
WINA: Als der Plan für Phase 1 zur Beendigung des Krieges in Gaza vorlag und sowohl von der Knesset als auch der Hamas bereits offiziell eine Zustimmung vorlag, warnte BDS immer noch vor einem „Genozid“. Konkret sprach die Bewegung auf ihren Social-Media-Accounts vom „genozidalen Trump- Netanjahu-Plan“. Man konnte fast den Eindruck gewinnen, da ist Enttäuschung, dass der Krieg nun endet. Wie ist das zu erklären?
Ingo Elbe: Zum einen sind diese Akteure nicht an einem Frieden zwischen Israel und den palästinensischen Gebieten interessiert, sondern wollen in der Regel Israel abschaffen – „From the river to the sea“, das ist die Formel. Zum anderen sind sie gute Schüler der Siedlerkolonialismusstudien, einer Untergruppe der postkolonialen Theorien, die behaupten, dass Israel durch seine bloße Existenz einen Genozid hervorbringe, da Israel als illegitimes Gebilde europäischer weißer Siedler per Definition die palästinensische Gesellschaft eliminieren wolle.
Stichwort Genozid: Das ist einer jener Begriffe, an dem sich gut die Verdrehung von Narrativen zeigen lässt. Man nimmt etwas, das Juden und Jüdinnen zugestoßen ist, verdreht es ins Gegenteil und macht es Juden und Jüdinnen zum Vorwurf. Das war auch sofort nach dem 7. Oktober 2023 festzustellen, wo die Hamas Babys und Kinder in Israel ermordete, dennoch zirkulierte schon in den Tagen darauf im Netz der „Kindermörder Israel“-Slogan. Warum verfängt diese Methode so gut, und das sowohl in der muslimischen als auch der westlichen Welt und auch bei Menschen, die sich dem politisch linken Spektrum zuordnen?
Auf der einen Seite ist Antisemitismus immer schon projektiv gewesen. Schon im klassischen völkischen Antisemitismus wurde den Juden vorgeworfen, die Völker der Welt vernichten zu wollen, während tatsächlich die Antisemiten die Juden vernichten wollten. Diese Verschiebung der eigenen Intention ist ein ganz typisches Zeichen von Antisemitismus. Projektion bedeutet ja, etwas, das man selbst will, jemand anderem zu unterstellen. Andererseits werden junge Leute neben den akademischen Theorien, mit denen sie traktiert werden, auch medial mit Bildern von getöteten palästinensischen Kindern versorgt, und es geht verloren, dass es in diesem Krieg eben nicht um die mutwillige Ermordung palästinensischer Menschen geht, sondern um einen schwierigen Kampf in einem städtischen Gebiet, bei dem die Bevölkerung von der Hamas als menschlicher Schutzschild verwendet wird.
„Der Antisemitismus wähnt sich eigentlich immer
im Kampf gegen ,die da oben‘. Diese Differenz haben
die Critical-Whiteness-Theoretiker nicht begriffen.“
Kontext ist ein weiteres Schlagwort, mit dem von Israel-Kritikern, aber auch Personen, die Israel das Existenzrecht absprechen, oft versucht wird, das Handeln der Hamas zu erklären. Ein Blick in die Geschichte – eben der Kontext – zeige demnach, dass sich die Hamas ja habe wehren müssen, und es wird dabei insinuiert, dass es sich auch beim Morden am 7. Oktober 2023 um legitimen Widerstand gehandelt habe. Inwiefer n ist das Wort Kontext in der Debatte eigentlich auch schon zu einem toxischen Begriff geworden?
Weil es sich um selektive Kontextualisierung handelt. Israel ist dann die Erklärung für alles, was Palästinenser tun, vor allem für deren Gewaltakte. Aber warum Israel etwas tut, zum Beispiel Krieg führt, wird nicht kontextualisiert. Ein Beispiel: Im November 2023 gab es einen offenen Brief von postkolonialen Autoren, und dort wurde gesagt, die Ursache für diese „current crisis“, wie sie das Massaker verharmlosend nannten, seien 75 Jahre Vertreibung, 56 Jahre Besatzung und 16 Jahre Abriegelung des Gazastreifens.
Genau hier könnte man fragen: Aber warum gab es Flucht und Vertreibung von Palästinensern 1948? Es lag unter anderem daran, dass die arabischen Milizen und Armeen einen Angriffs- und Vernichtungskrieg gegen Israel geführt haben. Warum gab es eine Besetzung des Westjordanlandes? Weil es eine existenzielle Bedrohung Israels gab und Israel einen Präventivkrieg führen musste. Und warum gab es die Abriegelung Gazas? Weil Gaza von einer islamistischen, antisemitischen Terrormiliz übernommen wurde, die Angriffe auf Israel gestartet hat. All das wird völlig ausgeblendet.
Etwas, das auch gerne ausgelassen wird, ist die jüdische Nakba, also die Vertreibung von Juden und Jüdinnen aus arabischen Ländern. Tatsache ist, dass es in den arabischen Ländern fast keine Juden mehr gibt. Warum wird das einfach verschwiegen?
Wenn man das thematisieren würde, müsste man zum einen auf die Judenfeindlichkeit in traditionellen islamischen Gesellschaften hinweisen. Und das ist im postkolonialen Diskurs ein blinder Fleck. Da schaut man sich fast ausschließlich das Agieren des Westens oder in diesem Fall Israels an. Der sogenannte Globale Süden, unter den auch die muslimischen Länder fallen, erscheint nur als Opfer des Westens oder eben Israels. Das ist tief in das postkoloniale Denken eingelassen.
Zum anderen wird eine Legende der friedlichen Koexistenz gestrickt. Es wird gesagt, bevor die Europäer in diese Länder kamen – oder vor dem Zionismus – habe es eine friedliche Koexistenz zwischen Juden und Muslimen gegeben. Was aber völlig ausgeblendet wird, ist, dass Juden in muslimischen Dominanzgesellschaften als sogenannte Dhimmis, also als Menschen zweiter Klasse behandelt wurden, die nur geduldet waren, weil sie Kopfsteuer bezahlt haben. Es gab bisweilen auch Pogrome, und das vor dem und unabhängig vom arabisch-zionistischen Konflikt. Wenn man nun auf die Vertreibung und Flucht der 700.000 bis 800.000 Juden aus arabischen Ländern hinweisen würde, müsste man sich ja die Frage stellen, wie kommt denn das zustande, die waren ja nicht kriegsbeteiligt.
Sie haben es nun schon mehrmals angesprochen: Der postkoloniale Diskurs spielt in der Debatte eine große Rolle. Welche Aspekte haben Ihrer Ansicht nach ihre Berechtigung, und wo ist der Diskurs ins Antisemitische abgerutscht?
Ich halte die postkoloniale Theorie weitgehend für verfehlt, auch was die Thematisierung des Kolonialismus betrifft. Es ist selbstverständlich berechtigt, auf westliche Kolonialverbrechen und auf Kolonialismus kritisch hinzuweisen, aber die Art und Weise, wie postkoloniale Theorie das in der Regel macht, ist eine, die mit doppelten Standards arbeitet. Ich nenne das negativen Eurozentrismus. Es erscheint so, als sei nur der Westen die Ursache des Bösen in der Welt. Ausgeblendet werden koloniale Verbrechen und Imperien ohne westliche Beteiligung. Ein zweiter Punkt, der eng damit zusammenhängt: die Siedlerkolonialismusstudien als Unterkategorie der postkolonialen Theorie. Sie praktizieren eine Dämonisierung des Westens als individualistisch, hyperrationalistisch, kulturzerstörend. Und auf der anderen Seite werden indigene Gesellschaften des globalen Südens als naturverbunden, mit der Landschaft verwachsen und ursprünglich begriffen. Es existiert hier ein starkes Gut-und-Böse- Denken.
Übertragen auf Israel haben wir dann einfach die Idee, Israel sei die Inkarnation von Kolonialverbrechen, Israel sei kulturzersetzend und wolle die Palästinenser permanent eliminieren. Und dann haben wir im letzten Schritt eine sehr starke Überschneidung zwischen der Dämonisierung des Westens als vom Wesen her kultur- und gemeinschaftszerstörend und antisemitischen Projektionen. Was wurde den Juden im modernen Antisemitismus immer vorgeworfen?
Es wurde ihnen vorgeworfen, hyperrationalistisch, individualistisch, kulturzerstörend und völkerzersetzend zu sein, und hier haben wir eine massive Überschneidung zwischen antiwestlichem Hass und antisemitischen Stereotypen.
„Israel sei der Störenfried der Region,
nicht etwa der Iran, nein Israel, und wenn Israel
weg ist, so die Idee, die dahinter steht,
dann gibt es eine Rückkehr zur natürlichen,
harmonischen Ordnung.“
Warum ist es aber so, dass Juden und Jüdinnen umgekehrt nicht als indigenes Volk gesehen werden?
Weil es nicht hineinpasst in dieses Schema. Was nicht hineinpasst, wird einfach ignoriert oder umgedeutet. Es gibt eine ganze Reihe von Texten, die versuchen, die Indigenität der Juden im Nahen Osten oder die relative Kontinuität des jüdischen Volkes in der Diaspora umzudeuten. Ein Beispiel ist hier Shlomo Sand. Natürlich passt es nicht ins Bild, wenn man sagt, die Juden waren eigentlich vor den Arabern da, weil man ja selbst einen Indigenitätsfetisch betreibt. Man muss aus der eigenen Logik heraus die Indigenität der Juden umdeuten, weil man gegen Israel Partei ergreift.
Lorenzo Veracini, einer der führenden Vertreter der Siedlerkolonialismusstudien, sagt, dass die Juden vielleicht einen historischen Anspruch auf das Land Israel haben, aber die Palästinenser hätten ein ontologisches Verhältnis zu diesem Land.
Was versteht man unter ontologisch?
Ontologie ist in der Philosophie die Lehre vom Sein. Es soll hier aber wohl heißen, es existiere ein tiefer verwurzeltes, ewiges Verhältnis zum Boden. Was hat das noch mit Wissenschaft zu tun? Es muss einfach behauptet werden, dass Juden weiße Kolonisatoren sind.
Wie sind hier die Critical-Whiteness-Studien einzuordnen?

und Kritische Theorie, Auswirkungen postkolonialer
Theorien. Er lehrt und forscht an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Zuletzt erschien sein Buch Antisemitismus und postkoloniale Theorie. © Edition Tiamat
Da gibt es verschiedene Varianten. Die eine Variante, vertreten von Abigail Bakan und Karen Brodkin, behauptet, Juden seien bis 1945 rassistisch diskriminiert und damit „weniger als weiß“ gewesen. In den USA seien Juden aber dann in die Mittelklasse aufgestiegen und durch Israel zu einem imperialen Staat im westlichen Block geworden. Damit seien die Juden weiß geworden und in die Dominanzmechanismen des Westens eingedrungen. Das reproduziert das Stereotyp des privilegierten, des herrschenden Juden.
Hier sehen wir, dass man mit dem antischwarzen Rassismus die Spezifik des Antisemitismus nicht versteht. Antisemiten begreifen die Juden ja nicht als primitive, bloß körperliche Wesen, sondern als die hinter den Mechanismen der Moderne stehenden wahren Herrschenden. Der Antisemitismus wähnt sich eigentlich immer im Kampf gegen „die da oben“. Diese Differenz haben die Critical-Whiteness-Theoretiker nicht begriffen.
Hier wird also völlig entkoppelt von tatsächlichen Hautfarben argumentiert.
Die Critical-Whiteness-Theorie ist fundamental inkonsistent. Sie behauptet, Schwarz und Weiß seien keine Hautfarben, sondern Schwarz stehe für systematische Diskriminierung und Weiß für das Privileg. Gleichzeitig rekurriert sie doch immer wieder auf Hautfarben. Wenn Juden bis 1945 systematisch diskriminiert und damit „less than white“ waren, ist auch das inkonsistent, sie hätten dann ja als schwarz tituliert werden müssen. Aber da die meisten Juden in den USA weiß waren, führt man eine Kategorie wie „weniger als weiß“ ein, die zeigt, dass man doch auf Hautfarben rekurriert. Zudem hätte man ja sagen müssen, dass Juden in arabischen Ländern schwarz waren und Araber weiß, aber das macht man nicht. Das ist inkonsistent.
Ein anderes Phänomen, das in den vergangenen zwei Jahren gut zu beobachten war: Menschen verwenden Slogans, wissen aber nicht wirklich, was sie bedeuten. Dazu gehört „From the river to the sea“, wo sich dann bei Straßenbefragungen zeigt, dass die Menschen nicht einmal wissen, um welchen Fluss und welches Meer es sich handelt. Dazu gehört aber auch „Free Palestine“, wo es ja nicht, wie oft angenommen, nur um Gaza ging oder geht, sondern um Israel an sich. Wie ist das zu erklären? Und wer hat geholfen, diese Propaganda im Westen mitzuverteilen?
Wer hat geholfen? Da muss man zunächst zurückschauen in die 1950er- bis 1980er-Jahre – die Sowjetunion hat eine massive antiisraelische Propaganda betrieben, mit Schriften, mit ganzen Instituten, die Israel dämonisierten, und hat mit Teilen der arabischen Welt Bündnisse geschlossen. Hier haben wir große Synergieeffekte zwischen einem arabisch-antiisraelischen Nationalismus und einem sowjetischen Antizionismus.
In der westlichen Linken, spätestens seit dem Sechs-Tage-Krieg, wird Israel als imperialistisches, illegitimes Land wahrgenommen, und nicht nur die Besetzung des Westjordanlandes oder Gazas damals, sondern eigentlich Israel generell. Das greifen die postkolonialen und antirassistischen Linken auch auf. Das heißt, die radikale Linke hat einen massiven Einfluss auf diese Idee gehabt.
Und dann natürlich: Was nützt ein Kampf gegen Antisemitismus, wenn als seriös geltende Medien, auch öffentlich-rechtliche Medien, mindestens unvollständige oder tendenziöse Beiträge bringen und so gut wie nie auf den Antisemitismus in der arabischen Welt hinweisen.
Ich wundere mich nicht, dass die Leute so ein einseitiges Bild haben. Da verfestigt sich dann die Idee, die israelische Seite sei die unterdrückende und die palästinensische Seite das ewige Opfer. Sie haben hier nun die Medien angesprochen, zuvor aber auch schon universitäre Bereiche wie die Postcolonial Studies, die hier ihren Anteil haben. Stichwort Unis: Welche Studien und Fakultäten sind hier besonders von entsprechenden Fehlentwicklungen betroffen?
Das ist schwer zu sagen, weil es dazu keine systematischen Studien gibt. Aber ich würde erstmal sagen, dass das in den sogenannten Humanities, in den Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften primär der Fall ist. Dahinter steckt tatsächlich oft dieses postkoloniale Denken, die Idee, dass der Kolonialismus oder die so genannte Kolonialität die Schlüsselerklärung für alle Übel der Gegenwart ist. Und dann wird der israelisch- arabische Konflikt in dieses Kolonialismus- Schema gepresst.
Es gibt auch den Slogan „Palestine will set us free“. Was steckt da dahinter?
Dabei handelt es sich um eine Erlösungsreligion – auch die Siedlerkolonialismustheorien laufen ja oft auf eine Erlösungsreligion hinaus. Das heißt: Wenn Israel als Staat zerstört ist, wird sich eine Harmonie der Völker, Kulturen und Religionen im Nahen Osten einstellen. Oder, noch weiter: Wenn Israel als Symbol des westlichen Imperialismus zerstört ist, dann wird die Welt gerettet werden, und zwar vor allen Übeln, die man sich nur vorstellen kann, Klimakrise, Klassenverhältnisse, Imperialismus und so weiter.
Ein Beispiel ist ein Text von Ramón Grosfoguel, einem der führenden dekolonialen Theoretiker der Welt, der Anfang 2024 einen Text auf einer islamischen Website geschrieben hat: „Gaza, das Warschauer Ghetto des 21. Jahrhunderts.“ Dort sagt er sinngemäß, dass wir uns in einem spirituellen und messianischen Moment befinden und dass in Gaza der apokalyptische Endkampf zwischen dem westlichen Imperialismus auf der einen Seite, den Kräften des Todes, wie er sie nennt, nämlich den USA und Israel, und den Kräften des Lebens, die er mit den Huthi, der Hamas und der Hisbollah verbindet, geführt würde, und wenn die Kräfte des Todes, also die USA und Israel, siegen, dann würde das Leben auf dem Planeten Erde unweigerlich enden.
Das ist ein Gedanke, den Adolf Hitler in Mein Kampf schon hatte, und ich war sehr überrascht, dass ich bei einem vermeintlich linken dekolonialen Theoretiker diesen apokalyptischen Erlösungsantisemitismus finde. Er sagt nicht Jude, sondern Israel, aber die Grundstruktur des Denkens ist gleich. Es ist eine Erlösungsreligion, die alle Übel der Welt im westlichen Imperialismus und dann noch einmal konzentriert in Israel inkarniert sieht, und natürlich sind alle anderen Konflikte dann gelöst. Das ist der wahnhafte Glaube, der dahintersteht.
„Es gibt eine ganze Reihe von Texten, die versuchen,
die Indigenität der Juden im Nahen Osten
oder die relative Kontinuität des jüdischen
Volkes in der Diaspora umzudeuten.“
Was hat das noch mit Wissenschaft zu tun?
Große Teile der postkolonialen Theorieproduktion haben mit Wissenschaft auch nichts mehr zu tun. Dennoch sind sie weit verbreitet, haben Peer-Review- Journals in großen akademischen Verlagen. Man kann es sich nicht dramatisch genug vorstellen, wie die so genannten Geistes- und Humanwissenschaften schon umgekrempelt sind. Ich frage mich da wirklich: Sind die Universitäten verloren?
Bräuchte es da aber nicht von Seite der wissenschaftlichen Institutionen ein Korrektiv, bräuchte es nicht eine Bewegung, die sagt, wir müssen die Wissenschaft wieder auf ein wissenschaftliches Fundament stellen?
Das bräuchte es. Und es gibt auch immer wieder Leute, die das tun. Es ist nicht so, dass es da gar keinen Widerstand gäbe. Aber es ist doch eher marginal, nicht so hoch organisiert wie die andere Seite. Und was man auch sehen muss: Wir haben zumindest seit dem 7. Oktober eine weltweite kollektive Psychose, so scheint es mir jedenfalls. Dieses Phänomen – da müsste man in die Antisemitismustheorie weiter hineingehen – ist hier wirklich eine wahnhafte Weltwahrnehmung, die emotionale Bedürfnisse befriedigt, also wirklich einfache Feindbilder zu haben, das Gefühl, eine mögliche Erlösung von allen Übeln zu haben, wenn der Feind besiegt ist.
Das ist etwas, das den Antisemitismus immer schon geprägt hat, und es ist äußerst schwer, mit rationalen Argumenten dagegen anzukommen. Und dann lehren Leute wie Grosfoguel – er war bis zu seiner Pensionierung Professor in Berkeley – Studenten, die sonst von nichts eine Ahnung haben, dass gerade der Endkampf der Menschheit in Palästina gekämpft wird und sie sich auf die richtige Seite, nämlich die der Hamas stellen müssen – das ist doch ein Apparat zur Produktion von Terroristen. Das passiert an Eliteuniversitäten im Westen.
Stichwort Antisemitismustheorie: Warum braucht es durch die Jahrhunderte und Jahrtausende immer das Judentum und Juden und Jüdinnen als Projektionsfläche für das Böse – und zwar von allen Seiten, also rechts, links, anderen Religionen? Wie ist es zu erklären, dass die Gesellschaft Juden und Jüdinnen offenbar diese Funktion zuteilt?
Diese extrem starke Kontinuität ist sowohl in den westlichen als auch den muslimischen Ländern zu finden. Antisemitismus oder Judenfeindlichkeit insgesamt ist erst einmal ein Versuch der Schiefheilung innerer Konflikte einer Gruppe und einer Psyche.
Was versteht man hier unter Schiefheilung?
Das ist ein psychoanalytischer Begriff. Dabei verarbeiten Personen traumatische Ereignisse durch einen Abwehrmechanismus. Und Antisemitismus ist die Inkarnation von Schiefheilung: Was ein innerer Konflikt ist, wird als Jude imaginiert und als äußere Bedrohung wahrgenommen. Und dann haben die realen Juden das Problem, dass an ihnen dieser innere Konflikt ausagiert wird. Bestes Beispiel: der völkische Antisemitismus der Nazis. Die haben behauptet, es gebe eine harmonische Volksgemeinschaft. Diese ist auf den Grundlagen der modernen Gesellschaft tatsächlich aber nicht realisierbar. Wie erklärte man sich dann, dass diese Volksgemeinschaft scheitert? Durch das angebliche Eindringen der Juden, die die Volksgemeinschaft von innen zersetzen und von außen bedrohen und die man nur totschlagen müsse, damit die Volksgemeinschaft ihre volle Identität gewinnt.
Auf heute übertragen haben wir die Idee, die multikulturelle Gesellschaft – sei es im Nahen Osten oder sei es im Westen – wird gelingen, wenn die Zionisten nicht mehr da sind. Israel sei der Störenfried der Region, nicht etwa der Iran, nein Israel, und wenn Israel weg ist, so die Idee, die dahinter steht, dann gibt es eine Rückkehr zur natürlichen, harmonischen Ordnung. Dieses Denken scheint offenbar äußerst attraktiv zu sein, weil es emotional entlastet, weil es zugleich auch die Möglichkeit gibt, den durch die gesellschaftlichen Verhältnisse aufgestauten Hass loszuwerden.
Das ist vor allem aber nicht einfach ein beliebiges Feindbild, sondern hat sich zunächst vor allem durch den christlichen dämonisierenden Judenhass so verfestigt, dass auch immer wieder auf diese christlichen Bilder zurückgegriffen wird: Kindermörder, Ritualmörder und dann auch die Idee, dass Juden dämonische Kräfte hätten; sie hätten immerhin auch Gott – also Jesus – gemordet. Solche Feindbilder aktualisieren sich immer wieder in neuer Form.
Was braucht es, um diesen Mechanismus zu durchbrechen und den Antisemitismus hinter sich zu lassen? Oder ist das völlig aussichtslos?
Das ist eine sehr gute Frage. Die radikale Linke ist einmal angetreten mit der Idee, wenn die Klassengesellschaft und damit die Konkurrenz zwischen den Menschen – und auch die Kriege – vorbei sind, dann wird es keinen Antisemitismus mehr geben. Die liberale Antwort ist eher, die Leute müssen aushalten, dass sie in einer konflikthaften Gesellschaft leben, und müssen sich vom ressentimenthaften Ausagieren dieser Probleme durch Aufklärung und Disziplinierung fernhalten. Ich möchte da weder in die eine noch in die andere Richtung eine Antwort geben. Ich kann nur sagen, dass, wenn das so ein strukturelles Problem ist und wenn der Antisemitismus und auch gerade der israelbezogene Antisemitismus diese psychische Entlastungsfunktion hat, es äußerst schwer ist, das zu durchbrechen. Da sollte man sich keinen Illusionen hingeben.























Super Artikel. Fundiert und detailliert. Danke.