Im Dienst der Ärmsten

Denise Lassar hat schon viel von der Welt gesehen. Einen Großteil ihres Erwachsenenlebens hat sie im Ausland verbracht: in England, Australien, Israel, in Südamerika, Ostafrika. Die gebürtige Wienerin hat sich der Hilfe für Geflüchtete, Verfolgte, Misshandelte, Diskriminierte verschrieben.

2030
Denise Lassar hilft Menschen weltweit, menschenwürdig und frei leben zu dürfen.

Am härtesten war die Zeit im Südsudan, erzählt Lassar. Im Auftrag der UNICEF leitete die Expertin für internationale Beziehungen und Flüchtlingshilfe 2013 ein Kinderschutzprogramm in drei Flüchtlingslagern im Norden des Landes, in denen je an die 30.000 Menschen untergebracht waren. Die einzige Weiße sei sie dort gewesen. Als heftig schildert sie aber vor allem die Lebensbedingungen. „Es gab kein fließendes Wasser, keine Elektrizität, damit auch weder Toilette noch Dusche. Jeder Tag war aufs Neue ein Kampf, auch für mich, um zu sauberem Wasser und Essen zu kommen. Zwei Mal habe ich Malaria bekommen. Das war physisch und mental sehr schwierig.“

Dabei ist Lassar geeicht, wenn es um schwierige Einsätze geht. Wo andere nach wenigen Monaten hinschmeißen, behält sie die Nerven. Sie ist sich sicher, dass ihr hier ihre Kibbuzerfahrung in der Negev-Wüste das nötige Rüstzeug mitgab. Dorthin zog es sie nach ihrem Bachelor in Internationalen Beziehungen an der University of Leeds. In dem Jahr, in dem sie Ulpan machte und in einer Plastik erzeugenden Fabrik arbeitete, legte sie wohl auch den Grundstein für ihre spätere Alija. Dazwischen lagen allerdings noch ihr Masterstudium in Australien, ein Jahr in Peru, wo sie hin geheiratet hatte, sowie ihre Arbeit für die UNIDO und die Hebrew Immigrant Aid Society (HIAS) in Wien, für die sie im Rahmen eines Programmes Menschen, die einer religiösen Minderheit im Iran angehören, über Österreich die Ausreise in die USA ermöglicht.

Für HIAS war sie nach ihrer Emigration 2008 nach diversen Jobs auch in Tel Aviv tätig. Die NGO managte 2011 ein Rückkehrprogramm für aus dem Südsudan Geflohene. Eine Rückreise über den Sinai und Ägypten wäre zu gefährlich gewesen. So wurden die Rückkehrer – der Südsudan war inzwischen unabhängig geworden – in ihre Heimat ausgeflogen. „Das war ein sehr interessantes Projekt.“ Dabei habe sie Interviews mit vielen Südsudanesen geführt. Vielleicht auch deshalb habe sie später die schwierige Aufgabe im Südsudan übernommen. „Ich hatte schon so viel von dem Land gehört und war neugierig. Außerdem hatte ich zu dem Zeitpunkt schon Erfahrung darin, im Nirgendwo zu sitzen.“

Nirgendwo, auf Suaheli Kakuma: So hieß das Flüchtlingslager in Kenia, in dem Lassar nach Ende des Rückführungsprogrammes für Südsudanesen aus Israel zwei Jahre lang Interviews für das Resettlement-Programm des UNHCR gemacht hat. Anders als später im Südsudan hatte sie hier ihr eigenes kleines Zimmer in einem Container, anders als im Südsudan hatte sie auch immer ausreichend zu essen, „auch wenn es meist Reis mit Bohnen gab“. 600.000 Menschen leben in diesem Camp, viele von ihnen seit mehreren Jahren. Auch anerkannten Flüchtlingen ist das Arbeiten in Kenia nicht erlaubt. Die Menschen dürfen offiziell nicht außerhalb der Flüchtlingslager leben. Das gilt auch für Kinder, die bereits in Kenia zur Welt kamen. Zwei Mal im Monat werden über das World Food Program Nahrungsmittel verteilt. „Sie decken aber den Bedarf nicht ab, die Menschen haben zu wenig zu essen.“ Entsprechend groß sind die Hoffnungen in das Resettlement-Programm.

»Jeder Tag war aufs Neue ein Kampf, auch für mich, um zu sauberem Wasser und Essen zu kommen. Zwei Mal habe ich Malaria bekommen.«
Denise Lassar

Doch auch wenn jedes Jahr einige tausend Menschen in ein drittes Land auswandern dürfen – am Ende ist es nicht mehr als ein Prozent der in Kakuma Lebenden. Bis es soweit ist, müssen auch sie Jahre im Nirgendwo verbringen, wo es zwar ein paar Volksschulen, aber nur wenige weiterführende Schulen gibt und wo die Neuangekommenen in Zelten, die anderen in selbst errichteten Hütten aus Ästen und Planen oder Wellblech oder in Lehmhäusern leben.

Wer einen Termin bei den Interviewern des UNHCR ergattert, der muss bereits als Flüchtling anerkannt sein. Doch das liegt bei den meisten schon ein paar Jahre zurück. Auch von der Registrierung bis zur Anerkennung hatte es da schon ein paar Jahre gedauert. „Es ist ein sehr langwieriger Prozess.“ In dem Interview muss man seinen Fluchtgrund glaubhaft machen. Dokumente können dabei die wenigsten vorlegen. „Wir mussten uns daher auf die Interviews mit aktuellen Informationen zu den Herkunftsorten der Menschen vorbereiten.“ Nur so sei herauszufiltern gewesen, ob der Betreffende die Wahrheit sage oder eine erfundene Geschichte auftische. In Kakuma sei aber das Gros der Hilfe Suchenden als Flüchtlinge anerkannt worden.

Isoliert in Kakuma. Lassar schrieb nach den Gesprächen, die oft mehrere Stunden dauerten, Berichte, die dann jenem Land vorgelegt wurden, in dem für den Betreffenden am ehesten eine Chance bestand, aufgenommen zu werden. Aufnahmeländer wie die USA, Kanada oder skandinavische Staaten haben teils unterschiedliche Schwerpunkte, nach denen sie Menschen für das Resettlement-Programm aussuchen. Holland unterstütze zum Beispiel Geflüchtete, die Verfolgung auf Grund ihrer sexuellen Identität ausgesetzt waren. Andere Staaten nehmen sich besonders alleinerziehender Frauen oder Folteropfer oder wegen ihrer Religion Verfolgter an. Entsprechend ordnete Lassar die Fallgeschichten jenem Land zu, in dem sie die größte Chance für die Interviewten sah. Die eigentliche Entscheidung lag aber bei der jeweiligen Regierung. Österreich beteiligt sich aktuell übrigens nicht an diesem Drittansiedlungsprogramm – mit Ausnahme von ein paar hundert christlichen Flüchtlingen aus Syrien, die zwischen 2013 und 2017 aufgenommen wurden.

Besonders schwer zu ertragen seien die Lebensgeschichten der Menschen aus dem Kongo gewesen: „Das waren meistens Folteropfer oder Opfer von brutalen sexuellen Übergriffen.“ Supervision für die Helfer gebe es keine. Manche Expats trinken daher zu viel, erzählt Lassar. Ihr Weg, damit umzugehen, sei gewesen, regelmäßig zu laufen. „Aber so mancher hält das nicht aus. Wir konnten Kakuma ja auch nur alle zwei Monate verlassen. Man kommt sich sehr isoliert vor.“

Nach zwei Jahren in dem riesigen Camp ging Lassar für ein Jahr nach Nairobi. Dort dürfen zwar offiziell keine Geflüchteten leben, de facto versuchen aber dennoch einige Hunderttausende, sich dort ein freieres Leben als in einem der Lager aufzubauen. Auch dort versuchte sie, für Flüchtlinge einen Platz in einem Drittland zu bekommen. Da Flüchtlinge in Nairobi illegal leben, bedeutete das aber auch oft, sich auf die Suche nach Menschen zu begeben. „Da musste ich auch in die Slums gehen und Leute suchen.“ Auch diese Zeit sei aber sehr spannend gewesen. Darauf folgte die Mission im Südsudan.

Heute ist Lassar in Wien stationiert, reist aber weiter viel – jedenfalls bis vor Kurzem, denn aktuell ist sie nach der Geburt ihres Sohnes in Karenz. Für die UN Migration Agency IOM in Wien (International Organisation for Migration) leitet sie Programme, die gegen Menschenhandel in Osteuropa, Südosteuropa und Zentralasien kämpfen. Das wird sie auch nach ihrer kurzen Babypause tun – sollte sie sich nicht dafür entscheiden, zum Vater ihres Kindes nach Holland zu übersiedeln. Aber vielleicht zieht es auch ihren Partner nach Wien. Noch sei alles offen, „und irgendwie ist immer alles chaotisch in meinem Leben.“

Was ihr in ihrem Leben aber immer Halt gibt, ist ihre jüdische Identität, betont sie. Sie sei zwar nicht religiös, aber die Alija sei ihr ein Anliegen gewesen, und Pessach, Chanukka, die hohen Feiertage feiert sie immer. Auch als sie in Afrika lebte. „Da haben auch alle immer positiv reagiert, da gab es nie Probleme.“ Gerade in Ostafrika gebe es da wenige Vorurteile. Insgesamt sei Afrika von der Mentalität der Menschen Europa näher als zum Beispiel Asien, meint Lassar. Im Rahmen eines Projekts habe sie auch eine Zeit lang in Afghanistan verbracht. Das sei aber so gar nicht ihres gewesen. 


Denise Lassar,

geb. 1981 in Wien, Bachelor in „Internationale Beziehungen“ an der University of Leeds in England, währenddessen ein Auslandsjahr in Chile. Anschließend ein Jahr in einem Kibbuz und ein Master im Bereich internationale Entwicklung in Sydney, Australien. Dort lernt sie ihren späteren Mann kennen und zieht mit ihm nach Peru. Nach einem Jahr Rückkehr nach Wien, hier zunächst im Rahmen eines Projekts für die UNIDO tätig, anschließend Tätigkeit für die NGO HIAS (Hebrew Immigrant Aid Society) in Wien. Nach der Scheidung macht sie 2008 Alija und ist in Israel ab 2011 wieder für HIAS tätig. Schließlich Wechsel nach Afrika: Zwei Jahre interviewt sie für ein Resettlement-Programm Flüchtlinge im Camp Kakuma in Kenia, ist danach ein Jahr in Nairobi in der Flüchtlingshilfe tätig. Ihre bisher schwierigste Mission führte sie in den Südsudan, von der sie 2013 nach Österreich zurückkehrte. Hier ist sie heute bei der UN Migration Agency IOM tätig. Kürzlich kam ihr erstes Kind zur Welt. Ihr jetziger Partner lebt in Holland, und das Paar pendelt.

 

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