„Ich hatte solche Lust, einen ‚judenreinen‘ Roman zu schreiben“

Aliens landen auf der Erde und fordern Menschenopfer. Doron Rabinovicis neues Buch Die Außerirdischen, sein erster Roman seit sieben Jahren, ist eine beklemmende Dystopie und gleichzeitig eine Parabel über die Mechanismen totalitärer Systeme. Weshalb wir uns aus guten Gründen fürchten und warum seine düsteren Szenarien so gar nicht absurd sind, darüber spricht der Autor mit Anita Pollak.

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Doron Rabinovici wurde 1961 in Israel geboren und lebt seit 1964 in Wien, wo er als Historiker mit seiner Arbeit Instanzen der Ohnmacht 1938–1945 promovierte. Für seine Storys, Romane und Essays wurde er mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Toleranz-Preis des Österreichischen Buchhandels. Mit Matthias Hartmann entwickelte er für das Burgtheater die erfolgreiche Produktion Die letzten Zeugen, in der unter anderen Zeitzeugen auch seine Mutter zu Wort kam.

Interview mit Doron Rabinovici

WINA: Als Historiker, Schriftsteller und Pub­lizist hast du dich bisher vor allem mit der Schoah, den Problemen der Nachgeborenen und unserer Gegenwart beschäftigt. Wie kam es zu dieser außerirdischen Idee?
Doron Rabinovici: Ich hatte diese Idee schon lange im Kopf, aber viele haben mir von dieser Geschichte abgeraten. Aliens! Was hat das mit Juden oder mit Österreich zu tun? Aber das Thema liegt in der Zeit. Die Außerirdischen stehen für etwas Bedrohliches. Jetzt sind wir in einer Krisensituation, in der wir uns fragen: Was geschieht mit unserer Zivilisation, mit uns als Menschheit? Der Gedanke der Außerirdischen hat seit der Aufklärung, in der er entstand, immer wieder Konjunktur. Ganz bestimmte Fragen kann man sich eben nicht erklären. Die Menge an Planeten in unserem Sonnensystem entspricht in etwa der Menge der Sandkörner in allen Wüsten der Erde. Eine unvorstellbare Zahl! Die Wahrscheinlichkeit, dass es da irgendwo Leben gibt, ist groß, und wenn wir uns überlegen, wie lange es das Universum gibt, müssten die ja schon da sein. Aber wo sind sie?

Zurzeit haben so gut wie alle Zukunftsbilder in der Literatur wie im Film apokalyptischen Charakter. Warum können wir uns die Zukunft nur noch katastrophal vorstellen?
❙ Wir sind in den letzten Jahren aus guten Gründen nicht mehr optimistisch. Das Grundgefühl in unseren zivilisierten westlichen Ländern ist eben, dass wir unsere privilegierte Position global einbüßen werden. Bei meiner Geschichte geht es aber auch darum, wie totalitär das Freie sein kann, wie eine offene Gesellschaft umschlägt, das kann auch ohne Außerirdische passieren.

Doron Rabinovici:
Die Außerirdischen.
Suhrkamp Verlag, 2017,
255 S., € 22,70

Das zeigt der Roman in seiner zynischen Zeit- und Gesellschaftskritik, er treibt die Quotengeilheit der Medien auf eine perverse Spitze. Doch je mehr die Handlung voranschreitet, desto mehr holt den Autor offenbar die Vergangenheit ein. Zunehmend wird die surreale Vision zu einer Parabel über die Mechanismen des „Bösen“ schlechthin. Der Mensch als des Menschen Wolf. Also Holocaust, diesmal verkleidet als Science Fiction?
Sehr viele sind bereit, alle möglichen Menschenrechte angesichts von Bedrohungen etwa von Terroristen abzuschaffen. Und auch wir, die dagegen anschreiben, sind letztlich Teil der Werbebranche des „Bösen“. Indem wir zusehen, wie es geschieht, sehen wir zu, dass es geschieht. Der Roman ist keine Science Fiction außer in einem Punkt, das ist meine Idee der „Exobilien“, der Spekulation mit Immobilien auf fernen Planeten, keine schlechte Idee oder?

Der Ich-Erzähler ist Gastrokritiker und Journalist und heißt Sol. Ist er Jude?
❙ Nein! Die Namen sind Anspielungen. Sol auf Sonne, Astrid, der Namen seiner Freundin, spielt auf Sterne an, es gibt sogar einen Albert Stern, aber es kommen keine Juden vor. Ich hatte einfach solche Lust, einen „judenreinen“ Roman zu schreiben!

 

„Indem wir zusehen, wie es geschieht, sehen wir zu, dass es geschieht.“
Doron Rabinovici

 

Die tierliebenden Außerirdischen versprechen Heil, fordern dafür aber Menschenfleisch. Ihre Opfer, die sich freiwillig ausliefern müssen, werden nach einer Auswahl in perfiden Castingshows auf eine angebliche Trauminsel deportiert. Dort gibt es Selektionen, Appelle und Kapos. Teilweise liest es sich wie Zeugenberichte aus den KZs. Statt Nummern gibt es da Chips, durch die man die Opfer überall orten kann. Auch das „Murmelstein“-Dilemma ist wieder da. Weshalb all diese deutlichen Assoziationen?
❙ Es wäre feige, diese Geschichte nicht zu erzählen, nur weil wir solche Assoziationen haben. Für mich bietet es die Möglichkeit, diese Geschichte in der Zukunft und in der Fiktion zu erzählen, ohne mich zu maskieren, denn ich kann über die Schoah nicht schreiben, als ob ich dabei gewesen wäre. Die politischen, historischen Themen, wie Die Instanzen der Ohnmacht, mit denen ich mich beschäftigt habe, sind natürlich vorhanden. Und ich habe sie zum Teil da noch weitergedacht. Man müsste sich der Idee, dem Prinzip, dem Spiel, dass man Menschen für andere opfert, von Anfang an verweigern. Auch als Zuschauer.

Medien und Populisten arbeiten mit Ängsten und Panikmache. Im Roman und in der Wirklichkeit. Verstärkt das Buch mit seinen Horrorszenarien diese Ängste nicht noch?
❙ Ja, aber welche Ängste sind das? Unsere Ängste können entweder in Ängste vor den Fremden geleitet werden oder in Ängste vor den Hetzern. Ich habe um unsere Zivilisation Angst, ich sehe eine Bedrohung der liberalen Demokratie durch die Kräfte der Antiaufklärung, nehmen wir Trump oder Orbán. Durch den Roman zieht sich dieser Gedanke, den besonders wir Juden von unseren Eltern mitbekommen haben, nämlich, dass es wieder passieren kann. Die nettesten Nachbarn können umschlagen, die Schicht der Zivilisation ist ganz dünn.

Welche Szenarien sind realistisch, welche fiktiv?
❙ Alle Szenarien sind Fiktion, und alle sind realistisch. Meine Geschichten stimmen dann, wenn sie in der Realität stimmig wirken, wenn sie in der Wirklichkeit vibrieren. Es geht nicht darum zu sagen, wie wir eine Heilung finden, sondern es geht in der Literatur darum zu schreiben, wenn’s weh tut.

Bilder © Marko Lipus / picturedesk.com

 

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