Israel verstehen

Israel ist ein widersprüchliches Land und bekanntlich nur „fast“ ganz normal. Das Projekt Understanding Israel soll das Verständnis erleichtern und jungen ÖstereicherInnen den jungen Staat näherbringen.

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Vier Österreicherinnen sind Pionierinnen des Projekts Understanding Israel. © Daniela Segenreich

Vier Stockwerke ohne Lift, es duftet intensiv nach Schokolade, und auf dem Tisch steht ein Teller mit frisch aufgeschnittener Wassermelone. Dass der Schokoladekuchen noch lange nicht fertig ist, liegt wohl am Backrohr, das schon ein wenig „outdated“ ist, und die Klimaanlage hat offensichtlich schon lange ihren Geist aufgegeben. „Zuerst waren wir ein bisschen schockiert über den Standard hier und den Zustand der Wohnung, dann haben wir viel geputzt, und jetzt geht das ganz gut …“, erzählt Helene Egginger von ihrer Ankunft in der Tel Aviver Bleibe, die jetzt bis zum nächsten Sommer ihr Zuhause sein wird. „Und wenn’s sehr heiß ist, halten wir untertags die Jalousien im Wohnzimmer geschlossen“, ergänzt Sara Hummel. Die beiden sind zwei von acht jungen Frauen, welche die alte Wohnung in Nord-Tel-Aviv miteinander teilen. Vier von ihnen sind aus Österreich und Pionierinnen des Projekts Understanding Israel. Sie haben sich dazu entschlossen, nach der Matura ein Jahr in Israel zu volontieren, und wirken trotz des unvermeidlichen Kulturschocks und der ersten etwas stressvollen Tage des Eingewöhnens eigentlich recht fidel.
Gab es denn keine Ängste bei den Familien, die Tochter oder Enkelin in ein Land aufbrechen zu lassen, von dem man immer wieder einmal beunruhigende Nachrichten hört? „Meine Oma fand das nicht so toll“ , erzählt die Innsbruckerin Sara. Und auch Helenes Familie hatte zuerst Bedenken. Aber als dann klar wurde, dass alles gut organisiert und vorbereitet ist und dass die Mädchen nicht alleine sind, stimmten alle Familien zu, und alle Eltern wollen ihren Töchtern dieses Jahr einen Besuch in ihrer neuen Umgebung abstatten.

Bei Raketenalarm gehen wir eben in den Bunker. Tel Aviv ist laut der ersten Eindrücke teilweise sehr europäisch und modern, Jerusalem mehr orientalisch und fremd, und die Soldaten, die man dort auf den Straßen sieht, für die Österreicherinnen manchmal etwas bedrohlich. Doch wie es scheint, haben die Newcomer bereits einige wesentliche Charakteristika des israelischen Lebens erfasst: „Israelis sind sehr direkt und sagen gleich, was Sache ist. Sie sind aber auch warm und hilfsbereit“, meint Anja, und Helene ergänzt: „Die Busverbindungen sind recht schlecht, wenn man pünktlich sein will, geht man am besten zu Fuß.“ Sie machten auch die Erfahrung, dass die Sicherheitssituation bei Weitem nicht so schlimm ist, wie sie in den Medien dargestellt wird. „Und falls es doch Raketenalarm geben sollte, dann gehen wir eben in den Bunker“, erklärt Helene unbeeindruckt.
Die Kommunikation in den Kindergärten der Frauenorganisation Na’amat, wo die Österreicherinnen volontieren, funktioniert mit „ein wenig Englisch, mit Händen und Füßen und viel Pantomime“ recht gut, und die wichtigsten Vokabel, wie „Mozez“ (Schnuller) und „Bakbuk“ (Flasche), waren schnell erlernt. Verwundert berichten die jungen Frauen darüber, dass in den Tagesstätten und Krabbelstuben die jüdischen, christlichen und teilweise auch die muslimischen Feiertage alle gefeiert werden und dass es dort auch arabische Kindergärtnerinnen gibt. Alle seien sehr offen und herzlich zu ihnen, doch etwas schockierend finden die Volontärinnen die enorm große Anzahl von Kindern in den Gruppen. Und was tun, wenn die Laden mit den Schnullern nur in Hebräisch beschriftet sind? Man muss also 35 Namen und die dazugehörigen Schnullerfächer auswendig lernen, was aber nach zwei Wochen schon ganz gut geht.

»Israelis sind sehr direkt und sagen gleich,
was Sache ist. Sie sind aber auch warm
und hilfsbereit.«

Anja

Taufpate dieses Projekts ist der österreichische Historiker und Politikwissenschaftler Andreas Maislinger. Er hat noch in den 1990er-Jahren den „Gedenkdienst“ geschaffen, in dessen Rahmen junge Österreicher erstmals im Konzentrationslager Auschwitz oder in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem recherchieren und arbeiten konnten, anstatt in der Armee „Habt Acht!“ zu stehen. Die Intention des Gedenkdienstes war es laut Maislinger, das Eingeständnis der Mitschuld Österreichs am Holocaust zu betonen und Verantwortung bewusst zu machen. Inzwischen haben viele Dutzende junge Leute ihren Beitrag zum Gedenken an ausländischen Institutionen, die thematisch mit der Schoah verknüpft sind, geleistet. Und in der Folge gründete Maislinger den österreichischen Freiwilligen-Dienst, den es, wie er stolz sagt, in mittlerweile beinahe dreißig Ländern gibt. Mit Understanding Israel wurden jetzt noch mehr Möglichkeiten für Volontäre in Israel geschaffen, und es können nun auch Mädchen nach der Schule ein sinnvolles Jahr in Israel verbringen. Sollten nächstes Jahr wirklich zwanzig junge ÖsterreicherInnen nach Israel aufbrechen, wäre das ein absoluter Rekord für die Organisation.
Dass sich bei den, wie er meint, „in Israel doch etwas komplizierten Gegebenheiten“ in so kurzer Zeit schon die ersten acht Freiwilligen gefunden haben, findet der gebürtige Salzburger bemerkenswert. „Israel ist für mich ein besonderes Land“, erklärt er sein „Herzensprojekt“, den jungen Menschen näherzubringen, was dieses Land ausmacht, und mit Klischeevorstellungen aufzuräumen. Er selbst war schon als Student im Kibbuz und hat sich viel mit der israelischen Politik und der jüdischen Geschichte befasst. Doch dieser neue Rahmen ist auch für jene geeignet, die nicht unbedingt politisch interessiert sind und dennoch etwas Sinnvolles tun wollen.

Den Holocaust nachvollziehbarer machen. Das neue Programm schließlich auf die Beine gestellt haben drei ehemalige Gedenkdiener und Mitarbeiter des Auslandsdienstes, die die Israel-Erfahrung einer größeren Zahl von jungen Menschen zugänglich machen wollten. Einer von ihnen ist Daniel Haim, der selbst schon „gefühlte neun Jahre“ mit dabei ist und mitgeholfen hat, das Programm pädagogisch vorzubereiten. Er hat mit achtzehn als Gedenkdiener seinen einjährigen Zivildienst in Auschwitz im Jüdischen Zentrum verbracht, wo es vor allem um die Dokumentation von jüdischem Leben vor dem Holocaust geht: „Ich wollte einen Beitrag dazu leisten, das alles nachvollziehbarer zu machen.“ Im Rückblick war das für ihn bei aller Problematik auch eine sehr bereichernde und erfüllende Arbeit.
Der Vorarlberger und seine beiden Wiener Kollegen sind in regelmäßigem Kontakt mit den Volontären, darunter auch mit den vier jungen Österreichern, die dieses Jahr im Levinstein-Rehabilitationszentrum in Ra’anana im Einsatz sind, wo Menschen nach schweren Unfällen, Patienten nach einem Schlaganfall und von Geburt an Behinderte behandelt werden. „Die Arbeit ist sicher mental anstrengend“, gibt Haim, der selbst gegenwärtig mit einem Fulbright-Stipendium in New York studiert, zu. Er meint aber, dass die jungen Männer sowohl von ihrem Projektpartner, der Israeli Volunteer Association, wie auch in den monatlichen Online-Konferenzen von Österreich aus gut betreut werden. Aufbauend sind für sie auch die kleinen Erfolgsmomente, wenn zum Beispiel ein Patient plötzlich wieder selbstständig einige Schritte machen kann.
„Wir haben wirklich Glück gehabt“, freut sich Haim: „Alle acht Bewerber für dieses Jahr haben die richtige Motivation und passende Einstellung für die Arbeit mitgebracht.“ Nach ihrer Rückkehr im Herbst sollen die jungen Leute dann an Schulen über ihre Israel-Erfahrungen berichten und bei der Vorbereitung der nächsten Freiwilligen mithelfen, die vielleicht auch die Möglichkeit haben werden, in einem Kibbuz mitzuarbeiten. Bleibt zu hoffen, dass die neue Staffel genauso viel Enthusiasmus und Arbeitseifer mitbringt wie ihre Vorgänger.

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