„Ich habe keine Angst vor dem Tod, denn ich bin schon zweimal gestorben“

Über die vier Leben ihres Vaters, des österreichisch-israelischen Historikers Walter Grab, sprach seine Tochter Maya Kupferberg mit Anita Pollak.

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Maya Kupferberg über Wien: „Ich gehe durch die Stadt und versuche sie mit den Augen meines Vaters zu sehen.“ © PID/ Walther Schaub-Walzer

„Für mich war ja der Einmarsch der Nazis in Österreich ungefähr so, wie wenn man heute irgendwo in einer Zeitung liest: Alle Brillenträger werden umgebracht. Ich bin Brillenträger. Ich kann nichts dafür, dass ich Brillenträger bin, so ist es nun mal, ich werde umgebracht. Also, wohin, was? Darunter steht eine ganz kleine Notiz: Die Hottentotten retten dich. Dann geht der Brillenträger zu den Hottentotten. So ging ich nach Palästina.“

Diese Sätze stammen aus einem Interview mit Walter Grab. 1919 in Wien geboren, führte er in Israel zunächst den Lederhandel seiner Eltern weiter, bevor er als Spätberufener in Tel Aviv eine beachtliche akademische Karriere starten konnte. Als Historiker ist er vor allem im deutschen Sprachraum berühmt geworden. 2000 starb er in Israel. Seine Tochter Maya Kupferberg war nun beim Besuchsprogramm des Jewish Welcome Service, das nach zweijähriger Pause erstmals wieder im größeren Rahmen stattfinden konnte, in Wien zu Gast.

WINA: Wie fühlen Sie sich, wenn Sie im Wiener Rathaus eingeladen sind?
Maya Kupferberg: Ich gehe durch die Stadt und versuche sie mit den Augen meines Vaters zu sehen. Er fühlte sich zu Wien sehr hingezogen, war aber andererseits extrem gekränkt und traurig. Das Trauma von seinem Rausschmiss hatte ihn sein ganzes Leben begleitet, abgesehen vom Verlust verschiedener Familienmitglieder. Ich verstehe auch die Tragik seines Lebens, denn er sagte immer, ich gehöre nicht hierher, und meinte damit Israel. Ich bin ein Europäer, aber Österreich hat mich rausgeworfen.

„Das Trauma von seinem Rausschmiss
hatte ihn sein ganzes Leben begleitet.“

 

Walter Grab hat hier 1994 eine Ehrenmedaille der Stadt erhalten. Wie war das für ihn?
I Es war eine gewisse Gutmachung, aber in seinem Herzen war er bis zu seinem Tod sehr verbittert und verletzt. Vor dem Krieg hat er mit seinen Eltern auf dem Bauernfeldplatz 4 gewohnt, und als er 1946 das erste Mal nach Wien kam, hat er an der Wohnungstür angeklopft. Dort wohnte der Hausmeister. Und als dessen Frau ihm aufmachte, hat sie geschrien, „Der Jud ist wieder da!“ Vater hat gesagt, er wolle gar nichts, nur den Ort sehen, nach dem er sich so gesehnt hat, aber sie hat ihm die Tür zugeknallt. Er kam völlig fertig nach Israel zurück und sagte: „Es hat sich nichts verändert.“ Vielleicht spielte er mit dem Gedanken zurückzukehren. Aber meine Mutter, die Berlinerin war, hätte das nie mitgemacht.

Er hat zu Israel immer ein sehr ambivalentes Verhältnis gehabt und in Tel Aviv in einem Zirkel deutscher Kultur gelebt, Heine, Goethe, Schiller, Büchner waren seine Hausgötter. Wie haben Sie das erlebt bzw. wie wurden Sie erzogen?
I Die Eltern haben miteinander Deutsch gesprochen, aber mit uns nur Hebräisch, was sie sehr gut gelernt hatten. Zuhause hat mein Vater gern Kreisler gehört und Qualtinger und später im Fernsehen österreichische Sender empfangen, die Fernsehserie Rex liebte er, weil das auf Wienerisch war. Er fühlte sich in der Sprache und in der Kultur zuhause. Wir, seine Kinder, haben von der deutschen Kultur nichts mitbekommen. Aber meine beiden Töchter hat er sehr beeinflusst. Eine ist Journalistin und die andere Professorin für deutsch-jüdische Literatur an der TU Berlin. Sie hat über Heine dissertiert, das konnte er leider nicht mehr erleben. Meine Tochter Shelly Kupferberg hat jetzt ein Buch über den Onkel meines Vaters geschrieben – Isidor: Ein jüdisches Leben – und wird es auch in Wien präsentieren. Sie kennt alle Einzelheiten der Familiengeschichte.

„Die Fernsehserie Rex liebte er,
weil das auf Wienerisch war.“

 

Walter Grabs Autobiografie trägt den Titel Meine vier Leben. Gedächtniskünstler, Emigrant, Jakobinerforscher, Demokrat. Allein sein Wikipedia-Eintrag zeigt aber, dass er noch mehr Leben gehabt haben muss.
I Ja, Kindheit in Wien, dann Kaufmann in Israel, später Universitätsprofessor und schließlich Rentner. Ich sehe meinen Vater immer in seinem Arbeitszimmer, umgeben von tausenden Büchern und ab 7 Uhr früh auf der Schreibmaschine tippen. Er war enorm fleißig, denn er musste ja 20 Jahre aufholen, in denen er Kaufmann gewesen war, was er hasste, aber er musste die Familie erhalten. Daneben ging er als Abendstudent an die Uni in Tel Aviv und dann für drei Jahre nach Hamburg, für meine Mutter war das sehr schwer. Nach seiner Rückkehr hat er den Lehrstuhl an der Uni Tel Aviv bekommen und dort 1971 das Institut für Deutsche Geschichte gegründet, gegen sehr viel Widerstand, denn man wollte damals so etwas noch nicht. Um dafür Mittel zu bekommen, war er bei Kreisky, aber es war die Begin-Zeit, und Kreisky sagte, für eine rechte Regierung gebe ich nichts. Schließlich hat dann die Volkswagen-Stiftung fünf Millionen DM dafür gespendet.

Bekannt ist Grab in akademischen Kreisen vor allem für seine historischen Arbeiten über revolutionäre Bewegungen wie die Jakobiner. Er dürfte selbst auch ein revolutionärer Freigeist gewesen sein.
I Ja, er war immer ein Linker, ging auf jede Demonstration mit, bei jedem 1. Mai, und wurde da immer mit Tomaten beworfen. Er war bei Peace Now sehr aktiv und hat immer alle Aufrufe unterschrieben. Die kommunistische Partei war lange sein Zuhause, aber die wurde damals in Israel sehr missachtet. Kommunist war ein Schimpfwort. Vor seinem Tod hat er mir gesagt: „Ich habe keine Angst vor dem Tod, denn ich bin schon zweimal gestorben. Einmal, als die Wiener mich rausgeschmissen haben, und einmal, als die Kommunisten mich rausgeschmissen haben.“ Denn nachdem 1956 bekannt wurde, was Stalin gemacht hatte, hat er der Partei gegenüber gemeint, das wäre ja schrecklich. Da haben sie gesagt, wenn du kapitalistische Zeitungen liest, dann raus mit dir.

Ihr Bruder ist in den USA auch Historiker. Welchen Berufsweg haben Sie eingeschlagen?
I Mein Bruder ist Napoleon-Forscher. Mein Vater war Spezialist für die Französische Revolution und hat sich immer für demokratische Strömungen interessiert. Die beiden haben stundenlang miteinander diskutiert. Ich war an der Jüdischen Grundschule in Berlin Lehrerin für Hebräisch. Nach dem YomKippur-Krieg, von dem mein Mann sehr depressiv nach Hause kam, wollten wir vorerst für einige Jahre nach Deutschland gehen und sind nun schon 47 Jahre dort. Israelin bin ich geblieben, aber ich bin in einem linken Haus aufgewachsen und habe einige Vorbehalte gegen die Politik in Israel.

Ihre Großeltern hatten eine große Lederwarenerzeugung in Wien. Wurden ihre Eltern entschädigt?
I Nach Vaters Tod habe ich Drucksorten von Emil Grab und Söhne, so hieß die Fabrik, gefunden und ging damit zum Rechtsanwalt für Restitutionen. Wir bekamen ungefähr 5000 Euro, was natürlich nichts ist.

Wie bekannt ist Walter Grab heute als Wissenschaftler in Israel?
I Gar nicht. Er war in Israel nur auf der Universität bekannt, sonst wenig. In Deutschland war er bei den Linken und vor allem als Jakobiner-Forscher angesehen.

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