„Im NS-Regime galt der Mensch und nicht das Werk als entartet“

Ursula und Marie-Valerie Hieke leiten die gleichnamige Galerie, die sich auch vergessenen Künstlerinnen und Künstlern von 1900 bis 1980 widmet. Peter Hieke konnte den jüdischen Keramikkünstler George Karau wiederentdecken.

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Die Galeristinnen. Marie-Valerie und Ursula Hieke vor dem Werk Stillleben mit Tontopf und Früchten, signiert, Öl/Leinwand von Broncia Koller-Pinell. © Reinhard Engel

Ähnlich wie viele der Künstlerinnen, die sie erforschen, ausstellen und verkaufen, gibt das weibliche Führungsduo der Galerie Hieke jene Ziele nicht auf, die es sich gesteckt hat. Kann man während der Covid-Krise keine große Eröffnung veranstalten, dann organisieren Ursula und Marie-Valerie intime Präsentationen für Kleingruppen und stellen virtuelle Rundgänge online.
So konsequent, wie die Malerinnen im angehenden 20. Jahrhundert, die bis 1919 an den Kunstakademien nicht studieren durften und sich andere Wege zur Realisierung ihrer beruflichen Träume suchen mussten, konzentriert sich Ursula Hieke seit 40 Jahren auf die österreichische Kunst von 1900 bis 1980. Nach dem Doktorat in Kunstgeschichte erwarb sie erste Erfahrungen in einem Auktionshaus und machte sich bereits 1980 mit einer kleinen Galerie neben der Votivkirche selbstständig. Nach knapp vier Jahren wurden die Räumlichkeiten schon zu klein, und der Kunsthandel Hieke eröffnete in der Wiener Grünangergasse mit dem Programmschwerpunkt klassische Moderne. Neben renommierten heimischen Künstlern fanden vor allem auch unbekannte und zu Unrecht in Vergessenheit geratene Malerinnen und Maler hier die ihnen bis dahin verwehrte Aufmerksamkeit.
„Meine Motivation, mich diesen vernachlässigten Talenten zu widmen, war sicher meinen Erfahrungen im Aktionswesen geschuldet: Da haben nur sogenannte ‚große Namen‘ gute Preise erzielt, viele Werke von qualitätsvollen Künstlern wurden weit unter ihrem Wert geschlagen“, erzählt die Galeristin. „Dazu gehörten hauptsächlich Frauen – das ist leider heute auch noch so. Da habe ich mir gedacht, das wäre doch eine feine kleine Nische, die man ausfüllen könnte, nach dem Motto: Qualität vor Preis.“

»Da habe ich mir gedacht, das wäre doch eine feine kleine Nische, die man ausfüllen könnte,
nach dem Motto: Qualität vor Preis.«
Ursula Hieke

Sichtbar machen. Als selbstbewusste Frau ärgerte es Ursula Hieke besonders, dass sowohl in der kunsthistorischen Aufarbeitung wie auch öffentlichen Wahrnehmung der Wiener Moderne wiederholt nur die Namen Klimt, Schiele und Kokoschka auftauchten, alle anderen aber einfach nicht genannt wurden oder gar nicht bekannt waren. „Wer Broncia Koller-Pinell überhaupt ist, deren Werke heute in jedem Museen hängen, musste ich damals erst erklären. Das Gleiche galt auch für andere Namen, vor allem auch für die Zwischenkriegszeit, in der viele jüdische, aber auch antifaschistische Kunstschaffende fliehen mussten oder im Exil ihre einzige Überlebenschance sahen“, moniert Hieke. Deshalb hat sie intensiv nach Nachlässen der „Vergessenen“ gesucht, um diese wieder sichtbar zu machen. Und das gelang ihr auch.

Peter Hieke. Der Orthopäde und leidenschaftliche Sammler mit seiner Frau und Tochter. © Reinhard Engel

Doch wer gehörte in den 1980er- und 1990er-Jahren zur Käuferschicht? „Großteils waren die Interessenten zwischen 30 und 50 Jahre alt, auch junge Paare, die mit Kunst leben wollten. Sie haben die Qualität dieser Werke und das Potenzial der Künstler*innen erkannt. Ich konnte auch schlüssig argumentieren: Ein Landschafts- oder Stillleben von Josef Dobrowsky (1889–1964) kostete damals schon 30.000 Schilling; ein ähnliches Motiv von Broncia Koller-Pinell (1863–1934) hingegen nur 5.000 Schilling. Kauft sie und glaubt an sie, war mein Credo“, so Ursula Hieke. Viele Menschen, die ihr vertraut haben, sind zu treuen Stammkunden geworden: Die Preise für Koller-Pinell sind in den letzten Jahren in die Höhe geschnellt.

Broncia Koller-Pinell zählt heute neben Olga Wisinger-Florian und Tina Blau zu den bedeutendsten Künstlerinnen Österreichs um die Jahrhundertwende. Sie durchlief mehrere moderne Kunstströmungen, vom Impressionismus über den Jugendstil bis zu Expressionismus und Neuer Sachlichkeit.
Geboren wird sie als Bronisława Pineles 1863 im damals österreichischen Galizien, wenige Jahre später zieht die Familie nach Wien. Broncias Vater kann ihr als Wollwarenfabrikant Privatunterricht im Malen bezahlen, zusätzlich studiert sie an der Damenakademie des Münchner Künstlerinnenvereins und stellt bereits mit 22 Jahren ein Gemälde aus. Es folgen Ausstellungen im Wiener Künstlerhaus, in München und Leipzig. 1896 heiratet sie den Arzt Hugo Koller und kehrt 1902 aus Nürnberg nach Wien zurück. Hier wird sie in den Kreis um Gustav Klimt und die Secessionisten aufgenommen. In ihrem Haus, eingerichtet von Josef Hoffmann und Kolo Moser, kommen regelmäßig bedeutende Künstler und Wissenschaftler zusammen.

Schale von Fritz Pohl entworfen für George Karau. ©Reinhard Engel

Bei den vergessenen Künstlerinnen waren etliche jüdischer Herkunft: Wurden sie bereits vor 1938 negiert, oder erst nach dem „Anschluss“ ausgestoßen? „Hier kamen zwei Sachen zusammen: Da Frauen zum Kunststudium nicht zugelassen waren, lief ihr Privatunterricht unter dem Titel der ‚Höheren-Töchter-Beschäftigungstherapie‘. Deshalb ging zum Beispiel Helene Funke schon 1905 nach Paris, weil sie dort studieren durfte“, erläutert Hieke. „Zweitens begann in den 1930er-Jahren die Verfolgung der „Entarteten Kunst“. Aber wir wissen heute, dass in den seltensten Fällen das Bild als entartet einzustufen war, es galt immer der Mensch als entartet, das war so brutal.“ Da Broncia Koller 1934 starb, sei ihr einiges erspart geblieben, urteilt die beherzte Kunsthistorikerin.
In Engagement und Lebhaftigkeit steht Marie-Valerie Hieke ihrer Mutter keineswegs nach. In einer kunstsinnigen Familie aufgewachsen (lesen Sie unten über Vater Peter Hieke), besuchte sie zuerst einen Kostümbildnerkurs, absolvierte ein Praktikum an der Metropolitan Opera in New York und arbeitete anschließend bei den Wiener Festwochen und bei Sotheby’s London. Schließlich eröffnete sie ihrer Mutter, dass sie doch das Studium der Kunstgeschichte aufnehmen wolle. „Mein erster aufgearbeiteter Nachlass war das Werk von Carl Krall (1891–1975), und ich hatte die großartige Chance, mit der Enkelin des Künstlers den Nachlass in Pennsylvania zu erforschen. Das war 2014, als ich für die Galerie zu arbeiten begann.“
Marie-Valerie widmet sich ihrer eigenen Generation und will aufzeigen, dass man auch mit weniger Budget bereits echte Kunst kaufen kann. „Wir haben sowohl von Peter Pálffy wie auch von André Verlon eine große Auswahl wunderbarer Lithografien und Monotypien auf Lager sowie Zeichnungen und Radierungen unserer Evergreens – von Koller-Pinell über Funke bis Ballabene –, die es den jüngeren Käufern ermöglichen, mit echten Kunstwerken zu leben.“
Ist Onlineverkauf in Zeiten wie diesen eine Option? „Als erster Anreiz kann es helfen, allerdings erleben wir, dass Kunst nur live ihre wahre und volle Wirkung erzielen kann.“ Weil die Vernissage der umfangreichen Retrospektive zu Peter Pálffy dem Lockdown zum Opfer fiel, stellten die Hieke-Galeristinnen spontan einen virtuellen Rundgang online. „Innerhalb kürzester Zeit hatten wir unglaublich viele Zugriffe und konnten so neue Kunden erreichen. Dennoch wollten sie die Werke live sehen“, berichtet Marie-Valerie. „Denn Kunst muss man sehen, fühlen, spüren.“
Nicht erst für die Vienna Contemporary 2020 beschäftigte sich Hieke mit dem jüdischen Künstler André Verlon (rec. Willy Verkauf). „Seine Biografie liest sich wie ein Thriller. Als Kind österreichischer Eltern 1917 in Zürich geboren, kommt er früh nach Wien, um 1933 bereits wieder vor den Nationalsozialisten mit seinen Eltern nach Palästina zu fliehen. Anfangs hält er sich mit Gärtnerarbeiten über Wasser, bevor er sich als Verleger für Exilliteraten einen Namen macht. Als Leiter des Free Austrian Movements möchte er das geistige Erbe Österreichs im Ausland erhalten. Erst nach seiner Rückkehr nach Wien wird er in den späten 1950er-Jahren zum Maler“, weiß Marie-Valerie. Verkauf-Verlon beeindruckte durch sein künstlerisches Werk: Er thematisierte in seinen Bildern und Schriften neben vielen gesellschaftspolitischen Anliegen immer wieder die Geschichte und das Schicksal der jüdischen Bevölkerung und dessen Verdrängung durch seine Zeitgenossen. Hieke: „Auch er selbst teilt das Schicksal des Propheten im eigenen Land: zuhause unterschätzt, aber weltweit gewürdigt.“

Drei Menschengruppen
gehöre ich
gleichzeitig an.

Als
Österreicher
kritischer Patriot.
Kein Heimatloser.
Als Jude ohne Glauben
nicht Teil eines Volkes,
sondern
einer Schicksalsgemeinschaft.

Als Sozialist geistiger Erbe
von Moses, Jesus, Marx und Lenin,
soweit ihr Vermächtnis
zum Wohl aller Menschen führt.

Drei Prüfsteine.
an denen ich mich stetig
erproben muss.
(André Verlon, 1980)


Deckeldose: Keramik G. Karau, Entwurf F. Pohl. ©Reinhard Engel

Der Keramikproduzent und sein Sammler
Der viel beschäftigte Orthopäde und leidenschaftliche Sammler entdeckte am Flohmarkt ein Keramikobjekt, das ihm gefiel, aber dessen Markensignatur er nicht kannte. Das war vor 40 Jahren der Beginn der Peter-Hieke-Sammlung von seltenen und großteils verschwundenen Kostbarkeiten. „Bei meinen Recherchen stellte sich heraus, dass die Keramiken aus den Werkstätten Karau zu den kaum beachteten und bekannten Schätzen der Blütezeit des Wiener Kunstgewerbes zu Beginn des 20. Jahrhunderts zählen“, freut sich der Besitzer von rund 120 Objekten, die von vielseitigen Grafikern und Künstlern über Auftrag des jüdischen Architekten George Karau (1876–1936) geschaffen wurden.
Genauso viele Gegenstände besitzt auch ein ehemaliger Sammler-Konkurrent und jetziger Buchautor- und Herausgeber-Kollege: Mit Franz M. Bogner gemeinsam erschien vor Kurzem das Kunstbuch Werkstätten Karau-Wien über „Kostbarkeiten der wilden 20er-Jahre“. Peter Hieke, der auch Porzellanobjekte aus der Goldscheider-Manufaktur sowie der jüdischen Wiener-Werkstätten-Künstlerinnen Vally Wieselthier und Susi Singer besitzt, hat eindeutig das Interesse an George Karau belebt; 90 ausgesuchte Werke aus den Sammlungen Bogner und Hieke sind im Buch zu sehen.
Doch wer ist dieser George Karau, der vor allem als Architekt von sozialen Wohnbauten wohl bekannt war? Der Sohn eines jüdischen Schneiders aus Berlin ließ sich um 1914 in Wien nieder, wo er zunächst als Grafiker und Illustrator arbeitete. Er entwarf Plakate für den Wahlkampf der Sozialdemokratischen Partei Österreichs 1919. Im selben Jahr gründete er die von ihm geleiteten Werkstätten Karau, die hauptsächlich kunstgewerbliche Produkte erzeugte. Karau war neben Else Feldmann, Alfred Adler, Otto Neurath und Josef Luitpold Stern Gründungsmitglied der Wiener Sektion der pazifistischen Vereinigung Clarté. Später wurde Karau als Architekt für die Stadt Wien tätig, auch gemeinsam mit Adolf Loos. Von 1922 bis 1924 war er Chefarchitekt im Baubüro des Siedlungswesen, das er u. a. gemeinsam mit Margarete Schütte-Lihotzky führte. In der Arbeiterzeitung und den Wochenschriften Die Unzufriedene und Der Kuckuck publizierte Karau Artikel über Innenarchitektur und Ästhetik. Die Werkstätten Karau haben nicht nur Keramiken, sondern auch Objekte aus verschiedenen Metallen, Silber, Holz, Textil und sogar Theaterkostüme erzeugt. Schwer verarmt starb Karau 1936.
Was hat Peter Hieke an den Karau-Keramiken besonders fasziniert? „Am meisten seine Farbigkeit. Er hat die gleichen Objekte von namhaften Designern machen lassen, aber in verschiedenen Farben und bei den Aufsätzen auch bunt gemischt. Das Seltene zu suchen, ist auch eine Herausforderung: Von Karau ist kaum noch etwas auffindbar; zuletzt wurden ein paar Stücke in Paris entdeckt.“

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