„In die Höhle des Löwen“. Noam Bettan vertritt Israel beim Song Contest in Wien

Wie alle Vertreterinnen Israels in den letzten Jahren erwarten auch den heurigen israelischen Teilnehmer am Eurovision Song Contest vor und während dieses weltweit größten TV-Show-Events mediale Shitstorms, Anti-Israel-Proteste, politischer Aktionismus und persönliche Anfeindungen. Das wusste Noam Bettan, 28, als er im Jänner nach dem Sieg bei der traditionellen Casting-Show Ha Kokhav HaBa, in der alljährlich die israelischen Teilnehmer am ESC ermittelt werden, zum Interview gebeten wurde: „Ich fühle mich, als würde ich mich in die Höhle des Löwen begeben.“

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Noam Bettan will sich auch beim Finale in Wien nicht aus der Ruhe bringen lassen. Foto: Yair Sigron / CC BY-SA 3.0

Nicht erst seit dem Gaza- Krieg wird der alljährliche Eurovision Song Contest von massiven Israelprotesten, antizionistischer Agitation und zunehmendem Antisemitismus überschattet – und mit dem US-amerikanischen und israelischen Krieg gegen das iranische Mullah-Regime sind diese Schatten noch dichter geworden. Überhaupt haben politische und gesellschaftliche Aktionisten, wie etwa die LGBTQBewegung, den ESC längst gekapert und zum „zweckentfremdeten“ Austragungsort ihrer jeweiligen Überzeugungen gemacht.

Was einst als völkerverbindender Grand Prix Eurovision de la Chanson in den 1950ern begann und sich trotz aller kommerziellen Schlagertendenzen als musikalisch-kreativer Wettstreit auf hohem Niveau verstand, bei dem (nicht immer) die jeweils besten Songs/Interpreten gewannen, ist heute auch in seinem Kern, also der Musik, beliebig und banal geworden. Darüber können auch die monumentalsten Lasershows, die grellsten Bühneneffekte und die schrillsten Outfits nicht hinwegtäuschen.

 

„Natürlich möchte ich siegen.
Wenn ich gewinne, kann ich die ganze
Welt nach Israel bringen. Gerade im Moment
ist das ein riesiges Privileg.“
Noam Bettan

 

In dieser komplexen Gemengelage tritt Noam Bettan im ersten der beiden Halbfinale, am 12. Mai, in der Wiener Stadthalle an. Während seine Teilnahme am Eurovision Song Contest bereits im Jänner feststand, wurde der Song, den er hier in Wien interpretieren wird, erst in den darauffolgenden Wochen von einer Expertenjury in einem langwierigen Ausleseverfahren aus rund 200 (!) Einreichungen ausgewählt. In einer eigenen Fernsehshow Anfang März, mitten im Krieg mit Iran, präsentierte Noam Bettan dem israelischen TV-Publikum dann den Song: Michelle.

Michelle handelt von unerfüllter Liebe und ist – anders als die letzten Beiträge Israels – keine Ballade, sondern ein tanzbarer Mid-Tempo-Track mit sephardisch- jemenitischen Bezügen und eindringlichem Refrain (kein Nachteil!). Der Text von Michelle ist dreisprachig verfasst, Noam Bettan singt in Iwrit, Englisch und Französisch. Als Sohn französischer Eltern, die einst Alija machten, hat der junge Mann aus Ra’anana bei Tel Aviv da wohl ein Wörtchen mitgeredet beziehungsweise mitgesungen (eine Co-Texterin von Michelle ist übrigens Yuval Raphael, die israelische Vorjahreszweite).

Die Chancen für Noam Bettan und Michelle stehen, folgt man diversen Expertenmeinungen, nicht schlecht – trotz der israelfeindlichen Stimmung im Umfeld des ESC. Allerdings hat die EBU, der Dachverband der europäischen Sendeanstalten, die Regeln für das Voting verändert. Anders als noch im Vorjahr, als das Publikumsvoting Yuval Raphael Platz zwei im Endergebnis bescherte, wird dieses künftig bei der Abstimmung weniger Gewicht haben, die Rolle der internationalen Jurys wurde hingegen gestärkt.

Wie auch immer, Noam Bettan und Michelle scheinen, betrachtet man das ESCUmfeld, alles andere als beliebig, der Künstler selbst ist hochmotiviert: „Natürlich möchte ich siegen. Wenn ich gewinne, kann ich die ganze Welt nach Israel bringen. Gerade im Moment ist das ein riesiges Privileg.“ Vielleicht bekommt ja am Abend des großen Song-Contest-Finales am 16. Mai „Ha Schana Ha Ba Be Jeruschalajim“ eine über Pessach hinausgehende Bedeutung.

 

 


GAZA-KRIEG:
Ausschluss Israels vom ESC gefordert
Spanien, in Europa seit Jahren heftigster Kritiker israelischer Politik, forderte nach dem Song Contest 2025 von der EBU – European Broadcasting Union (Dachverband der europäischen öffentlich-rechtlichen Sender) den Ausschluss Israels von der Teilnahme am diesjährigen Bewerb. Mit dem Verweis darauf, dass der Eurovision Song Contest nicht von Nationalstaaten, sondern von unabhängigen Rundfunksendern veranstaltet wird, und dem Argument, dass gerade KAN, der israelische Öffentlichrechtliche, alles andere als ein „Propagandainstrument“ der israelischen Regierung sei, wurde die geforderte Abstimmung von der EBU abgelehnt. Mit diesem Ergebnis konfrontiert, kündigte der spanische Sender RTVE den Boykott des heurigen ESC in Wien an. Dem Boykott Spaniens schlossen sich mittlerweile Irland, die Niederlande, Slowenien und Island an. Interessant sind dabei die diversen Begründungen, unter anderem: „Israel benutzt den Wettbewerb für politische Zwecke“ (Spanien). Und: „Wir haben Zweifel an der politischen Neutralität des ESC“ (Niederlande).

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