„Im Judentum muss Heimat kein konkreter Ort sein.“

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Barbara Staudinger forscht seit 20 Jahren zur jüdischen Geschichte. 2005 bis 2007 war sie Kuratorin am Jüdischen Museum München, zuletzt verantwortete sie Chapeau! Eine Sozialgeschichte des bedeckten Kopfes im Wien Museum. Aktuell arbeitet Staudinger an der Neugestaltung der österreichischen Ausstellung im Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau.

Redaktion und Fotografie: Ronnie Niedermeyer

WINA: Was fasziniert dich so am Judentum?

Barbara Staudinger: In meinem Geschichtsstudium habe ich mich allgemein mit Minderheiten auseinandergesetzt. Nach meinem Abschluss wurde ich eingeladen, an einem Forschungsprojekt zu jüdischer Geschichte mitzuarbeiten. Mit dem Judentum hatte ich bis dahin noch nichts zu tun gehabt, merkte aber schnell: Alles, was mich interessiert – Kulturgeschichte, Religionsgeschichte, Minderheitengeschichte – ist in der jüdischen Geschichte vereint. Insofern wuchs aus einem Zufall heraus eine große Liebe. Während meiner Arbeit habe ich dann berufsbegleitend Judaistik studiert und die hebräische Sprache gelernt.

„Kulturgeschichte, Religionsgeschichte, Minderheitengeschichte
– all das ist in der
jüdischen Geschichte vereint.“

Du arbeitest gerade an einer Ausstellung in Auschwitz …

❙ Das ist eine Länderausstellung innerhalb des staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau. Seit 1957 haben alle „Opferländer“ die Möglichkeit, Länderausstellungen in einzelnen Häftlingsblocks zu machen. Deutschland darf nicht teilnehmen, Österreich schon. Die neue Ausstellung hatte die Auflage, nicht nur die Geschichte der Opfer, sondern auch die der Täterinnen und Täter zu erzählen. Daraus ist ein Langzeitprojekt geworden, das 2016 hätte eröffnen sollen, aufgrund der Renovierung des Blocks aber auf Herbst 2018 verschoben wurde.

Als Kuratorin dieser Ausstellung beschäftigst du dich also auch mit den Tätern?

❙ Tätergeschichte ist nicht mein Forschungsgegenstand, ich halte das auch schlecht aus. Aber ja, wir alle haben uns auch mit Tätergeschichte auseinandergesetzt. Und obwohl wir mit vielen Opferfamilien persönlich sprechen konnten, verweigerten die Familien der Täter jeden Kontakt. Dabei wäre die Mitwirkung an einer solchen Ausstellung gerade für die späteren Generationen eine Möglichkeit, sich ihrer Geschichte zu stellen. Neulich gab es eine Publikation vom Institut für jüdische Geschichte Österreichs, an dem ich sehr lange gearbeitet habe. Es ging um die Schoah im Familiengedächtnis, und zwar sowohl bei Täter- als auch bei Opferfamilien. Man sieht ganz unterschiedliche Wege, wie Menschen vor allem in dritter Generation ihre Familien zur Rede stellen. Natürlich lassen Täter- und Opfergeschichten sich nicht vergleichen. Was aber vergleichbar ist, ist das große Schweigen in der Familie.

In dem Buch Salon Austria legst du dar, inwieweit die Wiener Kultur eigentlich eine jüdische Kultur sei. Gilt das nicht genauso für einige andere große Städte?

❙ Was macht Wien besonders? Eigentlich nichts. Wie du schon richtig sagst, würde auch die Kultur in London, Berlin und Budapest ohne den historischen jüdischen Einfluss heute ganz anders aussehen. Das Besondere an Wien ist, dass sie um die Wende zum 20. Jahrhundert die Hauptstadt eines multinationalen Reichs war. Die Juden und Jüdinnen, die nach Wien migriert sind, stammten aus der ganzen Habsburgermonarchie. Um 1900 hatte Wien die drittgrößte jüdische Gemeinde Europas, jeder hatte einen jüdischen Nachbarn. Es war eine große und blühende Gemeinde, die durch Diversität geprägt war – „das“ Wiener Judentum gab es nie.

Was müsste Wien tun, um wieder zu einem Anziehungspunkt für Juden aus aller Welt zu werden?

❙ Die Lage in Berlin beweist: Eine junge und pulsierende Stadt, in der jeder seinen Lebensstil verfolgen kann, wird auch von Juden angenommen. Gerade in den letzten Jahren hat auch Wien sich stark in diese Richtung entwickelt. Heute ist sie eine vielfältige, wachsende Metropole mit Platz für ganz unterschiedliche Leute. Hoffen wir, dass dieser Trend die aktuellen politischen Entwicklungen in Europa überlebt.

Würdest du sagen, dass jüdische Kultur eine Kultur der Diaspora ist?

❙ Zum Teil. Wenn auch bei jüdischer Kultur die Diaspora im Vordergrund steht und wenn mit israelischer Kultur nicht nur jüdische Kultur gemeint ist, gibt es auch jüdische Kultur in Israel, die unter anderem durch Alija und Zionismus geprägt ist. Aber dass Heimat im Judentum nicht immer ein konkreter Ort sein muss, zeigt sich schon in der Praxis: Eine Thorarolle kannst du mitnehmen. Die kannst du woanders hinbringen, und dann hast du dort ein Bethaus. Eine Kirche wirst du schwer auf ein Rollwagerl stellen können. Und warum ist das Judentum zu einer reinen Schriftreligion geworden? Aufgrund der Diaspora. Jüdische Kultur besteht zwar nicht nur aus Diaspora – aber im Gegensatz zu manch anderen Kulturen gibt es im Judentum biografisch und psychologisch so viel mehr, das mit Heimatverlust und Trennungsschmerz zu tun hat.

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