WINA: Sie sind selbst seit vielen Jahren glücklich verheiratet. Wie kommt man da auf die Idee, einen Scheidungsratgeber zu schreiben?
Daniela Davidovits: Ich habe über die Jahre viele Familien erlebt, die mit Scheidungen konfrontiert waren, einerseits im privaten Kontext, andererseits im beruflichen. Und ich habe gesehen, was es mit Familien macht, wenn die Emotionen hochgehen und die Kinder, aber auch die Erwachsenen damit ziemlich allein sind. Da entsteht oft eine Spirale der Katastrophe. Als Beraterin und Journalistin habe ich mir überlegt, was Menschen in dieser Krisensituation brauchen. So entstand die Idee für dieses Buch.
Beraten Sie auch Paare, die sich scheiden lassen, im Sinn von Mediation – oder arbeiten Sie dann nur mit einem der beiden Ehepartner?
I In der Regel mache ich hier Einzelberatungen; es kommt also entweder der Mann oder die Frau – meist sind es eben auch Väter oder Mütter – zu mir, um ihre Sichtweise zu besprechen und zu reflektieren. Ich biete aber auch Paarberatungen an, bei diesem Thema suchen aber eher Einzelpersonen nach meiner Unterstützung. In der gemeinsamen Arbeit merkt man sehr rasch, wie die Betroffenen einen anderen Zugang bekommen, wie sie sich, den Ehepartner, die Ehepartnerin und das ganze Familiensystem anders wahrnehmen und dann auch anders mit der Situation umgehen können, wenn sie das in einem professionellen Rahmen reflektieren. Und das ist schön zu sehen.
Wen möchten Sie mit diesem Ratgeber ansprechen – Menschen, die bereits wissen, dass sie sich scheiden lassen möchten, oder solche, die sich noch nicht sicher sind, ob ihre Beziehung wieder gekittet werden kann oder eben nicht?
I Es gibt auf dem Markt sehr unterschiedliche Bücher zum Thema, von Titeln à la So rette ich meine Beziehung bis hin zu rechtlichen Scheidungsratgebern. Ich setze bei Menschen an, die noch nicht ganz sicher sind, wie es weitergehen soll. Deshalb widmet sich auch das erste Kapitel der Frage, wie erkenne ich, ob es Zeit ist, die Beziehung zu beenden, oder gibt es noch die Chance, die Ehe zu retten. Eine Scheidung ist ja nichts, wozu man sich leichtfertig entscheiden sollte. Es werden aber vielleicht auch Leute mein Buch lesen, die vor diese Entscheidung gestellt wurden, diese Fälle gibt es ja auch. Sie werden von ihrem Partner informiert, dass dieser die endgültige Trennung möchte, und sie stehen dann da, und eine Welt ist für sie zusammengebrochen. Sie stehen dann plötzlich vor so vielen Themen und fühlen sich wie von einem Tsunami überrollt. Alle, die sich in Richtung Scheidung bewegen, möchte ich mit dem Buch jedenfalls schrittweise durch die Phasen der Trennung und Scheidung begleiten und dabei vermitteln: Es gibt auch ein Leben danach.
Es gibt gesellschaftlich zwei Extrempole: von wenn man verheiratet ist, dann bleibt man es auch und rauft sich zusammen, bis zu der Position, zuallererst auf sich und sein eigenes Befinden zu achten. Jede Person hat ein persönliches Umfeld, das auch gerne in die eine oder andere Richtung Druck macht. Wann ist jedoch eine Trennung die beste Lösung oder sogar unumgänglich?
I Diese Frage stellen sich viele, und ja, da kommt immer auch noch ein Umfeld dazu, das Erwartungen in die eine oder andere Richtung formuliert. Das Judentum hat da, wie ich finde, einen ganz guten Weg gefunden, weil es einerseits versucht, die Familie stabil zu halten, andererseits sowohl die Halacha als auch die Rabbiner einsehen, dass, wenn es nicht mehr geht, es eben nicht mehr geht. Und dann ist es auch besser, einen strukturierten Ausstieg zu schaffen nach Regeln, die für einen Ausgleich sorgen, damit es für alle einen Neuanfang geben kann. Wie lange man letztendlich trotzdem in einer Beziehung bleibt, auch wenn man weiß, dass sie nicht gut läuft, hängt aber auch von Faktoren wie etwa der finanziellen Absicherung ab. Grundsätzlich eine rote Linie ist Gewalt in der Familie.
„Was sich jedenfalls beobachten lässt:
Es kommt inzwischen in der jüdischen Gemeinde
zu mehr Scheidungen als noch vor zehn Jahren.“
Sprechen Sie hier von physischer Gewalt oder auch von psychischer Gewalt?
I Ich spreche von beidem. Es ist eindeutiger, wenn es um physische Gewalt geht, aber es gibt auch zunehmend ein besseres Verständnis dafür, wie belastend auch psychische Gewalt sein kann. Wenn in einer Beziehung der Selbstwert eines Partners auf Dauer geschädigt wird, dann ist diese Ehe nichts, was Zukunft hat.
Sie haben bereits die jüdische Perspektive auf Scheidung angesprochen. Empfehlen Sie hier eher, das Rabbinatsgericht anzurufen oder den zivilrechtlichen Weg zu beschreiten?
I Ich will hier gar nicht zu sehr ins Rechtliche gehen. Was mir meine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema, nicht zuletzt durch die Recherchen für dieses Buch gezeigt hat, ist, dass es wichtig ist, gut durch eine Scheidung begleitet zu werden. Und ein Rechtsanwalt ist da nicht unbedingt der beste Ansprechpartner. Der Prozess gelingt besser, wenn man im Umfeld Ansprechpartner hat, die einen reflektierten Zugang zur Scheidung ermöglichen. Was sich jedenfalls beobachten lässt: Es kommt inzwischen in der jüdischen Gemeinde zu mehr Scheidungen als noch vor zehn Jahren. Das Thema ist daher auch bei den Rabbinern angekommen, und zwar nicht nur in Fällen von Störung des Shalom Bait. Rabbiner sehen inzwischen, wann es nicht mehr geht und dass eine Scheidung dann einfach notwendig ist.
Zieht sich diese Tendenz, sich öfter als bisher scheiden zu lassen, durch die ganze Gemeinde, oder betrifft das nur Teile?
I Es zieht sich quer durch. Ich habe dazu ein langes Gespräch mit einem Rabbiner geführt und fand es interessant, dass sich unser beider Beobachtungen gedeckt haben. Es zeigt sich hier ein bestimmtes Muster: Es sind immer wieder jüngere Frauen, die zum Beispiel mit 20 geheiratet haben und sich nun mit 30 scheiden lassen wollen. Sie meinen, es passt nicht mehr. Sie haben sich entwickelt und ein neues Selbstverständnis bekommen – ihre Männer aber nicht. Und dann funktioniert das Gleichgewicht in der Partnerschaft nicht mehr gut.

Daniela Davidovits: Scheidung, aber richtig! 100 Fragen,
die Sie jetzt beschäftigen.
Linde 2025, 252 S., 29 €
Der Ratgeber von Daniela Davidovits deckt alle relevanten Aspekte des Themas ab: rechtliche ebenso wie finanzielle oder psychologische. Checklisten und Übungen erleichtern Paaren, sich durch die verschiedenen Phasen einer Scheidung zu hanteln. Beispiele illustrieren, wie Situationen gut gehandelt werden können, aber auch, welche Fallen es zu vermeiden gilt. „Ich nehme die Leser und Leserinnen sozusagen mit meinem Buch an der Hand und begleite sie durch den ganzen Prozess einer Trennung und Scheidung“, betont die Autorin.
Hat das mit höheren Bildungsabschlüssen zu tun?
I Nicht nur. Es hat vor allem mit einem modernen Rollenbild zu tun und dass auch Frauen in einem konservativen Umfeld erkennen, dass sie als Frau einen Wert haben und ein Recht auf eine Beziehung, in der sie gesehen werden. In den Generationen davor haben viele Frauen das einfach hingenommen und wurden oft auch von ihren Eltern darin bestärkt, sich nicht scheiden zu lassen. Da hat sich inzwischen etwas geöffnet.
Haben Sie den Eindruck, dass sich hier auch bei den Rabbinern insofern etwas bewegt hat, als sie dazu raten, nicht zu früh zu heiraten und die Partnerwahl bewusster vorzunehmen?
I Ich glaube, da habe ich als säkular lebende Frau einen ungewöhnlichen Zugang. Ich glaube, dass die Vorbereitung auf eine orthodoxe oder religiöse Hochzeit zum Teil sehr genau erfolgt. Zum Teil sogar genauer, als wenn jemand sich verliebt und nach einem Jahr heiratet und dann irgendwann feststellt, dass man ganz unterschiedlicher Meinung beim Thema Kinderkriegen ist. In der orthodoxen Community werden Ziele wie dieses sehr genau aufeinander abgestimmt.
Ersetzt die Einigkeit bei solchen quasi Sachthemen aber wirklich Sympathie?
I Es wird ja schon auch abgeklopft, ob die Chemie stimmt. Aber was natürlich passieren kann: dass man, wenn man früh heiratet und erst in den ersten Ehejahren so richtig erwachsen wird, einen anderen Blick auf Dinge bekommt. Vielleicht ist dann etwas, das einem früher wichtig war oder einen sogar beeindruckt hat, nicht mehr so wichtig. Wenn sich zwei junge Menschen entwickeln, kann es also passieren, dass sie sich in unterschiedliche Richtungen entwickeln, und dann wird die Diskrepanz manchmal so groß, dass sie merken, es passt nicht mehr.
Bleiben wir in der jüdischen Gasse. Gibt es auch hier furchtbare Schlammschlachtscheidungen, oder schaffen es die Rabbiner, das zu ordnen und abzufedern?
I Ich denke, es gibt immer beides. Man muss auch sagen, dass viele Paare sich immer noch bemühen, dass so eine Scheidung unter dem Radar abläuft und es nicht viele Leute rundherum mitbekommen. Das Scheitern einer Ehe wird immer noch von vielen als Misserfolg gesehen.
„Was eine Scheidung wahnsinnig belastend macht,
und das umso mehr, wenn Kinder da sind:
dass man eine bestimmte Vorstellung
von einem gemeinsamen Leben gehabt hat
und sich von dieser Vorstellung
verabschieden muss.“
Ist eine gescheiterte Ehe ein Misserfolg? Oder warum ist es kein Misserfolg?
I Was eine Scheidung wahnsinnig belastend macht, und das umso mehr, wenn Kinder da sind: dass man eine bestimmte Vorstellung von einem gemeinsamen Leben gehabt hat und sich von dieser Vorstellung verabschieden muss. Man hat sich etwas vorgenommen, ein gemeinsames Leben geplant, und das zerbricht. Es ist auf jeden Fall eine Zäsur, weil es das nicht mehr gibt, was man haben wollte.
Abseits dessen: Eine Scheidung passiert nicht von einem Tag auf den anderen, so etwas bahnt sich an und baut sich auf. Und da geht es auch nicht um Schuld, aber vielleicht um die Frage, was man an welchem Punkt anders hätte machen können. Und steht dann fest, dass Scheidung die beste Lösung ist, ist es für beide Partner gut zu reflektieren, was sie selbst anders machen hätten können, was kann man daraus für sich mitnehmen, damit nicht noch eine Beziehung scheitert.
Aber eine gescheiterte Ehe ist nicht per se ein Misserfolg.
I Nein. Aber es wird manchmal so gesehen, dass man es eben nicht geschafft hat, das Leben zu führen, das man sich vorgenommen hat.
Wenn ein Paar Kinder hat, betrifft die Scheidung auch sie. Was ist zu beachten, damit alle Familienmitglieder heil aus diesem Konflikt herauskommen?
I Es fängt damit an, dass die Eltern nicht mehr als Paar funktionieren. Bei einer „kalten Scheidung“ hat man sich einfach auseinandergelebt und ist einander egal. Dann kann man möglicherweise relativ sachlich und abgeklärt an die Dinge herangehen und sagen, das ist nicht mehr das Richtige, wir wollen uns trennen. Es gibt aber auch die „heiße Scheidung“, bei der man eigentlich noch in einer Beziehung ist, aber viel miteinander streitet, wo aber eben noch Emotionen da sind. Oder es will sich nur einer der beiden trennen, und dann drückt das auf den Selbstwert des anderen Partners, mit ganz viel Enttäuschung und Demütigung.
Eltern haben also ganz viele Emotionen. Und solange sie mit diesen nicht umgehen können, ist es für sie sehr schwer, ihren Fokus dorthin zu richten, wo er eigentlich hingehört: auf das Kindeswohl. Sowohl in der Beratung als auch vor Gericht und inzwischen auch bei den Rechtsanwälten ist es so, dass jeder den Fokus auf dem Kindeswohl hat. Aber für den, der mitten in einer Trennung steckt, ist es schwierig wahrzunehmen, wie es anderen in dieser Situation geht. In der eigenen Verzweiflung ist es manchmal schwer möglich, sich gut um die Kinder zu kümmern.
Kinder wiederum reagieren unterschiedlich. Sie können ein besonders auffälliges Verhalten an den Tag legen, weil sie mit ihren Emotionen auch irgendwo hinmüssen. Oder sie reagieren besonders angepasst, weil sie niemandem zur Last fallen und nicht dazu beitragen wollen, dass vielleicht noch mehr Konflikte entstehen. Gerade auf diese Kinder, die unter Anführungszeichen funktionieren, muss man auch schauen, weil sie vielleicht nur alles in sich hineinfressen und nicht die Möglichkeit bekommen, ihre Gedanken auszuformulieren. Aber irgendwo müssen diese Gefühle hin, und dann kommt es vielleicht zu Problemen in der Schule oder mit anderen Kindern.
Was bedeutet es denn tatsächlich, auf das Kindeswohl zu schauen?
I Klar zu kommunizieren: Auch wenn wir kein Paar mehr sind, sind wir immer noch deine Mama und dein Papa. Und dem Kind klar zu machen und auch zu zeigen, ich bin noch immer für dich da. Es geht darum, Stabilität zu geben und die Kinder nicht in der Schwebe zu halten. Was bedeutet das, wenn einer auszieht? Sehe ich den dann nicht mehr? Bei einer Scheidung geht für die Kinder viel an Sicherheit verloren. Und weil wir vorher auch über Schlammschlachten gesprochen haben: Es muss den Eltern auch klar sein, dass sie damit dem Kind oder den Kindern nichts Gutes tun. Sobald ein Elternteil über den anderen schimpft, betrifft das auch eine Hälfte des Kindes. Das Kind kommt dann in einen Loyalitätskonflikt. Je besser die Erwachsenen es also schaffen, ihre Gefühle bei sich zu behalten oder nur auf der Erwachsenenebene auszutauschen, desto besser für das Kind oder die Kinder.
Bei einer Scheidung gibt es immer auch einen finanziellen Aspekt. Wie kann man es schaffen, dass es nicht zu einem Jahre langen Rechtsstreit kommt, bei dem am Ende einer der Partner oder beide finanziell ruiniert sind?
I Die überwiegende Anzahl der Scheidungen in Österreich, es sind fast 90 Prozent, wird letztlich ohne Schuldzuweisung ausgesprochen. Je eher man es schafft, sich so zu einigen, dass sich keiner über den Tisch gezogen fühlt, desto besser. Vor allem für Frauen geht es auch oft um Absicherung. Deshalb ist es so wichtig, dass man mit entsprechender Begleitung möglichst zu einer einvernehmlichen Lösung kommt.
Sie arbeiten in Ihrem Buch auch viel mit Checklisten und Beispielen, Sie raten zudem zu Beratung – rechtlich wie eben auch psychosozial – oder auch zu Mediation. Warum lohnt es sich, hier nicht zu sparen?
I Wenn jemand falsche oder zu hohe Erwartungen hat, verunmöglicht das das sachliche Gespräch. Es ist also wichtig zu wissen und zu verstehen, was steht mir zu. Dazu ist es etwa wichtig, sich einen Überblick über die gemeinsamen Finanzen zu schaffen. Es geht aber auch darum, gemeinsam festzustellen, was will man für die Kinder? Da geht es dann vielleicht auch damit rum, dafür zu sorgen, dass die Mutter sich eine Wohnung leisten kann, sodass es auch den Kindern gut geht. All das wird in einer Beratung besprochen. Es ist Aufgabe des Beraters, des Mediators, des Rabbiners, wer immer da eben vermittelt, zu versuchen, einen Ausgleich für das ganze Familiensystem zu schaffen.
Wie kann am Ende aus einer Scheidung auch etwas Positives erwachsen?
I Es kommt immer darauf an, was vorher war. Wie sagt man so schön? Dann ist ein Ende mit Schrecken besser als ein Schrecken ohne Ende. Idealerweise schaffen es die Eltern, dass sie den Kindern die nötige Stabilität geben, sodass diese sich daran gewöhnen, dass es nun eine Mama-Welt und eine Papa-Welt gibt. Kinder können sich ganz gut darauf einstellen, wenn die Eltern nicht zu viele Emotionen auf ihnen abladen. Es ist zudem auch Teil der Beratung zu erkennen, was es auch an Gutem in der nun geschiedenen Ehe gab. Das sind zum Beispiel die Kinder, die es ohne diese Partnerschaft nicht gäbe. Manchmal bedeutet das Ende einer Ehe aber auch die Möglichkeit, dass man eines Tages den richtigen Partner oder die richtige Partnerin kennen lernt.


























