
WINA: Als Dramaturg am Burgtheater haben Sie gemeinsam mit der schwedischen Regisseurin Therese Willstedt die Bühnenfassung von Thomas Bernhards 650-Seiten-Roman Auslöschung. Ein Zerfall erstellt, das heißt, auf rund 55 Seiten gekürzt und in eine neue Erzählstruktur für acht Schauspieler gebracht. Wie fiel die Entscheidung, dieses Werk zu dramatisieren?
Jeroen Versteele: Therese, die im Vorjahr Orlando von Virginia Woolf für das Akademietheater inszenierte, suchte lange nach einem Material, aus dem sie schöpfen konnte. Sie mag Stoffe, in die sie eintauchen und in mehreren Tauchgängen immer wieder etwas Neues nach oben befördern kann. Diesen Bernhard-Roman mag sie besonders: Hier konnte sie eine dramatische Familiengeschichte neu zusammenstellen, in der es vielerlei Traumata gibt und die an einem Ort spielt, an dem weder Ruhe noch Frieden herrschen – nur Verstörung und Verletztheit. Ein reicher Fundus aus einem Lebenswerk, dem Opus magnum eines großen Schriftstellers. Therese Willstedt gefallen auch Thomas Bernhards Humor und Überspitzungen, sowie die Manie, die seine Protagonisten prägt.
Sie sind ein beliebter und viel beschäftigter Schauspieler, wie oft haben Sie Figuren von Thomas Bernhard schon verkörpert?
Norman Hacker: Bis jetzt keine einzige! Ich war aber in den 1980er-Jahren mit dem Menschen Bernhard und seinem Werk konfrontiert und davon auch fasziniert. Gerade 1986, als ich nach Graz engagiert worden bin, hat sich auch Claus Peymann massiv mit Bernhard beschäftigt. Der große Fokus, den er auf ihn setzte, war durchaus gerechtfertigt. Das Schöne an der Auslöschung ist, dass dem Spieler die Möglichkeit aus dem Vollen zu schöpfen gegeben wird und an so vieles anzudocken, das man von seinen Texten schon kennt.

Im Hinblick auf aktuelle Debatten und das Wiederaufleben des Antisemitismus, in einer Welt des neuen linken Israelund allgemeinen Juden-Bashings, gibt es in Österreich wie der Lokale, wo Juden unerwünscht sind, in Teilen Europas werden jüdische Künstler und Künstlerinnen ausgeladen oder wie jüngst in Paris durch Brandfackeln bedroht. Da Bernhard in Auslöschung. Ein Zerfall wiederum die Verdrängung der NS-Taten anprangert, sehen Sie in seinem Text trotzdem eine zeitgemäße Relevanz?
NH: Ja, klar. Ich habe mich immer schon gefragt, wie es möglich ist, dass der Antisemitismus so allumfassend, so aktiv erkennbar oder auch schlummernd, offensichtlich immer vorhanden war und ist. Es braucht nur wenige Auslöser, damit man den Antisemitismus wieder spürt, weil er einfach immer da ist, das ist meine Wahrnehmung. Natürlich kann man versuchen zu benennen, warum er wieder auflebt, warum er jetzt erschreckend mehr Rückenwind und eine Salonfähigkeit bekommt, die sowohl mit Tagespolitik als auch allen möglichen Mäntelchen verbrämt wird. Antisemitismus geht einfach nicht, ich stoße als Mensch auf eine innere Weigerung, so zu denken. Das hat vielleicht mit meiner Erziehung zu tun, oder mit dem Umfeld, aus dem ich komme.
„Bernhards musikalische Sprache und
Erzählstruktur erzeugen einen süchtig
machenden Rausch.“
Jeroen Versteele
Welches Umfeld meinen Sie?
NH: Das Umfeld, wo ich aufgewachsen bin, in Enns, aber auch in einer Familie, die sehr wohl auf eine sehr bedenkliche Vergangenheit in der NS-Zeit zurückblickt. Ich war damit konfrontiert, hatte aber die Möglichkeit, mich umfassend zu informieren und zu bilden. In meiner Schulzeit war das noch nicht so einfach. Ich besuchte zwar ein neu eingeführtes Oberstufen- Realgymnasium, trotzdem hat der Geschichtslehrer den Zweiten Weltkrieg nur aus seiner persönlichen Perspektive geschildert. Meine Schulklasse empfand das als unfassbar und wurde aktiv. Wir schafften es, dass sich der Lehrer freiwillig vom Geschichtsunterricht zurückzog.
Sie waren alle kurz von der Matura, ein gewisses Risiko?
NH: Ich bin noch nie den bequemen Weg gegangen, aber ich war zuerst Klassen- und später Schulsprecher und hatte große Rückendeckung von meiner Klasse. Obwohl wir jung waren, war uns bewusst, dass wir in Oberösterreich aus einem Eck kommen, von dem das ehemalige KZ-Mauthausen nur durch den Fluss getrennt ist. Wir wussten auch, dass nicht wenige in unseren Familien irgendetwas mit dem NS-Regime in direkter oder indirekter Form zu tun hatten, daher konnten wir nicht zulassen, dass im Geschichtsunterricht in einer AHS lustige Schnurren aus dem Zweiten Weltkrieg erzählt werden.
Welcher Aspekt hat Sie in den Tiraden des Thomas Bernhard inhaltlich besonders interessiert oder auch erregt?
NH: Interessiert haben mich diese Eckpfeiler, gleichsam die Familienaufstellung, die Bernhard vollführt und geradlinig in die Gesellschaft weiterspannt, da kann man psychologisch arbeiten und sehr tief bohren: Wie verhält sich dieses Alter Ego des Autors, Franz-Josef Murau, bei der Aufarbeitung von zwei Generationen belastender Geschichte? Ich stelle nämlich auch heute fest, dass traurigerweise in Oberösterreich, ganz Österreich und in unserem Kulturraum nach wie vor viele von Bernhards Vorwürfen aktuell sind. Daher bin ich sehr froh, in dieser Produktion dabei sein zu können, weil es hier ein Anliegen ist, das alles herauszuarbeiten und so dem Publikum vor Augen zu führen, dass man sich diesen Fakten nicht entziehen kann, sich damit beschäftigen muss!

Sie sind als Dramaturg seit 2022 am Burgtheater tätig, was hat Sie an der Auslöschung besonders angesprochen?
JV: Ich habe das Buch in einem Zug ausgelesen. Bernhards musikalische Sprache und Erzählstruktur erzeugen einen süchtig machenden Rausch. Angesprochen hat mich auch seine Beobachtungsgabe, seine Detailverliebtheit und Selbstkritik. Die Art, auf die er die Scheinheiligkeit in der Gesellschaft wahrnimmt und benennt. Als Flame kann ich die katholische Linie aus OÖ ganz klar nach Belgien weiterziehen, und auch Therese Willstedt kennt gesellschaftliche Tendenzen, die Bernhard beschreibt, aus ihrer Heimat Schweden Da gibt es genau diese neuen Faschisten, ähnliche Parteien und auch Rhetoriken. Thomas Bernhard ist ein Autor, der es verstanden hat, das ureigene österreichische Idiom als internationales Thema zu beschreiben. Genau das macht ihn zum Ausnahmetalent, und daher funktionieren seine Texte erstaunlicherweise gut in der Übersetzung in viele Sprachen.
„Es braucht nur wenige Auslöser, damit
man den Antisemitismus wieder spürt,
weil er einfach immer da ist.“
Norman Hacker
Sie sind in Oberösterreich geboren und Bernhard hat von 1965 bis zu seinem Tod 1989 sowohl in Altmünster als auch in Ottnang und auf seinem Bauernhof bei Ohlsdorf gelebt. Kann man Bernhard besser verstehen, wenn man, so wie Sie, ortskundig ist? War er ein Produkt dieses Lokalkolorits?
NH: Sicher nicht nur, aber es hat vieles mit einer Tendenz zu tun, die wir noch als Kinder erlebt haben: Da sind Ausdrücke der Alltagssprache, die einfach aus der NS-Zeit übernommen wurden, z.B. bis zur Vergasung. Das haben wir einfach gesagt, ohne uns bewusst zu sein, woher das kommt und was das überhaupt bedeutet. Erst später hat man realisiert, was man da gesagt hat: Um Gottes Willen, fiel es einem wie Schuppen von den Augen. Weil ich in meiner Jugend eben darauf hingewiesen wurde, dass das Ausdrucksformen aus dem Dritten Reich sind, die ganz bewusst verhetzend, verletzend und menschenverachtend sind, haben wir sehr auf unsere Wortwahl geachtet. Dafür musste ich kein Hippie sein, da musste ich nur Mensch sein!
JV: Ja, das ist ganz interessant, denn Franz-Josef Murau klagt in dem Buch den Umgang miteinander an und erklärt auch, warum ihn das so traumatisiert hat. Trotzdem ist er auch Teil dieses verhetzenden, verletzenden Systems, denn er beschreibt zum Beispiel seine Schwestern nicht als Menschen, sondern als Insekten. Da gibt es noch viele andere Übertreibungen dieser Art. Bernhards Aktualität ist eindeutig bewiesen, weil er schreibt, dass die Nazis wieder an der Macht sind und als Leitfiguren betrachtet werden, und zwar sagt er klar und deutlich „nicht noch heute, sondern gerade heute“. Das ist im Buch und in der Inszenierung eine ganz prägnante Stelle. Diese Aussage macht Bernhard nicht ironisch. Wenn er da vom Schweigen über die Faschisten schreibt, die wieder da sind, sind seine Tiraden ernsthaft verfasst, sie sind voller Empörung.
Was mich bei der Aufführung irritiert hat, war die Schlusspointe: Franz-Josef Murau vererbt das Schloss Wolfsegg seinem „Geistesbruder“, dem Rabbiner Eisenberg, für die Israelitische Kultusgemeinde in Wien. Erstens, wieso „Geistesbruder“, das kann sich Thomas Bernhard doch nicht anmaßen? Wie sehen Sie beide das?
NH: Ich sehe das als ganz naive Sichtweise: als eine große Racheaktion gegen seine eigenen Leute. Was kann man dieser ganzen Brut im faschistischen Ort Wolfsegg Schlimmeres antun, als zu sagen: Ich nehme das Schloss und gebe es in die Hände der IKG, denen gehört das jetzt!
Als schlimme Draufgabe heißt es noch, „die Israelitische Kultusgemeinde hat das Geschenk angenommen“. Wir wissen, dass das Unfug ist, aber heute könnten manch Vorurteilsbeladene das sogar glauben. Das ist sehr irreführend. Dieses nicht ironisch gemeinte Ende nennt Gabi Hift von nachtkritik.de einen „philosemitischen Kitsch, der zur Strategie der Schuldabwehr einer unterschwellig antisemitischen Gesellschaft gehört“. Warum haben Sie diesen Passus ausgewählt?
NH: Ich lese das rein vom Standpunkt des Theatralischen, das ist eine Tür, die wir dem Publikum offen lassen müssen. Wir können vermeintliche Lösungen und Haltungen als unsere anbieten, auch zur Diskussion stellen, aber wie der Konsument damit umgeht, das können wir nicht mitliefern. Eine gewisse Eigenverantwortung sollte es schon geben. Sollte jemand, einen falschen Eindruck bekommen, darf ich doch annehmen, dass er im Theater keine Geschichtsstunde mit Fakten erwartet. Wir regen an, sich weiterführend zu informieren. Wie schön wäre es, sich auch mit dem Autor des Textes auseinanderzusetzen, das darf nicht nur an uns hängen bleiben.
JV: Die Erzählfigur steht ja auch für ein System, für eine Krankheit, für die zerstörte Seele, das sind nicht wir, das ist ja eine Kunstfigur. Die Ecken und Kanten einer Geschichte abzuschleifen, die so klar anfängt und so sauber abschließt, mit diesem Racheakt, dieser Ratlosigkeit, diesem Versuch sauber zu machen, dem Bemühen alles in einem tiefen Loch zum Verschwinden zu bringen – mit einer vermeintlich guten Tat, also auch mit allen Fragen, die das aufwirft – ist doch viel interessanter, als das wegzulassen oder umzubiegen. Diesen Schluss haben wir sehr bewusst wörtlich beibehalten. Darüber kann man sich aufregen, sich betroffen fühlen oder sich Fragen stellen. Wir stehen da voll dahinter.






















