Ich wähle …‏

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Es ist der Tag vor den Wahlen, an dem jedem nur eine Frage auf der Zunge brennt: Und für wen wählst du? Von Iris Lanchiano 

Es war eine Busfahrt von meiner Familie in Eilat nach Tel Aviv, wie ich sie schon so oft gemacht habe. Eine Busfahrt, über die ich in mein Tagebuch der „Geschichten aus dem Nahen Osten“ schreiben werde. Eine Geschichte über das tägliche Leben in Israel. Eine Geschichte über die Wahl.

Ich wähle für den Soldaten Uri, der keinen Bock mehr hat, in noch einen Krieg zu ziehen.

Ich tauschte mein Ticket mit einer alten Dame, die in der ersten Reihe sitzen wollte, dafür gab sie mir ihren Fensterplatz ein paar Reihen weiter hinten. Man muss verstehen, dass dies bei einer fünfeinhalbstündigen Busfahrt Gold wert ist. Fünf Reihen weiter also war mein Platz. Am Fenster saß schon jemand. Ein junger Mann in Arbeitskleidung, Ahmed war sein Name, wie ich später erfuhr. Er stellte sich schlafend. Ich tapste ihn an der Schulter an, um ihm mein Ticket zu zeigen und ihn darauf aufmerksam zu machen, dass er auf meinem Platz sitzt. Nicht sehr glücklich darüber, aber freundlich überließ er mir meinen Fensterplatz.

Auf seiner Hose waren weiße Farbflecken, und seine Hände waren sichtlich gezeichnet von Bauarbeiten. Er roch stark nach Zigaretten. Ahmed war jung, vielleicht 25. Ich knäulte meine Jacke zusammen und lehnte mich ans Fenster, um mich auszuruhen. Ahmed rutschte nervös hin und her auf seinem Sitz und führte ein Telefonat auf Arabisch, das auf einmal abbrach. Stille. Mein Kopf wanderte langsam in seine Richtung. „Scheiß Handy! Mein Akku ist leer, und das Aufladegerät, das ich gerade am Busbahnhof gekauft habe, ist kaputt. Du musst immer aufpassen bei diesen Betrügern.“ Ich schmunzelte, gab ihm Recht und drehte mich wieder zum Fenster. Während wir beim Kibbutz Yotvata vorbeifuhren, bemerkte ich, wie Ahmed sich genervt von einer Seite zur anderen drehte. Diesmal war ich diejenige, die vorgab zu schlafen, aber intuitiv drehte ich meinen Kopf wieder zu ihm. „Du bist klug. Du hast das richtige Ticket gekauft. Das ist so unbequem.“ Er erzählte mir, dass sein Auto kaputt war, mit dem er normalerweise von Beer Sheva nach Eilat fährt. Er erzählte mir, was er so macht, und ich erzählte ihm, was ich so mache. Nach unserem kurzen Gespräch sagte er: „Sorry ich wollte dich nicht von deinem Nickerchen abhalten. Du scheinst müde zu sein.“ Ich dachte nicht weiter nach, nahm meine Jacke und alles, was ich zu einem Polster zusammenquetschen konnte, und verlagerte es von der Fensterseite auf meine andere Schulter. „Hier, lehn’ dich an, so können wir beide schlafen.“ Zögerlich, aber doch neigte er seinen Kopf in die Mitte.

Wir schlummerten vor uns hin bis kurz vor Beer Sheva. Hier machte der Bus eine Pause und Ahmed musste aussteigen: „Bleibst du im Bus oder steigst du aus für die Pause?“ – „Ich bleibe hier und schlafe weiter.“ (Außerdem hatte mir meine Tante fünf Sandwiches gemacht, sollte ich bei dieser Fahrt pro Stunde Hunger bekomme.) – „Ok, warte ich, komm gleich.“ Ahmed kam mit einer Tüte Süßigkeiten von der Raststation zurück und etwas zu trinken. „Hier, das ist für dich. Vielen Dank nochmal und komm gut nach Hause.“ Er bedankte sich gefühlte 20 Mal und stieg dann aus.

Nennt mich naiv, aber Koexistenz fängt hier an.

Ich wähle für Ahmed aus Beer Sheva. Dafür, dass er das nächste Mal seinen Fensterplatz mit Esti teilt. Denn ich wähle auch für Esti, die geschieden ist, zwei Jobs und zwei Kinder hat, in Ramat Gan lebt und trotzdem jeden Monat ihren Exmann Zion, einen Busfahrer, um Geld bitten muss. Denn ich wähle auch für Zion, der zu Purim mit einer Perücke den Bus Nummer 61 fährt, um seine Fahrgäste aufzuheitern, aber wegen seinem Alkoholproblem an den Rand der Gesellschaft gerückt wird und sich den Besuch bei seiner Therapeutin Sara nicht mehr leisten kann. Ich wähle auch für Sara, die am Freitag herrlich duftende Challa bäckt, um den Sabbat zu preisen, und der äthiopischen Heimhilfe ihrer Mutter, Zoe, an Feiertagen immer ein bisschen Extrageld gibt. Denn ich wähle auch für Zoe, die neben ihrem Job als Heimhilfe auch noch im Supermarkt arbeitet und dabei Uri, den Soldaten, da­rauf hinweist, dass wenn er drei Bier kauft, eines gratis bekommt. Ich wähle für den Soldaten Uri, der keinen Bock mehr hat, in noch einen Krieg zu ziehen, und mit seiner lesbischen Kindergartenfreundin Tali endlich nach Australien reisen möchte. Und ich wähle auch für Tali, die ihren Vater bei einem Selbstmordattentat auf einen Bus verloren hat.  Ich wähle für Israel, für das Gute.

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