Im Zickzack durchs Jahrhundert sausen

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Arthur Koestler, der ungarisch-deutsch-englische Autor und quecksilbrige Groß-Intellektuelle des 20. Jahrhunderts. Von Alexander Kluy 

Gibt es ein solches Leben ein zweites Mal? Zweimal die literarische Sprache gewechselt, vom Ungarischen ins Deutsche, vom Deutschen ins Englische. In diesen Sprachen fast drei Dutzend Bücher und unzählige Zeitungstexte geschrieben. Mit dem Zeppelin die Arktis überflogen. Im faschistischen Spanien der Todeszelle entkommen. Sartre mit Weingläsern beworfen, mit Camus sich geprügelt. In einem Kibbuz bis zum Umfallen gearbeitet. In die Fremdenlegion eingetreten. Romane geschrieben, dazu wissenschaftliche Studien über Kepler und Tycho Brahe und Bücher über Parapsychologie, die belächelt wurden. Sich Mystiker genannt. Kommunist gewesen. Stalin-Hasser und guter Freund George Orwells. In Ungarn gelebt, in Österreich, Deutschland, Palästina, Frankreich und Großbritannien. Russland bereist, die USA erkundet. Ein wahrlich rasender Reporter. Und ein großer Womanizer, der, wie nach seinem Tod bekannt wurde, bei Frauen auch vor Gewalt nicht zurückscheute.

„Der Klang, der am nachhaltigsten durch die Geschichte hallt, ist der von Kriegstrommeln.“ Arthur Koestler

Diebe in der Nacht. Europa Verlag (ersch. Mai 2016),  368 S.,  18,99 EUR
Arthur Koestler:
Diebe in der Nacht. Europa Verlag (ersch. Mai 2016),

368 S., 18,99 EUR
Arthur Koestler: Von weißen Nächten und roten Tagen. Promedia Verlag 2013, 176 S.,  17,90 EUR
Arthur Koestler:
Von weißen Nächten und roten Tagen.
Promedia Verlag 2013,
176 S., 17,90 EUR

„Man ist nie so neugierig auf die Zukunft der Menschheit, als wenn man in einem Käfig sitzt, von zwei Gorillas bewacht, und an alles lieber denkt als an die eigene Zukunft in den nächsten Stunden. Ich glaube, das einzige, was einen Verurteilten auf dem Weg zum elektrischen Stuhl wirklich trösten könnte, wäre die Mitteilung, ein Komet sei aufgetaucht und die Welt gehe am nächsten Tag zugrunde; dann wüsste er: Ich habe nichts versäumt.“ Kaum etwas versäumt und ausgelassen hat der 1905 in Budapest geborene Arthur Koestler. Und neugierig war der körperlich nicht Großgewachsene in einem atemberaubenden Übermaß. In Diebe in der Nacht schildert er großartig die Gründung Israels. Sonnenfinsternis ist noch heute eine der besten Schilderungen des Totalitarismus. Dessen strikte Ablehnung führte Koestler, nie um einen Streit verlegen, 1950 auf dem Kongress für kulturelle Freiheit wortgewaltig aus. Jede Nuancierung des frontalen Gegensatzes zwischen dem freien Westen und dem Kommunismus sei dumm, nein: töricht, nein: amoralisch. Ein Neutralitätskurs zwischen den Blöcken? Von bestürzender Dummheit. Die so genannten Neutralisten, die für solch einen Versöhnungsmittelweg eintraten? Für Koestler, den boshaften Polemiker, „Halbjungfrauen der Demokratie“.

In einem Interview mit der Paris Review antwortete er auf die Frage, wer die aufregendste Persönlichkeit gewesen sei, der er, Koestler, begegnet sei, überraschend – Vladimir Jabotinsky, der radikale Zionist.

Am Ende wählte der schwer an Parkinson erkrankte Autor, stellvertretender Vorsitzender der Freitodvereinigung „Exit“, mit seiner um einiges jüngeren Frau den Suizid. In seinem Buch Der Yogi und der Kommissar schrieb Koestler 1945: „In einer Zeit, in der die Fackel des Glaubens erloschen ist, bleibt als einzige Hoffnung das Kerzenlicht. Arthur Koestler starb am 1. März 1983 in London.

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