Im Prater versteckt

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© Michael Jung © privat
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Zeugnis abzulegen von den Gräuel des NS-Regimes versprach Sigmund Pluznik, als die Liquidierung des Ghettos seiner Heimatstadt Bedzin bevorstand. Dies hat der lebenslustige fast 90-Jährige mehrfach getan.
Von Esther Graf

Seine erste Erinnerung an das NS-Regime kann Sigmund Pluznik genau datieren. Es war der 4. September 1939, drei Tage nach Beginn des Zweiten Weltkriegs, als deutsche Soldaten seine Heimatstadt Bedzin (gesprochen Bendschin) besetzten. Von einem Tag auf den anderen galten Verbote für Juden, die einen normalen Alltag unmöglich machten. Der damals 15-jährige Sigmund durfte nicht mehr die Schule besuchen und ebenso wie seine Glaubensgenossen nicht mehr die Hauptstraße benutzen, geschweige denn mit der Straßenbahn fahren. Obwohl seine Eltern nicht religiös waren, sein Vater war überzeugter Sozialist, schickten ihn seine Eltern auf die jüdische Schule, während seine älteren Schwestern das neu gegründete Gymnasium Fürstenberg besuchten. Familie Pluznik gehörte mit ihrem Konfektionsgeschäft zur Mittelschicht der jüdischen Bevölkerung, die etwa zwei Drittel der Einwohner ausmachte. Schockierender als die zahlreichen Verbote war die erste Mordaktion der Nazis in Bedzin. Vier Tage nach der Besetzung trieben Wehrmachtssoldaten Juden in die Große Stadtsynagoge und steckten diese in Brand.

Versteckt in Wien.

Sigmund Pluznik schloss sich der zionistischen Jugend (hebr. haNoar haZioni) an, die ihm letztendlich das Leben rettete. Die Jugendorganisation bot geheimen Schulunterricht, an dem er zwei Jahre lang mit drei Freunden teilnahm. Sie versteckten ihre Schulhefte unter der Kleidung und trafen sich zum Lernen abwechselnd in einer Wohnung je eines Mitschülers. „Für mich war das der erste Schritt in Richtung Widerstand“, erklärt Pluznik. Diesem folgte der zweite, als die späteren Anführer des Warschauer Ghettoaufstandes Mordechai Anilewicz und Eliezer Geler im Sommer 1942 Bedzin besuchten. Sie berichteten von der Ausrottung des polnischen Judentums in den Todeslagern Majdanek, Sobibor, Treblinka und Bełżec und ermutigten zum Widerstand. Sigmund und seine Mitstreiter versuchten Waffen zu kaufen, um bei den Partisanen aufgenommen zu werden. Die Polen veräußerten diese allerdings nur zu horrenden Preisen. Deshalb brachen sie in Wohnungen deutscher Offiziere ein und stahlen die dort vorhandenen Waffen. Sich polnischen Widerstandskämpfern im Wald anschließen zu können, stellte sich als Hinterhalt der Nazis heraus. Jüdische Partisanen wurden in den Wald gelockt und erschossen. Von einer Gruppe überlebte als einziger Eisig Neumann, der nach Bedzin zurückkehrte und seine Kameraden warnte. Pluznik sollte mit der nächsten Gruppe gehen. Neumann, der heute in Israel lebt, rettete ihm und anderen jüdischen Widerstandskämpfern so das Leben. Die Jugendlichen waren gezwungen, ihre Strategie zu ändern. Ihr erklärtes Ziel war es zu überleben, um der Nachwelt berichten zu können. „Hiermit erfülle ich dieses Versprechen“, konstatiert Sigmund Pluznik und kommt auf seine abenteuerliche Flucht nach Palästina zu sprechen.

„Um Menschen zu retten, muss man kein Diplom haben oder Akademiker sein. Man muss ein warmes Herz haben“

Mit falschen Papieren gelangten er und andere aus seiner Stadt nach Österreich, wo sie als Erntehelfer in Schwechat arbeiteten. Als sie aus bis heute ungeklärten Gründen aufflogen, floh Pluznik nach Wien, wo er sich mehrere Wochen lang versteckte. Er verbrachte die Nächte im Prater unter gestapelten Stühlen. Tagsüber schlug er die Zeit in Wochenschaukinos oder in endlosen Straßenbahnfahrten tot. Das Dianabad, in dem man vier Stunden auf ein Wannenbad wartete, bot ebenso Unterschlupf. Zu einer überzeugenden Tarnung gehörte es, gepflegt auszusehen. Die tägliche Rasur wurde zu einer Herausforderung. Seine Kameraden und er suchten zu diesem Zweck jeden Morgen eine der öffentlichen Toilettenanlagen am Ring in der Nähe des Naturhistorischen Museums auf. Eines Tages lag eine gebrauchte Rasierklinge für sie bereit, die die zuständige Toi­lettenfrau dort deponiert hatte. Sigmund Pluznik ist es wichtig, an diese Dame so oft es geht zu erinnern, denn „um Menschen zu retten, muss man kein Diplom haben oder Akademiker sein. Man muss ein warmes Herz haben.“ Als er von einem Freund neue Papiere bekam, verließ er Wien und gelangte über Budapest und Konstantinopel im August 1944 nach Palästina.

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Lebenslanger Einsatz. Ob als junger Zionist im Kibbuz oder als Zeitzeuge: Sigmund Pluznik hat sich immer für jüdische Belange engagiert.
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Pluznik ging in einen Kibbuz und arbeitete auf dem Bau. Zwei Jahre nach seiner Ankunft erhielt er durch den Suchdienst des Roten Kreuzes ein Telegramm seines Vaters, der als Einziger der Familie überlebt hatte. Pluznik Senior wanderte nach Palästina aus, während der lebenshungrige Sohn nach Frankreich ging, wo er fünf Jahre lang lebte. Deutschland bot jedoch für DPs unbefristeten Aufenthalt, was für den mittlerweile erfolgreichen technischen Kaufmann nützlich war. Sigmund Pluznik übersiedelte nach Mannheim, wo er seine Frau Ruth sel. A. kennen lernte, zwei Kinder großzog und fünfzig Jahre lang lebte. Da zwei seiner drei Enkelkinder in Frankfurt leben, verlegte der stolze Großvater vor sechs Jahren seinen Wohnsitz in die Mainmetropole. Sein Versprechen, der Nachwelt von den Gräueltaten des NS-Regimes zu berichten, hat Sigmund Pluznik mehrfach eingelöst. Als Zeitzeuge gab er Spielbergs Shoah Foundation ein sechsstündiges Interview, er erarbeitete mit dem Fritz-Bauer-Institut eine Ausstellung zur Geschichte der Juden in Bedzin, und er stellt sich Gesprächen mit Jugendlichen.

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