Die längeren dunklen Haare umrahmen sein frisches, schön geschnittenes Gesicht, mit fragenden Blicken sitzt der 29-jährige Schauspieler neben dem künstlerischen Direktor Jan Philipp Gloger in dessen Arbeitszimmer im Wiener Volkstheater. Das dunkle, etwas geöffnete Hemd gewährt Einblick auf den großen goldenen Davidstern, der von der Kette baumelt. „In Berlin- Neukölln, wo ich zuletzt gewohnt habe, trug ich den Davidstern nicht, hier bin ich erst seit Juli, habe zum ersten Mal keine Angst, trage ihn ganz selbstverständlich“, sagt Andrej Agranovski und seine wachen Augen strahlen: „Meine Großmutter in Augsburg wird sich sehr freuen, dass man im WINA über mich schreibt. Und überhaupt soll die jüdische Gemeinde wissen, dass es jetzt einen jüdischen Schauspieler am Wiener Volkstheater gibt!“
Jan Philipp Gloger, der nach sieben Jahren Intendanz in Nürnberg gerade seine erste Spielzeit am Wiener Volkstheater mit einer Collage von drei Jura-Soyfer-Texten eröffnet hat, ist dieser erfrischende Neuzugang zu danken. (Ein ausführliches Interview mit Jan Philipp Gloger folgt im November) „Jan Philipp hat mich zum Vorsprechen nach Nürnberg eingeladen, und wir wollten auch gleich etwas machen, wir kamen aber zeitlich nicht zusammen. Als dann Wien spruchreif wurde, fragte er, ob ich mitgehe, und bot mir gleich die Rolle des Jura Soyfer an, jenes großartigen Menschen und jüdischen Autors, der mit 26 Jahren in Buchenwald starb.“
„So versuche ich als 29-Jähriger,
von einem 26-jährigen sehr weisen Mann zu lernen.“
Andrej Agranovski
Der knapp drei Jahre ältere Schauspieler, der sowohl mit freien Gruppen arbeitete als auch am Badischen Staatstheater in Karlsruhe bei einem Reformprozess der Schauspielleitung angehörte, sagte zu – und begann sich sofort intensiv mit dem Autor Soyfer (1912–1939) zu beschäftigen. „Er war mir gleich so vertraut, seine Muttersprache war auch Russisch, obwohl er seine ersten Gedichte in Französisch schrieb. Heute ist er in über 50 Sprachen übersetzt und seine Texte sind noch immer hochaktuell.“
Agranovski, 1996 in Würzburg geboren, wuchs mit russisch-jüdischem Hintergrund in Nürnberg auf. Er erhielt eine umfassende Ausbildung in Klavier und Tanzsport, bevor er Schauspiel an der Theaterakademie August Everding in München sowie ein halbes Jahr am Staatlichen Institut der darstellenden Künste in St. Petersburg studierte. „Ich habe 14 Jahre russische Klavierschule hinter mir. Pianist wurde ich nicht, aber so tun als ob kann ich wahrscheinlich besser als andere.“ Seine Tanzkünste muss der Vielseitige nicht schmälern, auch diese kann man derzeit am Volkstheater im Soyfer-Stück Ich möchte zur Milchstraße wandern auskosten.
2019, mit 23 Jahren, inszenierte Agranovski seine erste Arbeit mit Leonard Dick, dem chilenisch-russisch-jüdischen Schauspieler und Regisseur am Prinzregententheater in München. Mit ihm gemeinsam sowie Alessa Karešin und Mariann Yar entstand das Theaterkollektiv Doris Crea, das zeitgenössische Stücke und Performances entwickelt. „Noch während meiner Ausbildung spielte ich diverse Gastrollen, u. a. am Residenztheater in München, wo ich in der Inszenierung Antigone lebt zum ersten Mal Nils Strunk* begegnete“, erzählt Agranovski. „Seither waren wir als Schauspieler-/Musiker-Duo dort, aber auch am Staatstheater Wiesbaden und am Staatstheater Hannover tätig. Nils ist mein Mentor und Vorbild, daher freue ich mich so, dass er jetzt auch in Wien lebt und arbeitet.“
Die Rolle des Jura Soyfer, zu dem er zahlreiche biografische Parallelen sieht, bietet Agranovski zum ersten Mal die Chance, in eine jüdische Persönlichkeit zu schlüpfen. „Wenn ich als jüdischer Mensch Soyfers Texte lese, insbesondere das Dachau-Lied, dann weiß ich, warum ich auf die Bühne gehe: Ich zolle Soyfer Tribut für seinen Mut, den ich auch gern hätte. So versuche ich als 29-Jähriger, von einem 26-jährigen sehr weisen Mann zu lernen.“ Andrej gesteht, dass er sich in Deutschland nie wirklich zuhause gefühlt hat, „Wien erinnert mich an meine Heimat St.Petersburg, die ich jetzt nicht mehr besuchen kann. Jüdisches Leben ist in Wien so gut sichtbar, es hängen überall Plakate zu jüdischen Konzerten oder Festivals.“
Jetzt muss er aber zur Probe für seinen „nächsten Unfug à la Monty Python“, der Komödie mit Banküberfall, die ab 17. Oktober im Volkstheater zu sehen ist, und merkt noch an: „Als Schauspieler Schabbes einzuhalten, ist sehr schwer!“
* Nils Strunk, geb. 1990, aufgewachsen in Lübeck, studierte Schauspielkunst und spielte u. a. am Deutschen Theater Berlin und an der Staatsoper Unter den Linden. Er ist auch Bühnenmusiker und Komponist. Seit der Spielzeit 2021–2022 gehört er zum Ensemble des Burgtheaters.























