Intime Einblicke

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Rama Burshtein mit ihrem Mann bei der Preisverleihung in Venedig. © APA-Picturedesk/Daniel dal Zennaro
Rama Burshtein mit ihrem Mann bei der Preisverleihung in Venedig. © APA-Picturedesk/Daniel dal Zennaro

Rama Burshtein, Jahrgang 1967, ist in einem säkularen Elternhaus in Jerusalem aufgewachsen und besuchte dort die prominente Sam-Spiegel-Filmschule. Mit 26 wurde sie religiös, ohne aber auf ihre Leidenschaft für das Kino zu verzichten. An ihrer Stelle ist ihr erster Spielfilm. Einblicke in die ultraorthodoxe Gemeinde in Tel Aviv, der sie mit ihrem Mann und vier Kindern angehört. Von Gisela Dachs

Rama Burshtein schneidert ihre Kleider selbst. Sie sind lang und weit geschnitten; dazu trägt die 46-jährige Israelin einen weißen Turban. In der Tel Aviver Filmproduktion, in der sie mich empfängt, arbeiten lauter junge Israelinnen mit weit ausgeschnittenen T-Shirts oder Spaghettiträgern. Burshtein wohnt nicht weit von hier, aber sie überbrückt Welten, wenn sie hierher kommt und in ihren Berufsalltag eintaucht.

Zuhause ist sie die ultraorthodoxe Ehefrau eines ultraorthodoxen Mannes, mit dem sie vier Kinder hat. Draußen in der säkularen Kinowelt hat sie sich als Filmemacherin einen Namen gemacht. Ihr erster Spielfilm An ihrer Stelle war der meistgesehene Film der letzten zehn Jahre in Israel, er gewann sieben hiesige „Oscars“ und bei den Filmfestspielen 2012 in Venedig den Preis für die beste Hauptdarstellerin. Seither fliegt Rama Burshtein zu allen möglichen Premieren nach Europa und Amerika, um dann wieder an ihren Herd zurückzukehren, „um Schnitzel für die Kinder zu machen“, wie sie betont. Kein einfacher Spagat.

Ihr Film zeigt das kleine ultraorthodoxe Milieu in Tel Aviv. Fast alle Szenen spielen sich in einer Wohnung ab, in einer Art Parallelgesellschaft mitten in der pulsierenden Großstadt. Es geht um eine junge Frau, deren ältere Schwester bei der Geburt ihres ersten Kindes stirbt. Nun soll sie den Witwer heiraten – was sie am Ende auch tut, allerdings aus ihrer freien Entscheidung heraus. Doch Filmkritiker, vor allem in Europa, warfen der Regisseurin vor, dass sie dieses Milieu schönzeichne und es – gerade als Frau – am kritischen Blick mangeln lasse.

Manche sehen sie als das totale Opfer, andere als romantisch Verliebte, und wieder andere schreien auf angesichts unseres primitiven Denkens, weil sie das eben so sehen.

Burshtein sieht das gar nicht so: „Die Mutter der jungen Frau hat einen echten Konflikt: Sie will einerseits den Schwiegersohn mit ihrer jüngeren Tochter verheiratet sehen, andererseits aber auch ihr Kind glücklich machen. Ähnlich geht es dem Vater und auch der Tochter selbst. Manche Leute nehmen eben nur etwas als Konflikt wahr, was mit harscher Kritik einhergeht.“ Es gehe nicht nur um Pflicht, sondern auch um Entscheidungsfreiheit und wie die Umgebung darauf Einfluss nehme. „Das Interessante ist, dass jeder in dem Film etwas anderes sieht, was er eben wahrnehmen will. Manche sehen sie als das totale Opfer, andere als romantisch Verliebte, und wieder andere schreien auf angesichts unseres primitiven Denkens, weil sie das eben so sehen.“

An ihrer Stelle  (Fill the Void, Sony  Pictures Classics 2012): seit 20. September in den österreichischen Kinos. sonyclassics.com/fillthevoid
An ihrer Stelle
(Fill the Void, Sony
Pictures Classics 2012):
seit 20. September in den österreichischen Kinos.
sonyclassics.com/fillthevoid

Den Film drehte sie bewusst für ein nichtreligiöses Publikum. Ihr Auftritt mit ihrem Mann bei der Preisverleihung in Venedig machte Furore. Denn da stand nun auch er – samt schwarzem Hut und Schläfenlocken – neben seiner plötzlich berühmt gewordenen Angetrauten auf dem roten Teppich.

In den meisten Filmen, die über die ultraorthodoxe Welt gedreht wurden, sagt Burshtein, gehe es um den Konflikt zwischen Religiösen und Säkularen. Ihr Film handelt nicht von beiden Welten. Sie wollte ein „Fenster in meine Welt öffnen, nicht sagen, dass wir besser sind als die anderen, sondern einfach nur sind.“ Die Charaktere allerdings seien zu kompliziert, als dass sie auf professionelle – säkulare – Schauspieler hätte verzichten können. Aber es sei gelungen, den Schauspielern zu vermitteln, „was jemand fühlt, der keine Romane gelesen hat, der keine Liebesfilme kennt oder keine anderen Konzepte hinsichtlich der Darstellung von Gefühlen hat“. Der Film sei nicht in religiöser Hinsicht völlig authentisch, aber in emotionaler.

Zuhause heißt mitten in Tel Aviv, in der Nähe der hippen Shenkin-Straße, wo eine sehr kleine ultraorthodoxe Minderheit ihr Dasein führt, ohne anderen ihre Spielregeln aufzudrängen. Hier sind die Straßen am Schabbat für den Verkehr geöffnet, „wir kümmern uns nicht um Politik“, sagt Burshtein. Es gehe darum, sich in dieser Welt zurechtzufinden, ohne sich selbst zu verlieren, deshalb bleibe man strikt unter sich.

„Für mich ist das hier ein Paradies. Um lebendig zu bleiben, muss ich alle Optionen ständig vor mir haben.“ Rama Burshtein

Ob sie je daran gedacht habe umzuziehen? „Für mich ist das hier ein Paradies. Um lebendig zu bleiben, muss ich alle Optionen ständig vor mir haben.“ Dass sie sich als Erwachsene bewusst für ein streng religiöses Leben entschieden hat und sich immer wieder neu dafür entscheidet, unterscheidet Rama Burshtein von den anderen Frauen ihres Milieus, die nie ein anderes Dasein gekannt haben.

Von ihrem früheren Leben ist ihr die Liebe zum Film geblieben und ein kritischer Blick auf Filmkritiker, vor allem europäische, von denen sie in letzter Zeit viele getroffen hat. Diese könnten sich gut auf israelische Filme einlassen, aber nicht auf ihr sehr jüdisches Werk. „Ich hatte den Eindruck, dass sie sich schwer taten, mich zu sehen, so wie ich bin. Was immer ich tue, wird in ihren Augen primitiv bleiben. Das beginnt damit, dass ich (Männern) nicht die Hand gebe, und obwohl ich das auf eine sehr graziöse Weise tue, mit einer Verbeugung, eher wie in Indien, konnten sie das nicht akzeptieren und haben darüber geschrieben.“

Wie aber vereinbart sie diese unterschiedlichen Welten mit ihrem Alltag als Filmemacherin? „Das fordert mich in jeder Hinsicht heraus. Religiös zu sein bedeutet ja, nicht im Zentrum zu stehen. Und dann stehe ich da plötzlich im Zentrum, und jeder gibt einem das Gefühl, etwas ganz Besonderes zu sein; und dann kommt man wieder nach Hause, steht in der Küche, und keiner dankt einem dafür, wie das eben so ist mit Kindern. Das größte Wunder ist jedesmal, dass mein Zuhause und meine Familie immer noch die Wahrheit für mich sind. Es kann passieren, dass ich von einer Reise zurückkomme und mein Mann mich am Flughafen abholt und ich zu ihm sage: ‚Dieses Mal wird mir die Rückkehr schwer fallen, und du musst mir helfen, dass ich wieder zuhause sein möchte.‘“

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