„Ich hörte auf zu spielen und fand Geschmack am Lesen“

1676

Ein neuer Band von, über und mit Henriette Herz, der großen jüdischen Salonière im Berlin von Aufklärung und Romantik.
Von Alexander Kluy

Dass in Berlin einst das Herz profunder jüdischer Aufklärung und graziöser Romantik schlug, mag heutige Besucher der deutschen Bundeshauptstadt, die bitterarme, ja ärmste Stadt des Landes, erstaunen angesichts so mancher gewöhnungsbedürftiger Umgangsformen und aktuellen planerischen Unvermögens. Sowie angesichts historischer Spuren, die im Antlitz der von Krieg, Nachkriegsplanung, Teilung und Abriss wie Neubau nach 1990 massiv gezeichneten, teils mehrfach an derselben Stelle überbauten Stadt nicht mehr auszumachen sind. So findet sich beispielsweise mitten in der Innenstadt, an der südöstlich vom Tiergarten verlaufenden Lennéstraße, ein überschaubarer, dreieckiger, schmuckloser Platz, der erst im Jahr 2000 benannt wurde. Bis dahin war diese kleine Freifläche namenlos, seither heißt sie Henriette-Herz-Park.

Wissen aber die Besucherströme auf dem nahe gelegenen Potsdamer Platz, wer sich dahinter verbirgt? Denn über diese Berliner jüdische polyglotte Salonière, die als eine der schönsten Frauen ihrer Zeit galt und mit Goethe und Ludwig Tieck verkehrte, mit den Gebrüdern Humboldt und Germaine de Staël, mit Wort- und Tonkünstlern und interessanten Durchreisenden, die in der Ende des 18. Jahrhunderts architektonisch (1786: 110.000 Einwohner – 1805: 177.000 Einwohner) wie intellektuell im rasanten Aufbruch begriffenen Residenzstadt durchgereicht wurden, gab es bis vor Kurzem keine Biografie. Abhilfe schafft nun ein umfangreicher Band, den der Münchner Rainer Schmitz für die bibliophile Buchreihe Die Andere Bibliothek zusammengestellt und herausgegeben hat.

Henriette Herz (1764–1847), Tochter eines Arztes, der aus Portugal nach Preußen emigriert war, heiratete mit 15 Jahren den 17 Jahre älteren Arzt Markus Herz und gründete einen Salon, einen literarisch-künstlerisch-philosophischen Treffpunkt, an den bis heute, was die Mischung und den Esprit angeht, vielerorts anzuknüpfen versucht wird, in Berlin wie in Wien. Der fränkische Dichter Jean Paul 1801, der auch in Weimar gelebt hatte, in einem Brief: „Der Ton hier übertrifft an Unbefangenheit weit den Weimar’schen.“ Und: „Gelehrte, Juden, Offiziere, Geheime Räte, Edelleute, kurz alles, was sich an andern Orten (Weimar ausgenommen) die Hälse bricht, fället einander um diese, und lebt wenigstens freundlich an Thee- und Estischen beisammen.“

Henriette Herz. In  Erinnerungen, Briefen und Zeugnissen.  Herausgegeben von Rainer Schmitz. Die Andere Bibliothek, 2013; 676 S.,  40 (D)/41,20 (A) EUR
Henriette Herz
In Erinnerungen, Briefen und Zeugnissen.
Herausgegeben von Rainer Schmitz. Die Andere Bibliothek, 2013; 676 S.,
40 (D)/41,20 (A) EUR

Die jüdische Gemeinde in Berlin, nicht in ein Ghetto gesperrt, war überwiegend ansässig im Zentrum, in der Nähe von Marien- und Nikolaikirche, in der Jüden-, der Königs- und der Spandauer Straße – die historische Baustruktur hat hier zur Gänze das 20. Jahrhundert zerstört. Der rege visitierte Herz’sche Salon war anfangs in der Spandauer Straße, dann in der Neuen Friedrichstraße 22, später in der Französischen Straße 44 und am Ende in der Markgrafenstraße 59. David Friedländer und Moses Mendelssohn waren die leuchtenden Sterne der Haskalah. Nach 1803, dem Jahr, in dem ihr Mann starb, musste sie ihre gesellschaftlichen Aktivitäten rigide einschränken; sie widmete sich karitativen Tätigkeiten und konvertierte 1817 schließlich zum Protestantismus. 30 Jahre später starb sie.

Dass Rahel Levin (1771–1833), die andere Berliner Salonière von Rang, bis heute präsenter im kulturellen Gedächtnis geblieben ist, lässt sich zum einen auf Hannah Arendts noch immer lesenswerte biografische Darstellung zurückführen; zum anderen auf mehrere Editionen der Briefe und der Tagebücher, die in den letzten 30 Jahren erschienen sind und heute im Programm namhafter Verlage wie C. H. Beck und Wallstein aufscheinen. Rahel ehelichte 1814 einen preußischen Diplomaten, Karl Varnhagen von Ense, übrigens einer der großen Tagebuchschreiber des 19. Jahrhunderts, der nach Rahels Tod ihre Aufzeichnungen emsig edierte, worin ihm später ihre Stieftochter folgen sollte.

Was sich von Henriette Herz erhalten hat, ist literarisch Indirektes. Sie ging nämlich nach 1815 daran, so manche Korrespondenz zurückzufordern und – das jagt noch heute vielen Romantikforschern Schauer über den Rücken – diese zu vernichten. Aus mancherlei Gründen. Erst viel später ging sie daran, ihre mannigfaltigen Erinnerungen, ihre Begegnungen und Urteile festhalten zu lassen. Im Gespräch. Was ihr bereits von Zeitgenossen, keineswegs frei von Neid, das Verdikt einbrachte, unzuverlässig zu sein, stützte sie sich doch einzig auf ihre Erinnerungskraft. Das lässt sich nun anhand der Textzusammenstellung revidieren; vielmehr sind hier deutsch-jüdische Sternstunden nachzulesen: ein persönlicher Zugang zu Personen, die der Deutschunterricht zu ehernen Monumenten ihrer selbst verlangweilt und wissenschaftliche Darstellungen fehlgezeichnet haben. Zum anderen sind hier Intellektuelle wieder oder neu zu entdecken, etwa der mokant-quecksilbrige Ludwig Börne, die spätere Zeiten erfolgreich ignoriert oder karikiert haben. Im Zentrum dieses klug komponierten und gestalterisch ansprechenden Bandes, einer ausgreifenden Spiegelkabinett-Biografie, steht aber Henriette Herz, lebendig, interessant, facetten- und geistreich.

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