„Schon der Dialog kann eine Form von Mut sein“

Friedliche Umarmung im Wiener Musikverein – nach dem Konzert mit Zubin Mehta. Musiker aus Israel und Palästina spielen zusammen – das wohl politischste Orchester der Welt.

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©Julia Wesely

Es war menschlich, zutiefst berührend und gleichzeitig eine Zitterpartie: Der knapp 90-jährige Dirigent Zubin Mehta war jüngst mit dem West-Eastern Divan Orchestra (WEDO) an den Ort gekommen, an dem er bereits Mitte der 1950er-Jahre mit seinem Kontrabass-Professor erstmals eine Probe der Wiener Philharmoniker besucht hatte. Bald darauf studierte der junge Mann aus Indien bei Hans Swarowsky Dirigieren und leitete die Philharmoniker fünfmal beim Neujahrskonzert.

Das Zittern bezieht sich auch keineswegs auf sein Dirigat, dieses war leidenschaftlich und präzise wie immer. Doch der von einem Krebsleiden Genesene wurde im Rollstuhl auf das Podium gefahren und hatte große Mühe, trotz Hilfe, auf dem hohen Stuhl Platz zu nehmen. Zubin Mehtas Liebe zum Wiener Publikum stieß dann auch auf die Jahrzehnte gepflegte Gegenseitigkeit: Er wurde mit Jubelstürmen begrüßt. Doch als er sich ganz leicht seitlich zum Saal hinwenden wollte, befürchteten viele einen Ausrutscher. Alles ging gut, der Maestro strahlte selig.

Einen Ausrutscher wegen einer anderen Liebe lieferte der Maestro vor einem Monat mit einem Interview in India Today: Seinem Credo, wer Kunst macht, solle sich auch zu politischen und gesellschaftlichen Fragen äußern, blieb er insofern treu, als er wegen Netanyahus-Palästinenser-Politik vorläufig alle Konzerte in Israel absagte. Das ist umso trauriger, weil er erst 2019 als „Musikdirektor auf Lebenszeit“ nach 40 Jahren vom Israel Philharmonic Orchestra Abschied genommen hatte. Auf Drängen israelischer Kulturschaffender und Freundinnen ließ er verlauten, dass er zum 90. Gründungsjubiläum des IPO doch wieder zu „seinem“ Orchester anreisen werde.

Der Abend im Wiener Musikverein trug ein starkes Zeichen für den interkulturellen Dialog: Mit dem West-Eastern Divan Orchestra, das seit 25 Jahren einen festen Platz in der internationalen Musikwelt hat, und mit einer paritätischen Anzahl israelischer und arabischer Musikerinnen und Musikern, sowie Mitgliedern aus der Türkei, dem Iran und Spanien die Basis des Ensembles bildet, gab Mehta am Sonntagabend nach Wagners Rienzi-Ouvertüre und Beethovens Achter noch Tschaikowskys Vierte Symphonie. Das Orchester musizierte auf höchstem Niveau, mit dramatischen Klangfarben und technischer Präzision. Mehta blühte beim Dirigat richtig auf, wählte zwar teils breitere Tempi, die dennoch eine enorme Spannung und Detailgenauigkeit aufboten. Mehtas musikalische Reife und tiefe emotionale Verbindung zum Orchester kamen voll zur Geltung. Der Abend endete mit lautstarkem Jubel und stehenden Ovationen.

 

©Julia Wesely

Der starke und lang anhaltende Auftrittsapplaus für das junge und gut durchmischte Orchester beförderte in diesem Fall auch eine politische Botschaft: Man bejahte damit die Existenz und lobte die Arbeit eines Klangkörpers, der über alle politischen Zerwürfnisse hinweg Israelis und Palästinenser zusammenarbeiten lässt. Und das seit 1999, als Daniel Barenboim gemeinsam mit seinem Freund, dem palästinensischen Literaturwissenschaftler Edward W. Said, das West-Eastern Divan Orchestra gründete. Barenboims älterer Sohn, der Geiger Michael und die Witwe von Said waren im Publikum.

Denn der einzige politische Aspekt ist die Überzeugung, dass es keine militärische Lösung für den Nahostkonflikt gibt und die Schicksale von Israelis und Palästinensern untrennbar miteinander verbunden sind. Das Orchester will beweisen, dass Brücken gebaut werden können, um Menschen zu ermutigen, der Geschichte des anderen zuzuhören. Denn alle Beteiligten wissen, dass Musik allein den arabisch-israelischen Konflikt zwar nicht lösen kann, aber sie gibt dem Einzelnen das Recht und die Pflicht, sich voll auszudrücken und gleichzeitig seinem Nächsten zuzuhören. Durch dieses Konzept von Gleichheit, Zusammenarbeit und Gerechtigkeit stellt dieses Orchester ein Gegenmodell zur aktuellen Situation im Nahen Osten dar. Benannt ist es nach Johann Wolfgang von Goethes Gedichtsammlung West-östlicher Divan, einem zentralen Werk für die Entwicklung einer Weltkultur.

„Schon der Dialog kann eine Form von Mut sein“, heißt es unter anderem in den Principles, die ein kürzlich gewähltes siebenköpfiges Orchesterkomitee sich selbst als moralischen Kompass auferlegt hat. Den 7. Oktober 2023 nennt Jussef Eisa, Sohn eines Palästinensers und einer Deutschen, den Auslöser für die Gründung des Komitees. Das Massaker der Hamas und der Krieg in Gaza bedeuteten eine zusätzliche Zerreißprobe. Sie versuchen noch vorsichtiger miteinander umzugehen: „Viele von uns trauern um Menschen oder sorgen sich um Familien und Freunde. Deshalb ist es umso wichtiger geworden, dass wir einen sicheren Raum haben, in dem wir unseren Schmerz teilen, zusammen lachen, weinen – oder auch mal streiten können.“ Manche wollten einfach nur musizieren, andere wollten unbedingt reden, stellt Eisa, der Klarinettist fest.

„Wir glauben, dass menschliches Engagement die Welt zu einem besseren Ort machen kann; Workshops zur gewaltfreien Kommunikation helfen dabei ebenso wie Vorträge und Diskussionen“, so Tal Theodorou, die in Berlin lebt, wo sie auch studiert hat. Ihr Großvater ist Schoa-Überlebender, die Eltern wohnen in Ashkelon, unweit von Gaza. „Wir sind der Beweis dafür, dass verschiedene Wahrheiten, Perspektiven und Narrative nebeneinander bestehen können, sie aber nicht dazu führen müssen, dass wir einander canceln.“

Ursprünglich wurde das Orchester 1999 in Weimar gegründet, hatte lange Zeit seine Basis in Sevilla, Spanien: Seit 2017 in Berlin ansässig, ist das Orchester eng mit der Barenboim-Said-Akademie und dem Pierre Boulez Saal in Berlin verbunden, wo auch die Ausbildung der Musiker stattfindet. Jeden Sommer treffen sich die Musikerinnen und Künstler zu Proben, gefolgt von einer internationalen Konzerttournee durch die renommiertesten Musikzentren, darunter die Berliner Philharmonie, die Mailänder Scala, der Wiener Musikverein, die Carnegie Hall in New York, das Tschaikowski-Konservatorium in Moskau, die Hagia Irene in Istanbul, die Salle Pleyel in Paris sowie das Teatro Colón in Buenos Aires. Zudem tritt es regelmäßig bei den BBC Proms, dem Lucerne Festival und den Salzburger Festspielen auf. Gefragte Solistinnen spielen mit dem Wedo, darunter Martha Argerich, Yo-Yo Ma, Waltraud Meier und Anne-Sophie Mutter, die mittlerweile auch zu Ehrenmitgliedern ernannt wurden.

„Antisemitische Parolen hier, Islamfeindlichkeit dort: Unser Orchester setzt der Lagerbildung die tiefe Verbindung beim Musizieren entgegen“, ist die Bratschistin Tal Theodorou überzeugt. „Wenn Jussef ein Solo auf der Klarinette spielt, unterstützen wir ihn nach Kräften und wollen, dass er sein Bestes gibt – ganz gleich, ob wir in anderen Dingen einmal uneinig sind.“

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