„… ich bin verurteilt, so aus der Welt zu gehen …“

An jene dunkle Zeit, als der Tod als einziger Ausweg für zumindest 1.088 Wiener Jüdinnen und Juden erschien, erinnerten die Misrachi, das Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien und das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes am 8. November mit einem Symposium und einer Gedenkveranstaltung. Mit der öffentlichen Verlesung „Das Echo der Namen“ vor dem Mahnmal auf dem Judenplatz wurde ihrer zum Abschluss gemeinsamen gedacht

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Reibpartie als spezielle Form der Demütigung: Jüdische Bürgerinnen und Bürger wurden gezwungen, die Straßen zu schrubben. Teile der Bevölkerung standen dabei und sahen zu – März 1938. © Votava / Imagno / picturedesk.com

Das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes hat vor vielen Jahren aus Quellen wie den Sterbebüchern der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien, den Deportationskarteien sowie Friedhofskarteien die Namen von Juden und Jüdinnen zusammengetragen, die sich in der Zeit des NSTerrorregimes zwischen 1938 und 1945 in Österreich das Leben nahmen. Blättert man heute durch diese Aufstellung, liest sich das wie ein Tagebuch der Verzweiflung: „Selbstmord durch Schlafmittel“, „Selbstmord durch Sprung aus dem Fenster“, „Selbstmord durch Erschießen“, „Selbstmord durch Ertrinken“, „Selbstmord durch Zyancalivergiftung“ – und auffällig oft findet sich hier eben die Beschreibung „Selbstmord durch Leuchtgasvergiftung“. Dabei handelt es sich um eine Kohlengasvergiftung.
Der österreichisch-israelische Historiker Herbert Rosenkranz (1924–2003) widmete den Selbstmorden von Juden und Jüdinnen 1978 ein Kapitel in seinem Buch Verfolgung und Selbstbehauptung der Juden in Österreich 1938–1945. Darin berichtet er auch über die Außenwahrnehmung dieses Phänomens und zitiert etwa die New York Times, die am 23. März 1938 berichtete: „Eines wird nun klar: Während in Deutschland die ersten Opfer der Nazis Linksparteien waren – Sozialisten und Kommunisten –, sind es in Wien die Juden, die in erster Linie unter dem revolutionären Angriff der Nazis zu leiden haben. In 14 Tagen ist es gelungen, die Juden einem unendlich härteren Regime zu unterwerfen, als es in Deutschland in einem Jahr erreicht wurde. Deshalb ist die tägliche Liste von Selbstmorden so lang, denn die Juden sind schutzlos Verhaftung, Plünderung, Beraubung ihres Lebensunterhalts und der Wut des Mobs ausgesetzt.“

Pogromartige Zustände. Der britische Journalist George Eric Rowe Gedye wiederum hielt zu den Vorgängen im März 1938 laut Rosenkranz fest: „Von all den Schrecken, denen Juden, österreichische Patrioten und österreichische Demokraten – eigentlich alle Nicht-Nazis – seit dem 11.März ausgesetzt waren, ist Diebstahl und Raub der kleinste. Ich glaube nicht, dass ich nach einigen Tagen irgendwelche Klagen oder Ängste darüber von Juden hörte; es wurde eben als unabwendbar angenommen. Viel entsetzlicher jedoch war die Selbstverständlichkeit, mit der jede jüdische Familie nunmehr den Selbstmord von Familienmitgliedern als ein normales und natürliches Ereignis hinnahm. Es war einfach unmöglich, irgendjemandem außerhalb Österreichs verständlich zu machen, mit welcher resignierter Sachlichkeit die österreichischen Juden damals von Selbstmord als einem alltäglichen Ausweg aus ihrer entsetzlichen Lage sprachen.“ Unter den Menschen, die Suizid begangen, waren auch prominente Namen. Der Historiker Tim Corbett nennt hier etwa Egon Friedell, der sich vor der drohenden Festnahme durch SAMänner am 16. März 1938 durch einen Sprung aus dem Fenster entzog. Corbett veröffentlichte heuer das über 1.000 Seiten umfassende Werk Die Grabstätten meiner Väter. Die jüdischen Friedhöfe in Wien. Aktuell arbeitet er sich durch Memoiren jüdischer Österreicher, die geflüchtet sind, verrät er im Gespräch mit WINA. Und auch in diesen Aufzeichnungen kommen ihm immer wieder Berichte über Selbstmorde unter.

„In 14 Tagen ist es gelungen, die Juden einem unendlich härteren Regime zu unterwerfen, als es in Deutschland in einem Jahr erreicht wurde.“
New York Times

Selbstmorde im Jahr 1938 würden eher rund um das Novemberpogrom vermutet, sagt Corbett. „Aber in Wien gab es eben schon im März pogromartige Zustände.“ Shoshana Duizend-Jensen, Historikerin im Wiener Stadt- und Landesarchiv, erinnert zudem an eine zweite Welle von Selbstmorden – und zwar 1941/1942, als Menschen in die Sammellager im zweiten Bezirk einberufen wurden, von denen aus sie schließlich deportiert werden sollten. Da habe sich etwa 1941 eine Elsa Winter durch die Einnahme von Schlaftabletten getötet. Im selben Jahr habe eine andere Jüdin, Amalie Flaschner, versucht, sich im Sammellager das Leben zu nehmen – auch sie verwendete Schlafmittel und verstarb schließlich im Rothschild-Spital. Corbett betont zudem, dass ab 1941 auch Nicht-Glaubensjuden, darunter oftmals Menschen, die von den Nazis einer Mischlingskategorie zugeordnet wurden, durch das verpflichtende Tragen des gelben Sterns als Juden identifiziert werden konnten. Das sei ein neuer Grad der Verfolgung gewesen. Und auch Menschen, die eben erst durch diese äußere Zuschreibung zu Juden wurden, wählten nun vermehrt den Freitod. Corbett schildert hier das Beispiel eines Offiziers, der im Ersten Weltkrieg gekämpft hatte, ein Gegner der Nazis war, einen jüdischen Großelternteil hatte und sich schließlich das Leben nahm, um seiner eigenen Verfolgung zuvorzukommen. Spannend findet der Historiker in diesem Zusammenhang, dass offenbar doch viele Menschen wussten, was sonst auf sie zugekommen wäre.

 

 

Kolisch Eva,
geb. 5.7.1888, letzte Adresse:
Wien 2, Große Pfarrgasse 4,
Selbstmord durch
Leuchtgasvergiftung
am 20. März 1938

 

Kohut Max,
geb. 16.5.1875, letzte Adresse:
Wien 7, Seidengasse 25,
Selbstmord durch
Erhängen
am 17. März 1938

Sonnenfeld Elfriede,
geb. 3.12.1894, letzte Adresse:
Wien 6, Mariahilfer Straße 126,
Selbstmord durch
Leuchtgasvergiftung
am 15. März 1938

 

 

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