Zeitbilder – Israelisches Kino nach dem 7. Oktober

Am 17. März startet eine vom Historiker und Filmwissenschafter Frank Stern kuratierte Filmwoche mit aktuellen Filmarbeiten aus Israel. Zu sehen sind dabei im Metro Kino in Wien viele Arbeiten von Regisseurinnen – insgesamt werde das israelische Kino immer weiblicher, erklärt Stern im Interview mit WINA. Der 7. Oktober 2023 ist in vielen Filmen präsent, nicht immer steht er dabei im Vordergrund. Der 7. Oktober und der darauffolgende Krieg haben den Alltag in Israel geprägt. Und da Film gerade in Israel immer auch die gesellschaftliche Realität abbilde, laufen diese aktuellen Entwicklungen im Hintergrund immer mit, erläutert der Forscher.

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WINA: Erinnerungen und Visionen. Kino aus Israel nach dem 7. Oktober 2023, so der Titel einer von Ihnen programmierten Filmwoche diesen März in Wien. Welche Visionen sind Ihnen in den nun präsentierten Filmarbeiten begegnet?

Frank Stern: Israelisches Filmschaffen, das sind auch immer Zeitbilder. Der israelische Film hat stets einen Bezug zur israelischen Realität. Ein Spielfilm braucht meist eine Produktionszeit zwischen ein und drei Jahren, bis er auf Festivals oder in die Kinos kommt. Es gibt also noch wenige Spielfilme, die sich mit dem 7. Oktober auseinandersetzen. Wir haben aber sehr viele Kurzfilme von jungen, begabten Studierenden oder Absolventen der Filmschulen in Israel. Was wir mit unserer Filmreihe nun machen, ist daher eine Art Zwischenbilanz der israelischen Filmgeschichte und der Geschichte des jüdischen Staates insgesamt zu ziehen. Da spielt der 7. Oktober eine wichtige Rolle. Was auffällt: Frauen sind heute im israelischen Film sehr präsent. Das spiegelt auch der Eröffnungsfilm wider.

Retrospektive: Erinnerung und Vision.
Kino aus Israel nach dem 7. Oktober ’23

17. bis 24. März 2026 – Eine Filmreihe im Metro Kino Wien

Kuratiert von Frank Stern

Das ganze Programm dieser Filmwoche findet sich hier:
filmarchiv.at/de/kino/filmreihe

Für Interessierte gibt es am
Mittwoch, den 18. März 2026,
einen Workshop mit der Regisseurin Smadar Zamir über Frauen im israelischen Film.

Voranmeldung:
frank.stern@frank-stern



Die Filmwoche ist eine Kooperation der IKG.Kultur mit
der Cinematheque Jerusalem, israelischen Regisseuren und Regisseurinnen,
der Botschaft des Staates Israel,
der FilmUni Wien,
dem Institut für Judaistik an der Universität Wien,
dem Jüdischen Filmclub Wien und
dem Filmarchiv Austria.

Die Filmreihe startet mit der Dokumentation „No Cakes from the Homefront“ von Smadar Zamir. Darin befasst sie sich mit dem Jom Kippur Krieg im Jahr 1973 und arbeitet heraus dass sich israelische Frauen innerhalb von 72 Stunden in einer Welt ohne Männer befanden. Wie ähnlich oder wie anders war die Rollenverteilung im aktuellen Krieg und ist das auch in den Filmarbeiten ablesbar?

Die Bilder, die Smadar Zamir in den Archiven aufspüren konnte, zeigen im Wesentlichen ein männliches Militär. 2023, 2024, 2025 haben Frauen im israelischen Militär eine große Rolle gespielt – von der Pilotin bis zur Panzerkommandantin. Das war 1973 noch nicht der Fall. Was aber 1973 passiert ist: es hat einen großen Emanzipationsschub in der israelischen Gesellschaft gegeben.

Der Film geht aber auch sehr stark auf den Verlauf des Krieges und auf die Reaktion von Ministerpräsidentin Golda Meir ein. Sie hat damals volle Verantwortung übernommen. Sie hat ihr Amt niedergelegt, bis eine Untersuchungskommission befunden hat, dass die politische Führung keine Fehler gemacht hat. Dennoch hat Golda Meir auch für ihr persönliches Leben Konsequenzen gezogen. Hier endet der Film, weiter darf er auch gar nicht gehen. Was Zamir aber auch macht: Sie thematisiert den Brief einer Israelin, deren Mann in dem Krieg gefallen ist, an die First Lady in Ägypten sowie deren Antwortschreiben. Es ist also der Versuch, eine Perspektive, eine Vision zu entwickeln, dass man zusammenkommen kann, wenn man will.

Und wenn ich mir da aktuell die Rolle der Frauen in der Hostages-Bewegung ansehe, dann spiegelt sich diese stark in unserer Filmwoche wider. Die Mehrheit der gezeigten Filme sind auch von Regisseurinnen und die Mehrheit der Hauptdarsteller und Hauptdarstellerinnen sind weiblich. Und ich sage es mal direkt: viele Themen können so nur von Frauen behandelt werden. Film-Power in Israel ist heute Women-Power. Das ist eine neue Entwicklung.

Hat das vielleicht auch damit zu tun, dass durch die Kriegsjahre jetzt – vor allem auch durch einen in der Geschichte Israels ungewöhnlich langen Krieg – das zivile Leben stärker von Frauen getragen wurde?

Nein, das würde ich nicht sagen. Etliche der gezeigten Filme sind Erstlingsfilme von Frauen, die eine der Filmschulen in Israel absolviert haben. Andere Arbeiten sind von jungen Menschen, die noch studieren. Es sind ja auch viele Männer beteiligt. Das Herausragende und Erstaunliche ist, wieviele Regisseurinnen es gibt. Und das hängt mit der Entwicklung an den Filmschulen in den vergangenen zehn Jahren zusammen. Bei der Gründung des Staates war der Film ein männliches Feld. Da hat eine massive Verschiebung stattgefunden. Dazu kommt, dass die meisten Filmemacherinnen selbst in der Armee gedient haben und sie auch ihre Erfahrungen schildern.

In vielen Filmen wird auch die Zusammenarbeit mit israelischen Palästinensern thematisiert. Dieser Aspekt bleibt im Film anderswo meist außen vor, aber das stimmt ja so nicht. Die Anzahl der jungen Leute aus Nazareth, muslimisch oder christlich, die an Filmschulen oder Schauspielschulen studieren und in die israelische Kultur, aber eben auch die israelisch-palästinensische Kultur wirken, wächst ständig und das schlägt sich auch in den Filmen nieder.

Al klavim veanashim / OF DOGS AND MEN. Regie: Dani Rosenberg,2024.

Der Film Of Dogs and Men lässt die Ereignisse vom 7. Oktober in Nir Oz Revue passieren. Andere im Rahmen der Filmwoche gezeigte Streifen verhandeln andere Themen – in My One and Only geht es zum Beispiel um Aberglauben im orthodoxen Milieu. Ist der 7. Oktober dennoch spürbar?

Of Dogs and Men ist der zweite Spielfilm von Dani Rosenfeld. Er hat schon kurz nach dem 7. Oktober von der Geschichte gehört, wie ein junges Mädchen nach ihrem Hund sucht. Er hat dann um Erlaubnis gebeten, in den zerstörten Kibbuz zu gehen und mit einer jungen Schauspielerin – die Überlebende wollte er nicht quälen – die Realität in Nir Oz zu filmen. Alle anderen Rollen spielen die Betroffenen selbst. Das ist sehr gewagt, auch unter einem ethischen Aspekt, die Überlebenden des Kibbuz ohne Vorgabe sprechen zu lassen. Das macht diesen Film zu einem einmaligen Film.

Für mich ist es interessant, dass es in Deutschland wahnsinnig herbe Kritik an dem Film gibt, weil die Originalstimmen der Überlebenden kann die nichtjüdische Filmkritik offensichtlich nicht ertragen. Das kennen wir ja auch aus anderen Situationen: offizielle Gedenkveranstaltungen und -reden ja, aber wenn es um das Direkte und Intime geht, dann ist da Schweigen und Wegschauen. Zum ungemein schmerzhaften Interview mit der jungen überlebenden Geisel Romi Gonen haben die Medien hierzulande geschwiegen. Warum wohl?

Kommt der 7. Oktober auch in Filmen zu anderen Themen vor? Fast immer, aber dann künstlerisch, ästhetisch, narrativ. Wir zeigen zum Beispiel Bella von Zohar Shachar und Jamal Khalaily, eine schwarze Komödie. Bella ist eine Taube, die vererbt wird, aber der junge Israeli, der sie erbt, bekommt zunächst gar nicht mit, wie wertvoll sie ist und schenkt sie seinem israelisch-palästinensischen Freund, der sich Jahrzehnte um seinen Vater gekümmert hat, während er selbst im Ausland war. Dann möchte er sie zurück, doch die Taube ist inzwischen bei der Familie des Freundes in der Westbank. In der Folge kommt es zu absurden, surrealistischen, aber auch komischen Situationen, die aber eben auch viele Nuancen des Alltags in Israel und den palästinensischen Gebieten aufzeigen. Da ist auch der 7. Oktober spürbar, aber eben als Hintergrund, als etwas, das alle wissen.

Stärker wird die aktuelle Situation in den Kurzfilmen verhandelt, Hotel Sanctuary von Rotem Pesachovish etwa zeigt das Herods Hotel Tel Aviv, in dem bis heute Überlebende des 7. Oktober untergebracht sind. Not my Weekend von Rona Segal schildert die Suche einer Frau nach einem Babysitter für ihre Tochter an einem Freitag Abend, weil sie auf ein Rave fahren möchte. Am Ende verstehen wir, sie will zum Rave im Negev.

Der 7. Oktober ist also im Hintergrund immer da.

Ja, er ist da, weil er auch in der israelischen und diasporischen Realität immer da ist. Wir zeigen eine Woche jeden Abend einen Langfilm und einen Kurzfilm, wobei die Kurzfilme keine Ergänzungen zum Langfilm sein sollen, sie sind eigene künstlerische Werke, die zum Nachdenken anregen. Noch haben wir nicht alle filmischen Antworten auf den 7. Oktober, das wird dauern. Gerade die Kurzfilme gehen aber schon stärker auf den 7. Oktober ein. Und ich finde es eine große Leistung des israelischen Kinos, dennoch so kurz nach dieser Zäsur bereits mit filmischen Reaktionen, Antworten, Visionen, mit filmischem Nachdenken aufzuwarten.

Wie Sie für den Film Bella hier schon ausgeführt haben: im israelischen Kino werden auch palästinensische Positionen verhandelt, weil eben in Israel nicht nur jüdische Israelis, sondern auch arabische Israelis leben. Im globalen Diskurs nach dem 7. Oktober dominieren Schlagworte wie Genozid und Apartheid. Inwiefern dokumentiert das israelische Filmschaffen auch das Zusammenleben verschiedenster religiöser und ethnischer Gruppen in Israel, das außerhalb des Landes oft nicht wahrgenommen wird oder nicht wahrgenommen werden will?

Wir zeigen zum Beispiel auch den ersten Spielfilm des israelischen Beduinen Yousef Abo Madegem, Eid. Ich könnte auch einen Spielfilm eines jungen Regisseurs oder einer jungen Regisseurin mit äthiopischem Hintergrund oder Arbeiten von Regisseuren, die aus Nazareth kommen, zeigen. Oder von Drusen. Gerade im filmischen Bereich gibt es da immensen Nachwuchs und immense Talente aus allen Bevölkerungsgruppen.

Was für ein Wiener Publikum sicher auch neu ist: In Jerusalem gibt es seit ein paar Jahren einen Filmstudiengang für junge, ultra-orthodoxe Frauen. Das ist etwas neues in der traditionellen Kultur Israels. Und diese jungen Frauen beginnen Meisterwerke zu produzieren. Ich zeige eine Arbeit der Regisseurin Inbar Namdar, Leiterin der Haredi Women Filmausbildung. In ihrem Film „Soul Sister“ geht es darum, wie es ist, wenn in einer Familie ein Mitglied immense psychische Probleme hat. Was trägt in diesem Fall eine junge Frau an Problemen in die orthodoxe Familie hinein, wenn sie aus dem Heim, in dem sie lebt, am Schabbat zu ihrer Familie kommt, in der doch alles geordnet und eindeutig sein sollte? Frauen wie Inbar Namdar zeigen, dass sie etwas zu sagen haben, dass die ultra-orthodoxe Filmkultur Teil der jüdischen Lebenswelten geworden ist.

Zu sehen sein wird auch der Film Nandauri – The Heart Longs to Return von Eti Tsicko. Hier geht es um die Beziehung einer israelischen Anwältin zu Georgien, aus dem ihre Familie stammt. Der Film wird auf Georgisch gezeigt und illustriert sehr schön das Thema Identität zwischen der Heimat Israel und der Diaspora in Georgien, wobei die Juristin, die in dieser Geschichte nach Georgien reist, um ein Kind von dort zur Mutter nach Israel zu bringen, klar in Israel verankert ist. Es geht also nicht mehr um ein Hin- und Hergerissen sein. Sie merkt aber auch, dass sie nach wie vor Georgisch spricht, dass auch das zu ihr gehört. Das könnte gerade für die Wiener jüdisch-georgische Community ein interessanter Film sein.

Nandauri – THE HEART LONGS TO RETURN. Regie: Eti Tsicko, 2025.

Stichwort Identität. Der 7. Oktober 2023 hat auch den Alltag von Juden und Jüdinnen in der Diaspora weltweit verändert. Ist auch das Thema im israelischen Kino?

Diese Filme sind noch nicht da, die kommen erst noch – hoffentlich. Und diese Filme werden israelische und europäische Filmemacher und -macherinnen drehen müssen. Ich merke beim amerikanisch-jüdischen Film, dass die keine Ahnung haben, was wir in Europa derzeit erfahren. Die Franzosen versuchen sich dem zu nähern, da gibt es hervorragende Filme über Antisemitismus in Frankreich und Aliyah. Aber konkrete Arbeiten über die Auswirkungen des 7. Oktober, das wird noch dauern.


Frank Stern beim Interview in der Sonne
Frank Stern

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