„ICH HABE IMMER NOCH EINE WUT“

In ihrer Familienbiografie Ella und Laura begeben sich August Zirner und seine Tochter Ana auf die Spuren ihrer Großmütter und legen gleichzeitig die hierzulande verdrängte Geschichte des enteigneten Wiener Kaufhauses Zwieback schichtweise frei.

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Ana Zirner. „Wie jüdisch ich mich fühle oder nicht, ist gar nicht so relevant, es gibt eine Familienbande, die in eine jüdische Vergangenheit reicht, und die ist da.“ ©Bettina Flittner

An das exquisite Modehaus Maison Zwieback in der Wiener Kärntnerstraße, dort, wo sich derzeit ein Apple-Tempel befindet, erinnert heute gar nichts mehr. Und auch die Spuren des daran angeschlossenen Jugendstil-Cafés in der Weihburggasse, Jahrzehnte verborgen im einstigen Gourmetlokal Drei Husaren, sind nach dessen Freilegung im Zuge der Umbauarbeiten für die Conditorei Sluka brutal entfernt worden. Sogar die Initialen ZZ an den Säulen des hohen Innenraums wurden übermalt. Ausgelöscht ist damit vor Ort die Erinnerung an die elegante und charismatische Wiener Geschäftsfrau Ella Zirner-Zwieback, die das Kaufhaus von ihrem Vater übernommen und das Café instinktreich dazu gebaut hatte. Ihre Konzession musste sie 1938 an einen Berliner „ Ariseur“ abtreten, als Jüdin enteignet emigrierte sie mit ihrem Sohn Ludwig in die USA, wo sie 1970 starb. Jahrelang kämpfte sie gegen die Windmühlen der österreichischen Nachkriegsjustiz vergeblich um die Rückgabe ihrer Konzession. In umgekehrter Richtung floh ihr in Amerika geborener Enkel, der Schauspieler und Musiker August Zirner, vor dem Vietnam-Krieg nach Wien, um am Max Reinhardt Seminar zu studieren. Seine Mutter Laura Wärndorfer, aus einer bereits getauften jüdischen Industriellenfamilie stammend, musste Wien in der Nazizeit verlassen, heiratete in Amerika 1942 Ludwig Zirner, kehrte aber nach dessen frühem Tod später nach Wien zurück. Wie ihre Schwiegermutter Ella war auch die als Designerin tätige Laura eine durchaus mode- und selbstbewusste Frau. „Von den Müttern unserer Väter“, also ihren jeweiligen Großmüttern, erzählen nun in einem Band abwechselnd Vater August und Tochter Ana Zirner und spüren damit, teils recherchierend, teils fabulierend, gleichzeitig einem Stück Familien- und Zeitgeschichte nach. Wie bei allen fremden Verwandtschaften ist es dabei nicht immer ganz leicht, den verschlungenen Lebenslinien zu folgen, zumal Ludwig Zirner als „Kuckuckskind“ aus einem Seitensprung Ellas mit ihrem Klavierlehrer, dem Komponisten Franz Schmidt, hervorging, was nicht zuletzt die große Rolle der Musik in der Familientradition erklärt. Über Vererbtes in vielerlei Hinsicht im Folgenden ein Trialog mit Vater und Tochter Zirner.

 

WINA: Meist ist es ja so, dass man sich erst im reiferen Alter mit der eigenen Herkunft befasst. Dass sich gleichzeitig die Tochter auch dafür interessiert, ist wohl eher ein Glücksfall.
Ana Zirner: Ich habe mich immer für Geschichte interessiert und begann mich zufällig genau in der Zeit für den Holocaust zu interessieren, als auch August begann, sich damit zu beschäftigen, ich war 13 und er 42, aber bis zum Buchprojekt hat es dann noch gedauert.
August Zirner: Der Impuls dazu ging von Ana, also von der Urenkelin, Enkelin bzw. Tochter aus.

Die Geschichte der beiden Großmütter ist einerseits eine Wiener Geschichte, andererseits auch eine sehr typische Geschichte assimilierter Juden, die erst das Naziregime auf ihr Judentum zurückgeworfen hat. Ihre Eltern waren Emigranten, trotzdem scheint dieses Thema ziemlich tabu gewesen zu sein. Warum war das so?
August Zirner: Ich wäre froh, Ihnen diese Frage beantworten zu können. Ich weiß nur, dass meine Mutter darauf bestand, dass wir zu Hause Deutsch sprechen.

 

„Verdrängung kann sich leider auch vererben.“
Ana Zirner

 

Sie ringen beide in unterschiedlicher, aber doch auch ähnlicher Weise mit Ihrer Identität. Die Frage „Bin ich Jude?“ steht im Raum und expressis verbis in Ihrem Buch. Hat sich an Ihrer diesbezüglichen Identitätskrise im Laufe des Lebens etwas geändert?
August Zirner: Die Frage tauchte erstmals auf, als ich 41 war, anlässlich meiner Rolle im Stück Der Fall Furtwängler, dann folgten Projekte wie Gebürtig von Robert Schindel, und ich wurde auch berufsmäßig oft mit dem Thema konfrontiert.

Ich habe Sie persönlich vor einigen Jahren bei einem öffentlichen Sederabend im Wiener Dorotheum kennengelernt. Suchen Sie öfter solche Anlässe auf?
August Zirner: Ja, da wollte ich gerade konvertieren. Aber der Rabbiner von Westminster, Albert Friedländer, hat mich gefragt, wollen Sie tatsächlich 613 Gebote und Hebräisch lernen? Sie müssen das Judentum nur ehren. Ich weiß inzwischen, dass ich nicht konvertieren muss, ich bin es trotzdem. Ich weiß, wo ich herkomme, aus welchem alten Kulturkreis, und ich habe eine jüdische Identität, die kann man mir nicht nehmen. Erika Jakubovits hat mir den wunderbaren Satz gesagt: „August, warum willst du irgendwo dazugehören?“ Und sie hat Recht.

 

„Die Suche ist für mich bereits etwas zutiefst Jüdisches.“
August Zirner

 

Sie schreiben eindrücklich von dieser „genetischen Diaspora“, die ja ein Teil der jüdischen Identität ist, denn wenn man das spürt, gehört man eigentlich schon dazu.
August Zirner: Die Suche ist für mich bereits etwas zutiefst Jüdisches. Aber ich bin letzten Endes Agnostiker. Religiös ist das eine, kulturell ist das andere.
Ana Zirner: Für mich lässt sich das Kulturelle nicht wegdenken, man kann wohl entscheiden, dass man damit nichts zu tun haben will, aber das heißt nicht, dass man dann nichts damit zu tun hat. Wie jüdisch ich mich fühle oder nicht, ist gar nicht so relevant, es gibt eine Familienbande, die in eine jüdische Vergangenheit reicht, und die ist da. Und das finde ich sehr schön, und das macht mich auch mit aus.

August Zirner. „Der Rabbiner von Westminster, Albert Friedländer, hat mich gefragt, wollen Sie tatsächlich 613 Gebote und Hebräisch lernen?“ ©Bettina Flittner

Wien ist, wie Sie Robert Schindel zitieren, nicht nur die „Hauptstadt des Antisemitismus“, sondern gerade als Stadt Freuds auch eine Hauptstadt der Verdrängung. Die ganze Geschichte des neuen Café Sluka ist eigentlich eine bauliche Verdrängung. Sie hatten mit dem Besitzer Kontakt, haben Sie dafür eine Erklärung?
August Zirner: Schlechten Charakter! Ich habe keine Lust mehr, Verständnis dafür aufzubringen, ich habe wirklich versucht, mit allen Mitteln Brücken zu bauen. Das betrifft das Denkmalamt Wien, den Eigentümer Christoph List und auch die Architektengruppe Wehrdorn.
Ana Zirner: Ich finde das zu einfach. Verdrängung ist nicht immer etwas Bewusstes, sie kann sich leider auch vererben. Aber natürlich ist es irgendwann eine Entscheidung, sich damit nicht auseinandersetzen zu wollen, und das kann man jemandem ankreiden. Geschichte einfach zu übermalen, wie es im Sluka passiert ist, damit macht man sich schon schuldig.

Sie, Herr Zirner, haben also offenbar keineswegs Ihren Frieden damit gemacht, sondern haben immer noch eine Art Wut?
August Zirner: Ich habe mir die Wut von der Seele geschrieben, also eine Art Frieden gefunden. Dachte ich. Ich bin aber dankbar für Ihre Frage, denn ich merke gerade, ich habe immer noch eine Art Wut, und das ärgert mich über mich selbst. Teilen Sie die diesbezüglichen Gefühle Ihres Vaters? Fühlen Sie sich in der dritten bzw. vierten Generation um Ihr Erbe betrogen, in materieller oder ideeller Sicht?
Ana Zirner: Es gibt schon ein Bewusstsein über die Ungerechtigkeit, und da werde ich auch wütend, aber eher in dem Sinn, dass viele Dinge bis heute nicht aufgearbeitet wurden, weniger in Bezug auf den Besitz als auf die Anerkennung der Geschichte. Dass das so wenig stattfindet, zum Beispiel beim Sluka, das finde ich schmerzhaft.

Wie steht es um die Restitution, um die Ella Zirner so lange gekämpft hat?
August Zirner: Die Restitution gab es und ist juristisch einwandfrei abgeschlossen. Meine Großmutter hat eine Entschädigung bekommen. Es gibt noch den offenen Punkt der Konzession, die geraubt wurde, da wurde mir gesagt: „Herr Zirner, was wollen Sie denn noch?“ Das ist die einzige juristische Grauzone.

Sie sind geborener Amerikaner und auch Österreicher. Wo haben Sie heute Heimatgefühle?
August Zirner: In der Gegenwart meiner Kinder und Enkelkinder. Ich bin eben ein Familienmensch.

Inwieweit sind für Sie, Ana, die starken Frauen der Familie so etwas wie Role Models?
Ana Zirner: Sicher waren sie Role Models, nur war mir das nicht bewusst. Meine Mutter ist auch eine sehr starke Frau, die mich geprägt hat. Ich habe mich selten diskriminiert oder schlechter behandelt gefühlt. Inzwischen nehme ich das als ein großes Privileg wahr, mich in diese Tradition einzureihen.

Ana Zirner, August Zirner: Ella und Laura. Von den Müttern unserer Väter. Piper 2021,352 S., € 22,90

Was hat sich für Sie beide durch die Arbeit an dem Buch verändert? Eine Art persönlicher Vergangenheitsbewältigung, eine Katharsis?
Ana Zirner: Ich habe durch die Arbeit gemerkt, wie stark Familienbande sind, das hatte ich total unterschätzt, und ich habe ein viel größeres Verständnis für meinen Vater gewonnen. Ich habe ihm früher immer vorgeworfen, dass er sich erst mit über 40 Jahren mit dem Holocaust auseinandergesetzt hat. Heute kann ich das besser verstehen. Durch die Beschäftigung mit seiner Mutter habe ich verstanden, wie Verdrängung weitergegeben wird.
August Zirner: Für mich ist durch den kritischen Blick der folgenden Generation klar geworden, dass der Narzissmus, der mit meinem Beruf auch einhergeht, mich davon abgehalten hat, mich mit mir selbst zu beschäftigen. Ich bin nach wie vor mit meinem Beruf als Schauspieler sehr verbunden, aber je älter ich werde, desto mehr schwindet die Eitelkeit. Das Schöne an dem Schreibprozess ist, die Fragen werden eher größer als kleiner, und das ist ein schöner Vorgang, auch dass ich mich auseinandersetze, nicht zuletzt mit mir selbst.

Welche Reaktionen erwarten, erhoffen Sie auf das Buch?
August Zirner: Ich wünsche mir vor allem Gespräche, zum Beispiel ein solches, wie wir eben führen. Ana Zirner: Ich fände es schön, wenn wir Menschen dazu inspirieren könnten, gemeinsam mit den Eltern die Großelterngeneration aufzuarbeiten. Das ist sehr bereichernd und einfach ein cooles Konzept. Jedes Leben ist spannend, und jede und jeder hat etwas zu erzählen.

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