„In Leon Zelmans Schuhe kann man nicht schlüpfen“

Der Name ist Programm: Jewish Welcome Service Vienna. Seit nunmehr 40 Jahren heißt es für vertriebene, geflüchtete, exilierte jüdische Menschen Welcome to Vienna! Und auch den Service, der mit Besuchen und Informationen für die willkommen geheißenen ehemaligen Wiener*innen und deren Nachkommen verbunden ist, stellt der JWS professionell zur Verfügung. Seit dem Tod des charismatischen Gründers Leon Zelman 2007 ist Susanne Trauneck für die Non-Profit-Organisation als Leiterin verantwortlich.

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Leon Zelman. „Ihn kann man nicht ersetzen, man kann nur seine Arbeit fortführen.“© PID; Archiv JWS

WINA: Leon Zelman war immer ein Einzelkämpfer. Wie bist du denn zu seiner Assistentin und schließlich Nachfolgerin geworden?
Susanne Trauneck: Nach einem Studium der Geschichte und Publizistik habe ich ein Praktikum im Falter Verlag gemacht und dort erfahren, dass Leon Zelman für seine Informationsstelle im Verkehrsbüro jemanden sucht. Als ich mich bei ihm vorgestellt und meinen Werdegang geschildert habe, hat er gleich gesagt: „Das ist für hier da.“ Damals, 1996, ist gerade sein Buch Ein Leben nach dem Überleben auch übersetzt in Amerika erschienen, und da hat er auch eine Assistentin für die Kommunikation mit den amerikanischen Verlagen gesucht.

Susanne Trauneck bei einem Emfpang im Wiener Rathaus. © Archiv JWS

Wollte er nicht eine Jüdin für diesen Job?
Nein, dass ich keine Jüdin bin, hat ihn gar nicht interessiert. Es war immer in seinem Sinn, dass ein junger Mensch aus Wien die Besucher empfängt und informiert. Ich habe mich dann natürlich hineingekniet und diese Informationsstelle aufgebaut.

Leon Zelman hat als Holocaust-Überlebender den Welcome Service geradezu verkörpert, und er war ein genialer Netzwerker avant la lettre. Wie schwer war es, in diese großen Schuhe zu schlüpfen?
Leon Zelman ist einzigartig, in seine Schuhe kann man nicht schlüpfen. Ihn kann man auch nicht ersetzen, man kann nur seine Arbeit fortführen, was mein Bestreben und der Auftrag von Bürgermeister Häupl war. In seinen letzten Lebensjahren hat Leon mich immer mehr eingeführt, und ich war auch seine Stellvertreterin. Er hat damals auch viel mit mir über seine Geschichte gesprochen.

Für viele Besucher*innen hat die Reise nach Wien auch einen therapeutischen Effekt.
Susanne Trauneck

Wie hat sich die Tätigkeit bzw. das Besuchsprogramm des JWS verändert, da ja die meisten der Überlebenden nicht mehr da oder schon zu alt zum Reisen sind. Man hat es jetzt wohl vorwiegend mit deren Nachkommen zu tun?
Das Programm wird noch vielfältiger. Mit wenigen Ausnahmen haben ja die Angehörigen der ersten Generation, wie man weiß, nicht viel gesprochen. Natürlich gab es auch Zeitzeug*innen, die bei ihren Besuchen in Wien in Schulen gegangen sind. Bei der zweiten Generation sind es oft Geschwistergruppen, die diesen Wien-Besuch gemeinsam erleben möchten. Da gibt es eine Interaktion und Gespräche von Anfang an, mit uns, die sie begleiten, und auch untereinander. Viele sind schon in Pension und haben Zeit, sich mit der Familiengeschichte zu beschäftigen und auf Spurensuche zu gehen. Viele haben Fragen an das Archiv der IKG, mit dem wir eng zusammenarbeiten, und wir haben zusätzliche Beratungsangebote von ESRA. Auch Friedhofsbesuche werden wichtiger. Aber wie immer in unserem klassischen Programm gibt es ein Welcome-Dinner, Stadtrundfahrten, Besuche im Stadttempel und in jüdischen Einrichtungen, Empfänge beim Bundespräsidenten und im Rathaus. Emotional wird es manchmal beim Heurigen, wo dann einige gern Wien, Wien, nur du allein singen.

Persönlich. „Ich kann Menschen nicht virtuell einladen, es ist ja schließlich auch eine besondere Form des Tourismus.“ © Archiv JWS

Für die Enkelgeneration bieten wir eigene Studienprogramme gemeinsam mit dem Holocaust-Education Center in Toronto, sie haben aber meist weniger Bezug zu Wien als zu Europa.

Werden die Gäste aktiv eingeladen oder melden sie sich von selbst?
Es ist eigentlich Mundpropaganda; da erfährt es einer vom anderen. Nachdem sich Interessenten melden, wird Kontakt aufgenommen, und sie werden offiziell eingeladen.

Wie viele Besucher*innen waren im letzten regulären Jahr 2019 hier?
Da hatten wir zwei größere Gruppen mit fast 100 Personen und außerdem Teilnehmer*innen des Studienprogramms und waren auch Gastgeber anlässlich 80 Jahre Kindertransporte.

Was aktives Gedenken und Erinnern betrifft, waren Leon und die Stadt Wien Pioniere.
Susanne Trauneck

Wie ist das JWS in die neuen Ansprüche auf die österreichische Staatsbürgerschaft eingebunden?
Das war schon von Anfang an ein großes Thema, und wir haben dazu immer wieder Beratungstermine bei ESRA organisiert. Die gesetzlichen Ansprüche auf Wiedererlangung der Staatsbürgerschaft sind ja nicht neu, sie sind nur wesentlich erweitert worden auf die nachfolgenden Generationen. Vor allem Israelis haben jetzt ein sehr großes Interesse, und wir verstehen uns da als Bindeglied zwischen den verschiedenen Institutionen.

Welche Pläne gab es für das bevorstehende 40-Jahr-Jubiläum vor der Corona-Zeit?
Formell ist das JWS am 17. Dezember 1980 von Leon Zelman gemeinsam mit der Stadt Wien und Heinz Nittel, damals Präsident der Österreichisch-Israelischen Gesellschaft, gegründet worden, der am 1. Mai 1981 von einem Terrorkommando der Abu Nidal ermordet wurde. Offiziell hat das JWS seine Tätigkeit dann aber erst 1981 aufgenommen.
Hauptsächlich waren für 2020 verstärkt Besuchsreisen geplant, für die wir auch schon größere Mittel von der Stadt Wien gesichert hatten, wir wollten z. B. auch Menschen aus Australien herbringen. Das alles abzusagen war eine schwierige, einsame Entscheidung. Wir arbeiten zwar schon seit Jahren auch auf Social Media und haben einen YouTube-Kanal eingerichtet, wir posten Fotos von vergangenen Besuchen etc. Ich kann aber Menschen nicht virtuell einladen, es ist ja schließlich auch eine besondere Form des Tourismus.

Jerusalem, Wien: Leon Zelman mit den Bürgermeistern Teddy Kollek und Helmut Zilk. © PID; Archiv JWS

Welche Pläne gibt es nun für das Jubiläumsjahr 2021?
Ich plane eine Filmdoku über unsere Aktivitäten auf Basis von Archivmaterial vom ORF in Kooperation mit W24, eine zweisprachige Festbroschüre soll entstehen, und wir sind laufend in Kontakt mit den Gästen, die schon 2020 kommen sollten. Der Leon-Zelman-Preis, der alljährlich vergeben wird, soll dieses Jahr um einen Spezialpreis und um etwas Filmisches über Leon ergänzt werden. Seine Leistung und die der Stadt Wien müssen gewürdigt werden, denn sie waren ja praktisch die Ersten, die vertriebene Wiener Juden und Jüdinnen überhaupt eingeladen haben. Auf diesem Gebiet, aber auch, was aktives Gedenken und Erinnern betrifft, waren sie Pioniere. Und weil die von Zelman gegründete Zeitschrift Das Jüdische Echo, die wir 2019 aussetzen mussten, 2021 ihr 70-Jahr-Jubiläum begeht, soll sie als Doppel- und Jubiläumsnummer erscheinen.

Wie sieht deine persönliche Bilanz nach deinem Vierteljahrhundert im Jewish Welcome Service aus?
Es macht mir noch immer Freude. Natürlich ist es eine herausfordernde und emotional nicht immer leichte Aufgabe, ich habe aber Assistenz, und auch Milli Segal unterstützt uns mit ihrer Agentur. Das Feedback ist sehr positiv. Für viele Besucher*innen hat die Reise nach Wien auch einen irgendwie therapeutischen, heilenden Effekt. Das Wort Versöhnung, das noch oft verwendet wird, finde ich allerdings ganz schrecklich.

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