war es, denn ich habe mich in Hamburg und Wien gleichzeitig beworben, und Wien war schneller bei der Zusage. Das war sehr wichtig, denn hier konnte ich bei meiner Familie wohnen, sonst wäre das finanziell damals nicht gegangen.

 

Von welcher Seite haben Sie in Wien Familie?

I Der erste Mann meiner Mutter stammte aus Wien, seine Familie ist jetzt meine. Sonst haben von dieser großen Familie leider nur sehr wenige die Shoah überlebt.

Sie hatten Ihr Bühnendebüt im Wiener Ronacher, was haben Sie da gespielt?

I Ich spielte in Die lustige Witwe von Franz Lehár gleich zwei Rollen: einmal die Olga und auch eine der Grisetten, da tanzte ich im berühmten Cancan. Ich war ja künstlerisch vorbelastet, denn meine Großeltern haben beide gesungen, meine Mutter spielt Klavier wie ein junger G’tt, und ich habe mit drei Jahren angefangen, Ballett zu tanzen, und bin mit sechs Jahren in das Staatstheater Ballett Stuttgart gekommen.

Wieso landeten Sie dann in Graz, wo Sie bis 2000 im Ensemble der Vereinigten Bühnen Graz waren? Für welches Rollenfach wollte man Sie haben?

I Den Ausflug ins Ronacher machte ich noch gegen Ende meines dreijährigen Studiums. Als ich fertig war, wurde ich sofort von den Vereinigten Bühnen Graz fix engagiert. Ich wurde vor allem im Schauspiel als junge Frau immer dann, wenn es um Liebe und große Gefühle ging, eingesetzt. Aber meinen richtigen Durchbruch hatte ich als Anne Frank, die habe ich drei Jahre lang gespielt. Bei meiner Musicalausbildung wurde mir schnell klar, dass ich nicht das Showgirl bin, ich habe zwar gut gesungen, aber das hohe C war nicht meine Erfüllung. Mir liegt das tiefergehende Schauspiel besser, die stillen Töne wurden zu meiner Stärke.

Warum haben Sie das Theater verlassen?

I Es ist mir einfach zu viel geworden, ich war ständig im Einsatz: Fünf Premieren im Jahr und immer auch große Rollen. Ich wollte frei und selbstständig sein und kreierte mein eigenes Label für nachhaltige Mode. Den Bezug zur Mode hatte ich schon während meiner Kindheit, vor allem durch meine Großmutter, die Hutmacherin war und ein eigenes Hutgeschäft besaß. Für damals war das sehr eigenständig, eben so wie bei allen Frauen in meiner Familie.

* Giora Seeliger ist ein Schauspieler,
Regisseur und Theaterpädagoge.
Gemeinsam mit Monica Culen gründete
er 1994 Rote Nasen in Österreich und war
bis 2023 Artistic Director von Red Noses
International.

Danach arbeiteten Sie einige Jahre als Clowndoktor in Spitälern und Seniorenheimen für den Verein Rote Nasen Österreich. Was hat Sie an dieser Aufgabe gereizt?

I Ich war schon am Absprung vom Theater, da hat mir ein Ensemblemitglied erzählt, dass sie beim Verein arbeitet und dass Leute gesucht werden, und ich wäre dafür prädestiniert. Ich wusste nichts über die Clowndoktoren. Bin dann zur viertägigen Aufnahmsprüfung gegangen, da hat mich Giora Seeliger* gesehen und bereits am ersten Tag gesagt, dass er mich haben will, obwohl ich noch keine Ahnung hatte. Er meinte, mit meinem Lebenslauf schaffte ich das schon, setzte mir eine rote Nase auf – und ich war plötzlich dabei. Ich ging als erstes in die Onkologie in Graz, und als ich die Kinder dort sah – mein Bruder hatte auch Krebs – fing ich sofort Feuer. Ich war auch im Maimonides-Zentrum hier in Wien. Dort habe ich jiddische Lieder, aber auch Operetten gesungen, denn ich hatte ja eine klassische Gesangausbildung.

Wie lange haben Sie das gemacht?

I Fast zwanzig Jahre war ich im Krankenhaus, und ab 2019 bin ich dann ins Management gekommen. Derzeit leite ich zwei Abteilungen: zum einen Kostüm und Ausstattung, das heißt, ich mache alle Kostüme für über 90 Clowns in ganz Österreich; zum anderen leite ich auch das künstlerische Coaching-Team in allen Bundesländern.

Über das Buch erzählen wir nicht mehr, sonst wird es ein Spoiler. Was sind Ihre nächsten Pläne?

I Ich hoffe auf viele Lesungen, möchte aber auch etwas für die Erinnerungskultur tun – vor allem mit meinem Buch, vielleicht ein Theaterstück daraus machen oder auch einen Film? Denn die Zeitzeugen sind bald 100, sie haben bereits viel Kraft investiert, jetzt ist die nächste Generation dran. Ich möchte mit Jugendlichen sprechen, ich habe mich mit meiner persönlichen Geschichte hinausgewagt – bei mir ist ja noch sozusagen mein Vater in mir, und daher greifbar. Ich hoffe auf die Möglichkeit, „nicht mehr still zu sein“, denn auch über die Kunst kann man vieles ausdrücken, sich mehr erlauben, ich bin ja Schauspielerin, da könnte sich der Kreis für mich schließen.

Mit der Veröffentlichung der eigenen Geschichte haben Sie das Schweigen durch das Wort ersetzt. Was ist nach dem Buch anders für Sie?

I Ich war früher die Suchende und habe jetzt diese Lücke in meiner Geschichte geschlossen, nun habe ich mehr Ruhe, eine Art innere Stärke und Selbstbewusstsein. Nach meinem Rückzug von der Bühne freut es mich, wieder auf die Bühne zu gehen, aber diesmal mit meinem Buch.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here