„Ich bin jetzt die ältere Schwester“

Hanna Feingold, Präsidentin der IKG Salzburg, kämpft für ihre kleine Gemeinde und ein würdiges Andenken an ihren verstorbenen Mann, Marko Feingold.

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Hanna Feingold. „Im Grunde genommen mache ich alles, von der Hausmeisterin bis zur Repräsentanz.“© Reinhard Engel

Wina: Wie viele Jahre haben Sie Ihren legendären Mann, Marko Feingold, dessen erste Jahrzeit auf den 19. September, also Rosch ha-Schana fällt, in seiner Funktion als Präsident der IKG Salzburg begleitet?
Hanna Feingold: Heuer wären es genau 30 Jahre gewesen. Er hat mich immer als seine Generalsekretärin bezeichnet, denn er meinte, in dieser Funktion wüsste man mehr als der Chef selbst. Ich konnte ihm einiges von der praktischen Arbeit abnehmen, wenn es z. B. Matrikelbuch-Anfragen aus dem Ausland nach Verwandten gab u. v. a. Ich wollte ihn damit nicht belasten. Er hielt seine Vorträge in der Synagoge, und ich machte derweilen Dienst im Büro.

Wie kam es zu Ihrer Bestellung als Präsidentin der IKG Salzburg?
I Wie gesagt, ich war mit der gesamten Materie bestens vertraut. Als er nach dem Urlaub im August 2018 auf unserer Terrasse unglücklich stürzte und sich einen Oberschenkelhalsbruch zuzog und trotz guter Behandlung immer schwächer wurde, entschied der fünfköpfige Vorstand im März 2019 in einer Wahl, dass ich das Amt übernehmen sollte, weil ich die meiste Erfahrung hatte.

Worin bestehen Ihre Aufgaben hauptsächlich?
I Im Grunde genommen mache ich alles, von der Hausmeisterin bis zur Repräsentanz. Wenn eine größere Entscheidung ansteht, beziehe ich natürlich die Mitglieder des Vorstandes mit ein.

»Zahlreiche Stolpersteine, die zur Erinnerung an ermordete Salzburger Juden eingeweiht wurden, sind mit schwarzer Farbe beschmiert.«

Wie viele Juden gibt es heute in der Salzburger Gemeinde?
I Bei den Zahlen ist immer das gesamte Bundesland Salzburg gemeint: Wir haben ungefähr siebzig Mitglieder und zirka noch einmal so viele, die sich nicht in der IKG registrieren lassen. Mein Mann hat nie eine Kultussteuer eingehoben, weil er gesagt hat, wenn keiner etwas zahlt, braucht auch keiner auszutreten.

Gibt es noch Salzburger Juden, die schon vor 1938 hier gelebt haben?
I Es gibt keine alteingesessenen Salzburger Juden, entweder sind sie verstorben oder weggezogen. Unsere Mitglieder kamen großteils aus Ungarn, Rumänien und Tschechien und zu den unterschiedlichsten Zeiten. Unser Vizepräsident David Spitzer war eine sogenannte DP (Displaced Person), ein Schoah-Überlebender, der nach der Befreiung aus dem KZ hier gestrandet ist. Dann ging er nach Israel, kam wieder zurück, weil er nach Salzburg geheiratet hat. Er ist 92 Jahre alt und unser Vorbeter.

Wie sieht es mit Minjan aus? Gibt es die zehn Männer, die man zum gemeinsamen Gebet haben sollte?
I Unter der Woche klappt das überhaupt nicht. Auch am Schabbat sind wir fast immer ein „gemischter“ Minjan: sechs Frauen und vier Männer oder umgekehrt.

Gibt es jüdische Jugend in Salzburg?
I Leider nein, das ist unser großes Problem: Es gibt keine Kinder. Wenn man zurückblickt in die Geschichte der Stadt, wird das auch verständlich. Der Antisemitismus war ja in den 1960er- und 1970er-Jahren erheblich, und man wollte die Jugendlichen dem nicht aussetzen. So hat man sie zu Verwandten ins Ausland geschickt, auch zum Studieren. Dort haben sie dann ihre Partnerinnen und Partner kennengelernt und sind nicht mehr zurückgekommen.
Auf gewisse Zeit gibt es immer wieder Juden, die aus beruflichen Gründen hier sind: Amerikaner, die an der Universität unterrichten, oder jüdische Ehepartner, die mit Professoren verheiratet sind. Derzeit haben wir einen Musikstudenten aus Brasilien am Mozarteum. Sie kommen dann zu den Hohen Feiertagen in die Synagoge.

»Der Antisemitismus kommt wieder
– nur von einer anderen Seite,
er hat nur ein anderes Mäntelchen um.«

Gibt es Bedarf an koscherem Essen?
I Eher nicht, wer koscher essen will, sorgt sich selbst darum. Wir bringen ab und zu etwas aus Wien, leider ist das sehr kostspielig für uns.

Woher kommt ein Rabbiner für besondere Anlässe?
I Für Rosch ha-Schana und Jom Kippur „kaufen“ wir welche ein. Wir hatten schon Michael Kanner hier und letztes Jahr den Sohn von Oberkantor Shmuel Barzilai. David Spitzer wünschte sich für heuer einen Ungarn, leider habe ich keinen gefunden. Jetzt kommt ein junger Kantor aus Prag gemeinsam mit seinem Vater.

Ist die Stadt, die einmal Stefan Zweig und andere jüdische Größen vertrieben hat, heute noch antisemitisch? Merken Sie persönlich etwas?
I Ich habe natürlich einen bestimmten Kreis, in dem ich mich bewege, und der ist in Ordnung. Wir bekamen direkt keinen Antisemitismus zu spüren, auch nicht, als mein Mann noch gelebt hat. Aber zahlreiche Stolpersteine, die zur Erinnerung an ermordete Salzburger Juden eingeweiht wurden, sind mit schwarzer Farbe beschmiert und unkenntlich gemacht worden. Auch die zwei Davidsterne am Gartenzaun der Synagoge wurden mit gelber Farbe besprüht. Unlängst erzählte mir eine Zahnarzthilfe, dass in der Ordination unter anderen Zeitungen auch das WINA-Magazin aufgelegt war – bei einem nicht-jüdischen Arzt. Darüber haben sich einige Patienten aufgeregt und ausdrücklich beschwert. Das ist traurig genug.

Was unternimmt die Stadt Salzburg, um an ihren einzigartigen Ehrenbürger Marko Feingold zu erinnern?
I Ein halbes Jahr nach seinem Ableben kam die Idee auf, eine Straße nach meinem Mann zu benennen. Das freute mich sehr, denn er hatte sich ständig darüber aufgeregt, dass in Salzburg so viele Straßen nach ausgewiesenen Antisemiten und NS-Sympathisanten benannt sind. Ich dachte gleich an die Stelzhamerstraße, weil diese gleich ums Eck bei der Synagoge ist und Marko Feingold sich wiederholt für die Umbenennung dieser Straße ausgesprochen hatte: Franz Stelzhamer, der Dichter der oberösterreichischen Landeshymne, wurde vom Germanisten Ludwig Laher als „ekliger Antisemit“ bezeichnet, denn er verfasste auch antisemitische Tiraden und Texte.

Wie hat die Stadtpolitik auf Ihre Wünsche und Anregungen reagiert?
I Es heißt, dass die politische Absicht aller im Gemeinderat vertretenen Parteien gegeben sei. Dennoch ist bis jetzt nichts geschehen, konkrete Umbenennungsvorschläge wurden von der ÖVP, SPÖ und FPÖ bisher abgelehnt. Ganz wichtig ist es mir, dass die Marko-Feingold-Straße ausgeschrieben und ausgesprochen und zu einer richtigen Postadresse wird. Es kam z. B. die Idee, eine Brücke nach ihm zu benennen. Das kommt für mich nicht in Frage, eine Brücke hat keine Adresse und behält im täglichen Gebrauch immer gewohnte, ältere Bezeichnungen.
Zu Stelzhamer heißt es immer wieder: „Die historische Basis ist sehr dünn.“ Was heißt das bitte? Was nach Auschwitz geführt hat, das hat auch „sehr dünn“ begonnen. Karl-Markus Gauß bezeichnet in einem Essay Stelzhamer als einen „mittelmäßigen Dichter“, der vom „Kampf gegen das Judentum besessen war“ und sogar „die zeitüblichen Ressentiments überboten hat“. Gauß schrieb so treffend über meinen Mann: „Marko Feingold, der der Stadt wie ein unverdientes Geschenk zugefallen war.“

Haben Sie außer der Stelzhamerstraße noch Alternativen angeboten?
I Selbstverständlich, denn wer zum jüdischen Friedhof gehen will, muss über die Valkenauerstraße: Die ist nach Hans Valkenauer, jenem spätgotischen Bildhauer benannt, der nach der für Jahrhunderte endgültigen Vertreibung der Juden 1498 das Spottbild der Judensau angefertigt hat. Ich frage mich, ob man den Weg zum Salzburger Dom auch nach einem Christenverfolger benennen würde? Der Antisemitismus kommt wieder nur von einer anderen Seite, er hat nur ein anderes Mäntelchen um. Wir haben schon geglaubt, wir können unsere Koffer auspacken – nein, wir halten sie schon wieder in der Hand.

Marko Feingold hat sich immer für den interreligiösen Dialog eingesetzt. Hat dieser jetzt noch Bestand?
I Das Verhältnis zur Kirche hat sich zum Guten gewendet, das ist sichtbar und spürbar. Das begann schon mit Erzbischof Alois Kothgasser und hat sich mit Erzbischof Franz Lackner äußerst positiv fortgesetzt. 75 Jahre nach der Schoah gibt es auch eine neue Generation von katholischen Würdenträgern. Zur inneren Veränderung mussten die Juden 40 Jahre durch die Wüste wandern, so geschah es auch mit der Kirche. Zum Beispiel: Zum Gedenken an das Novemberpogrom am 9. November 1938 breitet man in der Kollegienkirche einen Textilschal auf, auf dem das Kaddisch-Gebet gedruckt ist darauf werden von den Betenden Steine gelegt, wie auf jüdischen Gräbern üblich.
Erzbischof Lackner hat nicht nur meinen Mann in der Reha besucht, er war auch bei uns zum Seder eingeladen. Diese beiden Männer haben sich als „älterer“ und „jüngerer“ Bruder angesprochen, aber nicht auf ihr jeweiliges Alter bezogen, sondern auf die Ursprünge der Religion. Jetzt bin ich die ältere Schwester.

Werden Sie als Präsidentin der jüdischen Gemeinde auch auf Israel angesprochen? Von Jungen oder Älteren?
I Ja, die Kritik kommt ganz gemischt, von Jung und Alt. Marko Feingold hat sich öfter fragen lassen müssen, warum er denn nicht nach Israel gehe. Da hatte er immer die gleiche Antwort parat: „Wenn alle Katho­liken nach Rom gehen, gehe ich nach Israel.“


Marko Feingold wurde 1913 in Banská Bystrica in der heutigen Slowakei geboren. Auf Ungarisch hieß der Ort Besztercebanya, auf Deutsch Neusohl. Er wuchs dann mit seinen drei Geschwistern auf der „Mazzesinsel“ im zweiten Wiener Gemeindebezirk auf. 1938 wurden Marko und sein Bruder Ernst von der Gestapo verhaftet und gefoltert. Die Söhne waren das „Pfand“ für den Vater, den die Gestapo suchte, weil er sich bereits während des Ständestaat-Regimes gegen illegale Nazis betätigt hatte. Der Vater konnte gewarnt werden, die freigelassenen Brüder flohen nach Prag.
Als Staatenlose wurden sie nach Polen abgeschoben, kehrten jedoch mit falschen Papieren nach Prag zurück und führten Sabotageakte gegen die Nazi-Besatzer durch. Man deckte sie auf, sie wurden erneut inhaftiert und gefoltert. Dieses Mal erfolgte die Deportation in das KZ Auschwitz. In seiner Überlebensgeschichte Wer einmal gestorben ist, dem tut nichts mehr weh (Otto Müller Verlag, Salzburg 2012) schildert Marko Feingold das Martyrium im KZ – Erniedrigungen, Gewalt, Krankheiten, aber vor allem den ständigen Hunger. Er überlebte insgesamt vier Vernichtungslager: Nach Auschwitz und Neuengamme kam er nach Dachau und schließlich nach Buchenwald, wo er am 11. April 1945 die Befreiung erlebte. Sein Bruder Ernst war 1942 in Neuengamme in der Gaskammer ermordet worden.
Feingold strandete nach der Befreiung wie viele andere Displaced Persons (DP) in Salzburg, wo er sich niederließ und das Modegeschäft „Wiener Moden“ gründete. Zwischen 1945 und 1948 half er unermüdlich den DPs in der Stadt und in den umliegenden Kasernen mit frischen Lebensmitteln und ärztlicher Betreuung. Gleichzeitig organisierte er mit der jüdischen Flüchtlingsorganisation Bricha die illegale Durchreise von 100.000 Juden aus Mittel- und Osteuropa nach Palästina. Als Probleme mit der Fluchtroute auftauchten, fand er eine Alternative: Über den 2.634 Meter hohen Krimmler Tauern schleuste er 1947 rund 5.000 Insassen des DP-Lagers Givat Avoda (Hügel der Arbeit) in Saalfelden zu Fuß nach Italien.
Der Kampf gegen das Vergessen wurde zu Feingolds Lebensaufgabe. Er hielt mehr als 6.000 Vorträge vor Schulklassen – und zeigte sich über das oft fehlende Wissen der Jugendlichen bedrückt. Mit dem Verein MoRaH nahm er viele Jahre an den jährlichen Gedenkfahrten nach Auschwitz-Birkenau teil. Zuletzt noch im April 2018 – einen Monat vor seinem 105. Geburtstag. Marko Feingold war bereits von 1946 bis 1947 Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg und übte diese Funktion nach seiner Pensionierung im Jahr 1979 bis zu seinem Tod am 19. September 2019 aus.

Die jüdische Geschichte Salzburgs beginnt im Mittelalter: Die Chronik der Verfolgung beginnt mit einem Pogrom im Jahr 1349 und setzt sich 1404 mit öffentlichen Judenverbrennungen fort. Im Jahr 1498 verfügte der Fürsterzbischof die Ausweisung der letzten Juden aus Salzburg, Von 1810 bis 1816 war Salzburg Teil des Königreichs Bayern. Das dortige Bayerische Judenedikt von 1813 gewährte den Juden zwar noch nicht volle staatsbürgerliche Rechte, stellte aber bereits die Weichen zur Gleichberechtigung.
Der Gründer der Salzburger Judengemeinde war der Gold- und Silberhändler Albert Pollak aus Mattersburg, der 1873 die Zuerkennung der Bürgerrechte erlangte. Die Zuwanderer kamen hauptsächlich aus dem Gebiet Westungarn/Burgenland und Böhmen/Mähren. Bis 1910 stieg der jüdische Anteil an der Bevölkerung der Stadt Salzburg auf 0,8 Prozent.
Der Bau der Salzburger Synagoge ist dem böhmischen Fabrikanten Ignaz Glaser zu verdanken, der sich ab 1881 in der Gemeinde Bürmoos niederließ und die dortige Glaserzeugung begründete. Glaser stellte bereits 1891 erhebliche finanzielle Mittel für den Bau des Tempels zur Verfügung, bekam jedoch keine behördliche Unterstützung. Daher kaufte Gottlieb Winkler als Privatperson ein kleines Grundstück in der Lasserstraße: Nachdem das jüdische Gebetshaus den Auflagen gemäß um einige Meter von der Straße weg zurückversetzt wurde, kam es zum Bau und der Einweihung zu Rosch ha-Schana 1901.
Unter dem NS-Gewaltregime verloren mehr als 230 jüdische Salzburgerinnen und Salzburger ihr Hab und Gut, ihre Heimat und vielfach ihr Leben: Die Zahl der Opfer ist nicht bekannt. Die Synagoge wurde beim Novemberpogrom 1938, ebenso wie später der jüdische Friedhof in Aigen, geschändet und erheblich beschädigt. Der jüdische Friedhof wurde ab 1946 wieder geöffnet, die Synagoge, die zeitweilig von der Polizei benutzt wurde, renoviert und 1968 wieder eingeweiht. © Reinhard Engel

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