„Im KHM habe ich mich bis heute nicht beworben.“

JULIA MASHKOVICH wurde 1975 in Moskau geboren und emigrierte als Fünfzehnjährige im Juni 1991 aus der UdSSR nach Israel. Nach einem Studium der Kunstgeschichte an der Hebräischen Universität in Jerusalem mit Studienaufenthalten in Österreich, Deutschland und der Schweiz zog sie mit ihrem Partner 2008 nach Wien, wo sie einige Jahre als Konzertveranstalterin arbeitete. 2010 heirateten sie, im selben Jahr wurde ihre erste Tochter geboren. Seit der Geburt der zweiten Tochter 2017 nimmt sie eine berufliche Auszeit.

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© Ronnie Niedermeyer

Es war ein schrecklicher Juni: Jeden Tag haben rund 10.000 Menschen die Sowjetunion verlassen, um in das Gelobte Land einzuwandern. Bei der Ausreise mussten sie ihren sow­jetischen Pass abgeben – als Staatenlose in Israel angekommen, bekamen sie dann ein sogenanntes Sal Klita, eine Art finanzielles Willkommenspaket. Niemand wusste, ob sie nach der bevorstehenden Auflösung der UdSSR immer noch diese finanzielle Unterstützung von Israel erhalten würden. Also stürmten sie in den Sommermonaten massenhaft zur Grenze – so auch meine Mutter und ich. Zuerst ging es mit dem Zug nach Budapest, wo wir drei Tage lang in einem Flüchtlingslager für Ex-Sowjets angehalten wurden. Danach konnten wir endlich per Flugzeug weiter nach Tel Aviv. In Moskau wurde ich in eine sehr bildungsbürgerliche Familie hineingeboren: Uniprofessoren, Schauspieler, Drehbuchautoren, Ärzte … Die ländliche Kleinstadt Jokne’am, in die wir zu Verwandten meiner Mutter zogen, war freilich alles andere als Moskau. Ich war 15 Jahre alt, ein Großstadtmädchen mit eigenen Interessen und Vorstellungen. Schon nach einer Woche boten andere Familienmitglieder – Nachfahren des israelischen Politikers Kadish Luz – an, mich unter ihre Fittiche zu nehmen. Sie ermöglichten mir den Besuch eines Kunsttagescamps, der meine bestehende Faszination für die Malerei weiter beflügelte. Diese Verwandten vermittelten uns dann auch einen Platz im Kibbuz Yagur und meiner Mutter eine Anstellung in der dort ansässigen Chemiefabrik. Doch mich zog es an die WIZO Academy of Design and Education im 40 Minuten entfernten Haifa. Meine Mutter sparte sich dafür das Geld vom Mund ab, und ich blieb bis zur Reifeprüfung, die von einer Kommission der berühmten Kunstuni Bezalel in Jerusalem abgenommen wurde. Diese lud mich ein, dort zu studieren – allerdings fühlte ich mich von zeitgenössischer Kunst nicht angesprochen und begann 1996 an der Hebräischen Universität in Jerusalem ein Studium der Kunstgeschichte. Dieses Fach erforderte das Beherrschen einer Fremdsprache, um Standardwerke im Original lesen zu können. Meine ursprüngliche Aversion gegen die deutsche Sprache – geprägt sowohl durch die Sowjets wie auch durch viele Israelis – verflüchtigte sich, nachdem mir 2001 das neu eröffnete Center for Austrian Studies ein Stipendium für Klagenfurt genehmigte. Dank einer tollen Lehrerin konnte ich nach drei Wochen schon ganze Sätze formen und habe mich in die Sprache förmlich verliebt. Vor meinem Rückflug aus Wien verbrachte ich mehrere Tage im Kunsthistorischen Museum und träumte davon, dort eines Tages Ausstellungen zu kuratieren. In Israel zurückgelangt, bewarb ich mich für jedes Deutschstipendium, das dort ausgeschrieben wurde. So konnte ich 2002 in Heidelberg, 2003 in Wien und 2004 in Zürich meine Sprachkenntnisse weiter verbessern. In der Schweiz blieb ich gleich ein ganzes Jahr, um an einem Studentenaustausch teilzunehmen. 2008 schloss ich endlich mit einem Master of Arts ab. Nach einem Rendezvous mit meinem zukünftigen Ehemann im Sinai – bereits 2002 hatten wir uns in Heidelberg kennengelernt, damals waren wir beide noch in anderen Beziehungen – zogen wir gemeinsam nach Wien. 2010 kam hier unsere Tochter auf die Welt. Während mein Mann als Softwareentwickler für ein großes Unternehmen arbeitete, jobbte ich 2015 bis 2017 als Konzertveranstalterin für Clubs und brachte einige skandinavische, russische, und israelische Bands nach Wien. Seit 2017 unsere zweite Tochter geboren wurde, bin ich wieder hauptberuflich Mama. Im Kunsthistorischen Museum habe ich mich bis heute nicht beworben.

Tipp: Die Steinhofgründe sind für mich zu Fuß erreichbar, wir haben fast alle Geburtstage unserer älteren Tochter hier gefeiert. Bei jeder Gelegenheit spaziere ich zwischen den alten Bäumen. Es ist ein Privileg, direkt in einer Metropole eine so tolle Naturlandschaft genießen zu können: Wien, die Waldstadt!

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