„Ich bin in einem Ein-Familien-Ghetto aufgewachsen.“

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Judith Hutterer ist Generalsekretärin der Österreichischen AIDS-Gesellschaft. Als Fachärztin für Haut- und Geschlechtskrankheiten behandelt sie seit über 30 Jahren u. a. auch Menschen, die mit HIV infiziert sind. Redaktion & Fotografie: Ronnie Niedermeyer

WINA: Du warst in Österreich unter den allerersten Medizinerinnen und Medizinern, die sich mit HIV und AIDS beschäftigten. Was waren damals die größten Schwierigkeiten?

Judith Hutterer: Die größte Hürde war, dass wir das HI-Virus überhaupt nicht kannten. Es war eine völlig neue Erscheinung in der Medizin. Wir wussten nicht einmal, wie man AIDS diagnostiziert, geschweige denn, wie man es behandelt. Es gab überhaupt keine Medikamente. Anhand der Patienten wurden unterschiedliche Ursachen vermutet: Poppers, Lebensstil, Verunreinigungen … Da kam mein Professor zu mir und sagte: „Es gibt eine neue Krankheit, die können nur Männer bekommen. Hutterer, machen Sie das!“

Wie hast du die ersten Jahre erlebt?

❙ 1981 habe ich meine ersten Patienten gesehen. Das waren bittere Jahre: der HIV-Test kam nämlich erst 1985 und das erste Medikament um 1987. Es hatte starke Nebenwirkungen, ermöglichte den Infizierten aber in vielen Fällen zu überleben, bis bessere Medikamente entwickelt wurden. Der richtige Durchbruch kam 1996, als man von der Monotherapie – also der Behandlung mit nur einem Mittel – zur Kombinationstherapie überging. Erst dann sank die Sterblichkeitsrate dramatisch. Inzwischen lässt sich mit der richtigen Behandlung die Viruslast soweit senken, dass gleiche Lebenserwartung und -qualität wie bei nicht-infizierten Personen möglich ist.

Welche Vorurteile sind bis heute geblieben?

❙ Bei vielen Leuten ist immer noch der Gedanke verankert, es handle sich um eine Krankheit der Schwulen- und der Drogenszene und betreffe sie selbst nicht. Dabei kann jeder Mensch sich anstecken! Deshalb ist es für alle sexuell aktiven Menschen wichtig, sich zu schützen und sich einmal pro Jahr testen zu lassen. Heutzutage müssen HIV-Infizierte nicht mehr an AIDS erkranken, wenn die Infektion rechtzeitig erkannt und behandelt wird. Die AIDS-Hilfe bemüht sich nach wie vor, sowohl in der Bevölkerung als auch unter den Ärzten Aufklärungsarbeit zu betreiben, was aber kein leichtes Unterfangen ist. Viele Patienten trauen sich nicht, sich als HIV-infiziert zu „outen“ – zum Teil aus berechtigter Furcht, dadurch Diskriminierung zu erfahren.

Vor Kurzem wurde in Wien wieder der Life Ball gefeiert. Was für Nutzen bringt er?

❙ Der Life Ball ist ein prächtiges, farbenfrohes Ereignis, das Wien in der ganzen Welt berühmt macht. Wichtiger ist aber, dass damit viel Geld gesammelt wird, mit dem unbürokratisch und schnell AIDS-Projekte im In- und Ausland unterstützt werden. Man kann als Einzelperson oder als Organisation einen Förderantrag stellen, und der Vorstand entscheidet über die Vergabe. Ich bewundere Gery Keszler, der sich seit Jahren für diese Sache einsetzt.

Inwieweit spielt die jüdische Herkunft in deiner Arbeit eine Rolle?

❙ Ich bin in Gmünd in einem Ein-Familien-Ghetto aufgewachsen. Nach dem Zweiten Weltkrieg war mein Vater aus der Emigration zurückgekommen und suchte sich aus den arisierten Wohnungen in der Umgebung die Möbel seiner Eltern zusammen. Die Bewohner waren natürlich nicht sehr erfreut darüber. Es ist nie jemand zu uns zu Besuch gekommen, und wir waren auch nie irgendwo eingeladen. Zwar hatten wir Gäste aus Israel, aus Bolivien, aus Neuseeland oder aus Mexiko – aber nie aus Gmünd. Diese Ausgrenzung mag auch dazu beigetragen haben, warum ich mich so sehr für Menschen einsetze, die von HIV und AIDS betroffen sind und genauso verfemt sind.

Du bist eine große Anhängerin von Richard Wagner und fährst regelmäßig nach Bayreuth. Was fasziniert dich an dieser Musik, und wie gelingt es dir, die Person vom Werk zu trennen?

❙ Wagners Musik löst in mir ein bestimmtes Gefühl aus, das ich kaum anderswo spüre. Die Botschaften, die da vermittelt werden, sind allgemeingültig: Es geht um Verträge, um Verrat, um Treue, um Habgier, um Macht … Man kann das genauso im heutigen Kapitalismus spielen lassen. Was die Person Wagners betrifft, finde ich es wichtig, Kunst nicht mit dem Künstler zu verwechseln. Ist es nicht besser, schöne Werke zu genießen, als nur die Biografie ihres Urhebers auf Fehler zu durchsuchen?

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