International erfolgreich, aber unter Lebensgefahr

Der Historiker Francisco Bethencourt hat eine faszinierende Geschichte der so genannten Marranen geschrieben, der zwangsgetauften Juden Spaniens und Portugals.

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Moshe Maimon: Die Marranen. Das Gemälde aus dem Jahr 1893 stellt ein geheimes Sedermahl dar. © AGMcNamara, Wikimedia

Es war ein scheinbar schlichter Anlass. In der Lissabonner Kirche vom Heiligen Dominik schien am 19. April 1506 ein Kreuz magisch zu leuchten, wohl ein Wunder. Doch ein nüchternerer Gläubiger gab eine realistische Erklärung der Strahlen ab: Es handle sich um nichts anderes als den Widerschein einer Kerze.

Einige Dominikaner-Mönche sahen das als Ketzerei, zogen durch die Straßen und riefen zum Aufruhr auf. Die Unruhen dauerten zwei Wochen, ehe die Soldaten des Königs ihnen ein Ende setzen konnten. Die Zahl der Toten dürfte zwischen 1.000 und 3.000 gelegen haben; dabei handelte es sich um „Neuchristen“, zwangsgetaufte ehemalige Juden, die man nicht nur jagte, ermordete, sondern ihnen auch ihre Besitztümer wegnahm.

Francisco Bethencourt, ein portugiesischer Historiker, der am renommierten Londoner King’s College lehrt, hat im Verlag Princeton University Press ein faszinierendes und umfangreiches Werk zu den so genannten Marranen Spaniens und Portugals vorgelegt. Er beschreibt darin deren prekäre Lage zwischen Todesangst, Anpassung und Karriere, zwischen unberechenbarer Inquisition und profitablem internationalem Handel.

„Die Geschichte der Neuchristen beginnt im Spanien gegen Ende des 14. Jahrhunderts“, schreibt Bethencourt. „Masandere sive Konversionen von Juden zu Christen passierten schon 1391, nach einem antijüdischen Aufruhr in Sevilla, der sich schnell durch die Städte von Kastilien und Aragon ausbreitete. Taufe war die einzige Möglichkeit dieser Juden, ihr Leben zu retten.“ Jenen, die weiterhin Juden bleiben wollten, blieb nur das Exil, zunächst Nordafrika, später vor allem das Osmanische Reich. 1492 wurden dann in Spanien, einige Jahre später auch in Portugal alle Juden ausgewiesen.

 

Die Spanische Inquisition wurde 1478 etabliert. Das führte zu
massiver Verfolgung der ,Neuen Christen‘, die beschuldigt wurden, im Geheimen wieder ihr Judentum zu praktizieren.

 

Die Neuchristen schienen sich anfangs gut zu behaupten. Es gelang ihnen, einen Gutteil jener Gewerbe und Positionen zu halten, die sie noch als Juden ausgeübt hatten. Ähnlich wie in Mitteleuropa hatte es auf der Iberischen Halbinsel Beschränkungen zum Grundbesitz für Juden gegeben, daher konzentrierten sie sich auf Masandere Berufe und Branchen. Sie wurden Handwerker und Produzenten von Stoffen, sie arbeiteten als Ärzte und Juristen, sie führten die Bücher am Hof und bei Adeligen, Militärs und Klöstern. Und sie waren aktiv im Handel, bald auch nach Übersee.

Um wie viele Menschen ging es dabei? Bethencourt rechnete und kam zu interessanten Ergebnissen. Ende des 15. Jahrhunderts gab es in Spanien und Portugal etwa 260.000 Marranen, bei einer Gesamtbevölkerung von mehr als fünf Millionen. Das scheint noch nicht so viel zu sein. Doch sie konzentrierten sich vor allem in den größeren und kleineren Städten. Und da deren Einwohner damals kumuliert bloß etwa 400.000 bis 440.000 ausmachten, kommt er dort auf einen Anteil von 60 bis 65 Prozent der konvertierten Juden. „Diese waren sicherlich sehr sichtbar“, schließt er.

Die alteingesessenen Christen sahen in den oft gut ausgebildeten und in mehreren Kulturen trittsicheren Marranen eine große Konkurrenz. Überdies verdächtigten sie diese, den Katholizismus nur oberflflächlich angenommen zu haben und heimlich weiter ihren jüdischen Ritualen anzuhängen. Bald bildeten sie zu deren Verfolgung eine brutale und effifiziente Institution. „Die Spanische Inquisition wurde 1478 etabliert“, so Bethencourt. „Das führte zu massiver Verfolgung der ,Neuen Christen‘, internadie beschuldigt wurden, im Geheimen wieder ihr Judentum zu praktizieren.“

Die Inquisition baute einen weitreichenden Spitzelapparat auf, ihre Spione beobachteten, wer am Freitag das Haus putzte und sich selbst reinigte, wer Kerzen anzündete, wer den Samstag als Feiertag einhielt und nicht den Sonntag. Es gab in den nächsten Jahrhunderten tausende von Anklagen, deren Basis die Beschuldigten nicht einsehen durften, in spektakulären öffentlichen Autodafés machte man ihnen Schauprozesse. Und während manche mit Verlust ihrer Stellungen oder mit dem Tragen von entwürdigenden Kleidungsstücken und Spitztüten davonkamen, endeten viele auf den Scheiterhaufen.

Das konnte auch gut etablierte Spezialisten treffen. Der Prozess gegen den Professor für kanonisches Recht António Homem fand etwa 1619 im portugiesischen Coimbra statt. Dabei hatte er als einer der besten Juristen seiner Zeit gegolten, beriet Bischöfe und Könige in komplexen Fragestellungen. Doch Homem hatte sich den Inquisitor von Coimbra, einen juristischen Konkurrenten, zum Feind gemacht, und dieser brachte ihn nach grausamer, schmerzhafter Folter und einem umständlich langen Prozess zur Strecke, Homem wurde verbrannt.

Francisco Bethencourt: Strangers Within. The Rise and Fall of the New Christian Trading Elite. Princeton University Press 2024, 624 S.

Die „Neuen Christen“ mussten ständig mit dieser Bedrohung leben, hatten Denunziation und Bespitzelung zu fürchten, wehrten sich ihrerseits mit Bestechung von Inquisitionsbeamten und mit Interventionen bei den Königen. Denn diese brauchten die ehemals jüdischen Financiers für ihren üppigen Lebensstil, trotz Ausbeutung der neuen Überseegebiete in Amerika. Wiederholt gab es deshalb Amnestien, dann wieder Rückschläge durch verstärkte Aktivitäten der Religionsbehörde.

Ein Ventil bot sich allerdings im internationalen Handel. Die Neuchristen verfügten über gute Kontakte auch zu ihren früheren Glaubensgenossen rund um das Mittelmeer und in Westeuropa. Sie schickten ihre Schiffe nach Nordafrika und Konstantinopel, später in die Karibik und nach Mexiko, bald auch nach Indien. Die Produkte, die sie – mit hohen Renditen und hohem Risiko – importierten und exportierten, könnten nicht vielfältiger sein: Seide und Pfeffer, Zucker und Silber, aber auch Sklaven aus Afrika. Und manche von ihnen schafften den Umstieg vom Händler zum Investor und wurden Unternehmer, etwa in der Zuckerproduktion in der Neuen Welt.

„Man kann es nicht übersehen, dass in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, als die Überseeökonomie der iberischen Welt boomte, Händler aus den Reihen der Neuchristen einen signifikanten Anteil des Kapitals kontrollierten“, so Bethencourt. Er schreibt auch von einem „außerordentlichen internationalen Netzwerk“, in das sie eingebunden waren und das bis nach Genua, Kairo oder Tokio reichte. Da aber auch während dieser ökonomischen Erfolge, die die Könige zu schätzen wussten, die Inquisition weiter wütete, zogen immer wieder erfolgreiche Handelsherren die Konsequenz und kehrten von ihren Geschäftsreisen nicht mehr zurück. In Amsterdam, Hamburg oder London wurden sie dann oft wieder zu Juden und integrierten sich in die dortigen Gemeinden.

Warum die Bedeutung der „Neuen Christen“ im internationalen Handel wieder abnahm, erklärt Bethencourt mit einem Bündel von Gründen. Einerseits hatten sie sich – auch vor dem Hintergrund einer schwächer werdenden Inquisition – in Spanien und Portugal weitgehend in der Gesellschaft durch Mischehen integriert, sowohl in alte christliche Familien als auch in den niedrigen Adel. Darüber hinaus verlor der iberische Handel immer stärker an Bedeutung, die neuen Akteure auf den internationalen Routen waren englische, niederländische und französische Seeleute.

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