Immer neue Steine

Als im Vorjahr Elisabeth Ben David-Hindler, Gründungsmitglied des Vereins Steine der Erinnerung und treibende Kraft hinter diesem Gedenkprojekt, das Wien verändert hat, starb, übernahm ihre Tochter Daliah Hindler diese Aufgabe. Es sei ein Sprung ins kalte Wasser gewesen, erzählt sie im Gespräch mit WINA. Bereut hat sie es aber bisher keine Sekunde. „Es ist eine tolle und sehr wertgeschätzte Arbeit.“

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Daliah Hindler. Ihre Mutter hat sie aus der Arbeit herausgehalten, „weil es belastend ist“. © Daniel Shaked; erinnern.at

2005 rief Elisabeth Ben-David Hindler mit Freunden – dem inzwischen ebenfalls verstorbenen Karl Jindrich, Vally Steiner und Ernst Fitzka – das Projekt Steine der Erinnerung ins Leben. Anstoß war die Bitte ihres Onkels gewesen, für die im Holocaust ermordeten Eltern an deren ehemaligen Wohnhaus in der Porzellangasse eine Erinnerungstafel anzubringen. Da die Hauseigentümerin, wie in so vielen anderen Wiener Häusern auch, das Ansinnen ablehnte, behalf man sich mit dem Einlassen einer Gedenktafel im Gehsteig vor dem Haus. Die Stadt Wien war hier rasch gesprächsbereit und ist bis heute unkomplizierter und angenehmer Partner, wenn es um das Verlegen neuer Steine geht, erzählt Daliah Hindler. Da die Steine der Erinnerung als Denkmale gelten, kommt die Stadt auch finanziell für die Instandhaltung auf – durchgeführt wird sie vom Verein.
Ihre Mutter war Lehrerin in einer Alternativschule gewesen, bevor sie sich dem Erinnerungsprojekt zuwandte. Tochter Daliah, damals 18 Jahre alt, fand es „mutig, ein ganz neues Projekt zu starten, bei dem man gar nicht gewusst hat, wie sich das organisatorisch und bürokratisch gestalten wird. Gibt es Unterstützung? Wie wird es aufgenommen?“ Sie selbst lebte zu dieser Zeit in einem Kibbuz in Israel, und ihre Mutter wollte sie damals aus dieser Arbeit heraushalten. „Weil sie gedacht hat, dass es sehr belastend ist.“
Und es ist belastend, sagt Daliah Hindler auch heute. „Man hat ständig mit dem Leben von Ermordeten zu tun. Du hast immer die Daten vor Augen.“ Inzwischen wird mit den Steinen und Wandtafeln – dort, wo es Hausbesitzer im Lauf der Jahre doch zugelassen haben – an die 1.500 Menschen gedacht. Der Verein ist in 15 Wiener Bezirken aktiv, bis dato gibt es rund 430 Stationen und zwei Wege der Erinnerung – in der Leopoldstadt und in der Brigittenau. Im zweiten Bezirk findet sich rund die Hälfte der im Boden verankerten Steine, auch die Bezirke eins, neun und 20 sind immer wieder Orte neuer Eröffnungen. In vier anderen Bezirken gibt es eigene Vereine, man sei aber untereinander gut vernetzt.

»Für manche Leute sind es wirklich Grabsteine, weil es für ihre Verwandten keine Grabstätten gibt. Da gibt es einen Ort, wo sie verewigt sind.«
Daliah Hindler

Suchte das Team um Elisabeth Hindler in der Anfangszeit noch selbst nach geeigneten Orten und setzte auch Steine für jüdische Organisationen und Vereine (sie bilden heute die zwei Wege der Erinnerung), arbeitet der Verein heute nur mehr auf Anfragen. „Zwei Drittel kommen von Angehörigen von Schoah-Opfern aus dem Ausland, ein Drittel von Wienern, die an den Tod von Menschen erinnern wollen, die früher einmal in ihrem jetzigen Wohnhaus gelebt hatten. „Wir sind schon für die nächsten zwei Jahre verplant.“

Die nächsten Jahre. Das war auch mit ein Grund, warum für Daliah Hindler nach dem Tod der Mutter klar war, dass sie deren Arbeit übernimmt. „Wir waren in der Mitte von Eröffnungen, alles war geplant, Verwandte aus dem Ausland hatten schon ihre Flüge gebucht, wir hatten Termine.“ Bis sie mit Roswitha Hammer eine neue Mitstreiterin für das Projekt finden konnte, sprang ihr Partner Matthias Beier mit ein. Er kümmert sich bis heute um die Wartung der Steine, denn der Verein fährt jede Woche die einzelnen Stationen ab, sodass jeder Stein zumindest einmal in zwei Monaten gesäubert und poliert wird. Inzwischen sei es aber so, dass auch Menschen, die in der Nähe der Steine wohnen, diese dazwischen selbst reinigen. Das sei eine große Hilfe, betont Hindler, vor allem im Winter und bei nasser Witterung.
Wenn wieder eine neue Eröffnung anstehe, sehe man, wie sehr sich diese Arbeit lohne, erzählt sie. Angehörige von Schoah-Opfern, die hierher anreisen, würden zwar unterschiedlich reagieren und, ja, oft fließen auch Tränen, aber sie seien so gerührt, dankbar und brächten dem Projekt so viel Wertschätzung entgegen. „Für manche Leute sind es wirklich Grabsteine, weil es für ihre Verwandten keine Grabstätten gibt. Da gibt es einen Ort, an dem sie verewigt sind. Für viele ist aber auch wichtig, dass diese ermordeten Menschen in Wien wieder einen Platz haben. Damit schließt sich für sie wieder der Kreis.“
2017 wurden und werden an 40 Wiener Adressen Steine gesetzt und Tafeln angebracht. Was die Zukunft anbelangt, will Daliah Hindler in etwa diesem Ausmaß weitermachen – Anfragen gäbe es aber eben weit mehr, weshalb die Planung auch schon in die kommenden Jahre hineingehe. Angehörige, die schon sehr alt seien, würden vorgezogen, damit sichergestellt ist, dass sie an der Eröffnung einer Station teilnehmen können. Ob der Bedarf irgendwann gestillt sein wird? „Ich kann es nicht sagen – momentan habe ich aber nicht den Eindruck.“
Mit Negativreaktionen sind Hindler und ihr jetziges Team so gut wie nicht konfrontiert. Selten komme es zu Kratzern auf Steinen. Grundsätzlich sei das Feedback sehr positiv. Zuletzt fand Hindler etwa auf einem Informationsblatt, das der Verein in einem Haus aufgehängt hatte, vor dem ein Stein eingelassen wurde, die handschriftlich notierte Botschaft: „Danke für die wichtige Arbeit.“

steinedererinnerung.net


„Steine für Bikernieki“
Zwischen November 1941 und Februar 1942 wurden über 4.000 Juden aus Wien nach Riga deportiert. Im nahen Wald von Bikernieki wurden sie erschossen oder starben an den grauenvollen Bedingungen des Rigaer Ghettos.
Steine für Bikernieki nennt sich ein Projekt, bei dem sich Jugendliche mit dem Schicksal dieser Deportierten und Ermordeten befassten. Die Idee dazu hatte Oberamtsrätin Silvia Friedrich, die im Wiener Rathaus im Bereich „Internationales“ tätig ist. „Wenn ich von einer Sache überzeugt bin, lasse ich nicht locker“, und von diesem Projekt war sie voll und ganz überzeugt. Als Döblinger Bezirkspolitikerin wollte Friedrich ihre Idee gemeinsam mit einer Schule in Döbling umsetzen.
Im Rahmen ihres Geschichtsunterrichts begannen daraufhin Schüler und Schülerinnen der 7. Klasse der AHS in der Gymnasiumstraße zu recherchieren, welche jüdischen Schüler ihrer Schule verschwanden bzw. nach Riga deportiert wurden. Dabei stießen sie auf zwei Absolventen, die damals sogar in ihren jetzigen Klassenräumen gesessen sind. Sie haben anhand von noch vorhandenen Dokumenten wie der Matrikel, Religionsbekenntnis etc. deren Lebensläufe erforscht und wo sie gewohnt hatten. Sie sind deren Schulwege nachgegangen und haben auf diesen Wegen Steine gesammelt, die sie dann im vergangenen Juni nach Bikernieki mitgenommen haben.
Und zwar anlässlich einer Gedenk-und Erinnerungsreise der Mitgliedsstädte des Deutschen Riga-Komittees, zu dem auch eine Delegation aus dem Wiener Rathaus angereist war.
Das Ergebnis des Wiener Engagements war überaus beeindruckend, erzählt Silvia Friedrich. „Wir waren die einzige Stadt, die so ein Jugendprojekt durchgeführt hat. Wir haben zwei Schüler in Begleitung eines Lehrers mitgenommen, die dort vor der Stadtverwaltung ihr Projekt präsentieren konnten. Sie haben am Gedenkstein für die Wiener Opfer ihre Steine niedergelegt.“

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