Iran über alles

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Ein Marathon der Erinnerungen und Zeremonien, der Trauer und des Stolzes: Vom Holocaust-Gedenktag über den Gedenktag der gefallenen Soldaten und Terroropfer zum Unabhängigkeitstag. Und über allem schwebt die Angst vor der iranischen Bombe. Von Gisela Dachs

Zu den seltsamsten Riten dieses Landes gehört der Übergang, ganz nahtlos, vom Yom HaSikaron, dem Gedenktag der gefallenen Soldaten und Terroropfern, zu den Feiern des Yom Hatzmaut, dem Unabhängigkeitstag. Auf einmal kippt da am Abend das kollektive Gefühl einfach um, von Trauer in Fröhlichkeit. Vielleicht klappt das ja, weil man einfach einmal wieder durchatmen muss.

Auf einmal kippt da am Abend das kollektive Gefühl einfach um, von Trauer in Fröhlichkeit.

Denn schon tagelang zuvor bestimmen die Geschichten von Toten den Alltag. In den Medien und in den Schulen erzählen Angehörige aus dem meist nur kurzen Leben von gefallenen Soldaten; ihre Briefe werden vorgelesen, die letzten via Handy versandten SMS-Botschaften nachgedruckt. Lehrer wischen sich die Tränen aus den Augen, wenn sie an ihre getroffenen einstigen Schüler denken, denen sie – vor nicht allzu langer Zeit – noch Mathematik oder Englisch beigebracht haben. Seit dem Sommer hat sich die Liste erneut um einige Dutzende verlängert.

Erinnert wird an diesem nationalen Gedenktag an all jene Kämpfer, die seit 1860 gefallen sind, als es Juden erstmals erlaubt war, sich in Palästina außerhalb der Jerusalemer Altstadtmauern niederzulassen. Mittlerweile sind da nun auch längst die Opfer von politischer Gewalt mit eingeschlossen.

Umstritten aber ist, wer da alles dazu gehört. Eine Plakette auf dem Militärfriedhof auf dem Jerusalemer Herzl-Berg zum Andenken an Terroropfer hat den Namen von Mohammed Abu Khdeir mit aufgenommen, jenes arabischen Teenagers aus dem Osten Jerusalems, der im vergangenen Juli umgebracht wurde, nachdem man die drei entführten jungen Israelis Gil-Ad Shaer, Naftali Frenkel und Eyal Yifrach, die im Westjordanland von Palästinensern entführt worden waren, ermordet aufgefunden hatte.

Den mutmaßlichen jüdischen Tätern wird vorgeworfen, Abu Khdeir verprügelt und verbrannt zu haben; sie stehen derzeit vor Gericht. Mohammeds Eltern und die Almagor-Vereinigung für Terroropfer wünschten sich nun, dass sein Name von der Plakette wieder verschwindet. Sein Vater argumentiert, dass sie keine israelischen Staatsbürger seien und diese Anerkennung nicht bräuchten, er wartete vielmehr auf den Ausgang der Justiz. Der Sprecher von Almagor wiederum spielte die Ermordung als „Tat von derangierten Kriminellen“ herunter, die keinesfalls vergleichbar sei mit den „institutionalisierten Handlungen von Staaten und feindlicher Organisationen“, die es auf die Existenz Israels abgesehen hätten. Inzwischen wurde Mohammeds Name von der Plakette wieder entfernt.

Der Staat Israel ist nun 67 Jahre. Das mag zwar dem hiesigen Rentenalter entsprechen, aber es handelt sich noch immer um ein junges Land, ohne feste Grenzen und nach wie vor geprägt von einer tiefen Unsicherheit. Daran ändert auch eine Bevölkerung von heute 8,3 Millionen nichts. Anlässlich des Holocaust-Gedenktags, der nur eine Woche vor dem Unabhängigkeitstag begangen wird, wurde eine neue Studie der Bar-Ilan-Universität veröffentlicht, die feststellt, dass erwachsene Kinder von Überlebenden sich stärker von einem atomaren Iran bedroht fühlten als andere. Die Studie Transmitting the Sum of All Fears: Iranian Nuclear Threat Salience Among Offspring of Holocaust Survivors erschien jüngst in der amerikanischen Zeitschrift Psychological Trauma, die sich mit Traumata und deren Folgen beschäftigt. An der Studie nahmen 106 Israeli teil. 63 wurden nach 1945 geboren und gehörten der so genannten „Zweiten Generation“ an; 43 wurden ebenfalls erst nach dem Krieg geboren, stammten aber von europäischen Eltern, die entweder noch vor dem Krieg nach Israel eingewandert oder in sichere Drittländer geflüchtet waren. Die Ergebnisse waren eindeutig: Angehörige der Zweiten Generation sorgen sich mehr im Hinblick auf die iranische Bedrohung, wobei ihre Ängste mit zunehmendem Interesse am Thema noch wachsen. Sie blicken aber auch mit skeptischeren Augen auf die Welt an sich, die aus ihrer Warte voller Bedrohung und Gefahren steckt. Es handle sich um eine Gruppe, die über Resilienz und mentale Ressourcen verfügt und deren Mitglieder im Alltag generell gut funktionieren, sagt die verantwortliche Forscherin Amit Shrira. Doch sie haben auch Verwundbarkeiten, die in stressigen Zeiten an die Oberfläche treten können.

Was uns zur Politik bringt. Während der große Rest der Welt erleichtert ist über das Rahmenabkommen mit dem Iran, bleibt man in Israel skeptisch. Auch weit hinaus über den unermüdlichen Warner Benjamin Netanjahu, der von einem „historischen Fehler“ sprach. Quer durch alle Lager herrscht die Sorge, dass dem iranischen Nuklearprogamm internationale Legitimität verliehen würde, dessen einziges Ziel die Atombombe wäre. In dieser Frage gibt es keine Opposition, erklärt Yair Lapid von der Zukunftspartei. „Wir alle fürchten, dass die Iraner den Deal untergraben.“

Israels erste offizielle Reaktion kam in Form einer Landkarte, versehen mit Pfeilen. Via Twitter-Meldung versuchte der Premierminister das Augenmerk darauf zu lenken, wie die langen Terrorarme Teherans in die Brandherde Jemen, Irak, Libanon, Syrien und Ägypten reichen – parallel zu den gesitteten Verhandlungen über sein Atomprogramm. Er wollte so dem Westen sagen: Unterschätzt nicht die Scheinheiligkeit dieses Regimes, das sich nach außen pragmatisch gibt, aber unter der Hand seine hegemonischen Bestrebungen in der Region skrupellos vorantreibt; warum sollte es seinen Kurs ändern, wenn die Sanktionen aufgehoben sind!

Dennoch hat sich der Tonfall verändert. Vieles deutet daraufhin, dass man die Energien – zumindest jetzt erst einmal – lieber in die Verbesserung des bestehenden Deals stecken will als in dessen Sabotage (wozu letztlich allein der amerikanische Kongress in der Lage wäre). Dahinter mag das Eingeständnis stecken, dass der eigene Ansatz ja bisher auch nicht gefruchtet hat. Netanjahu habe gehofft, dass der Iran entweder unter dem Druck der Sanktionen kapitulieren oder von einer amerikanischen Militäroperation in die Knie gezwungen würde, nichts davon aber sei eingetreten, schrieb Nachum Barnea in Yedioth Achronot. Auch bleibt die Frage nach den Alternativen. US-Präsident Obama hat sie so formuliert: Ob seine Kritiker denn wirklich dächten, dass dieser Deal eine schlechtere Option sei als das Risiko eines erneuten Krieges im Nahen Osten?

Für die Israelis fällt die Antwort darauf längst nicht so eindeutig aus wie für viele im Westen. „Wir hätten kein besseres Ergebnis erzielen können, selbst wenn Israel, die US oder andere Länder Militärschläge gegen Atomanlagen in Iran ausgeführt hätten“, argumentierte der Armeeexperte Ron Ben-Ishai. Denn diese hätten auch nur zu einer Verzögerung des Atomprogramms von wenigen Jahren geführt. Trotzdem warnt er vor verfrühtem Optimismus. Es bleibe unklar, was in zehn Jahren sein werde, und fraglich, ob sich Sanktionen einfach erneut verhängen ließen, sollte Teheran sich nicht an die Vereinbarungen halten.

Bild: © Nati Shohat/Flash 90

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